Die Strahlefrau mit dem Crack-Pfeiferl

Kritik „Whitney: Can I Be Me“, die Whitney-Houston-Dokumentation von Nick Broomfield und Rudi Dolezal, erzählt von einer, die an ihrem Image als schwarze Sauberfrau für ein weißes Publikum zerbrochen ist, und räumt mit Vorurteilen auf.

Whitney Houstons frühe Alben waren von einer Gelacktheit, die afroamerikanische Hörer abstieß.
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Whitney Houstons frühe Alben waren von einer Gelacktheit, die afroamerikanische Hörer abstieß.
Whitney Houstons frühe Alben waren von einer Gelacktheit, die afroamerikanische Hörer abstieß. – (c) REUTERS (Mario Anzuoni)

„Schlägt ihr Herz noch?“ „Nein“ – der Dialog zwischen Hubschrauberpilot und Rettungsflieger verläuft knapp. Grobkörnige, leicht verwackelte Bilder des nächtlichen Los Angeles, knatternde Rotorenblätter, es folgt eine Totale der Stylistin Ellin Lavar: „She died from a broken heart.“ Es war der 11. Februar 2012, an dem das Leben der afroamerikanischen Sängerin, die fast ausschließlich für das weiße Poppublikum gesungen hat, jäh zu Ende ging. Es folgen Bilder eines Konzerts in Frankfurt von 1999, jener Tour, die für Whitney Houston endgültig zum Wendepunkt ins Negative wurde. Noch war die Stimme halbwegs intakt, aber die Zeichen mehrten sich, dass es bald nicht mehr so sein würde. Ihr helles Organ zeigte damals erstmals richtige Schwächen. „Whitneys Stimme war ein Werk Gottes. Weil diese jetzt nicht mehr wie eine geölte Maschine funktionierte, glaubte sie, dass ihre persönliche Beziehung zu Gott vergiftet sei“, erläutert eine Backgroundsängerin.

In Wahrheit war der Verlust ihrer Hochoktanstimme eigenen Schwächen geschuldet. Der britische Filmemacher Nick Broomfield und der österreichische Videofilmer Rudi Dolezal blicken in ihrer Dokumentation „Whitney: Can I Be Me“ überraschend mutig hinter die Kulissen. Whitney Houstons Mutter, das war die Sängerin Cissy Houston, eine gottesfürchtige Frau, die ihre Tochter streng kontrollierte, ja dressierte. Cissy Houston sang im Background für Stars wie Aretha Franklin und Elvis Presley. Die große Karriere blieb ihr verwehrt. Um so verbissener, versuchte sie ihre Tochter Whitney zu einer solchen zu drillen: In einem Moment sieht man die zwölfjährige Whitney im weißen Kleid hochenergetischen Gospel singen, im nächsten erzählt ihr Bruder Gary davon, dass er bereits mit zehn Jahren Heroin ausprobiert hat.

 

Als Teenager griff sie zu den Drogen

Whitney Houston hat schon als Teenager habituell Drogen genommen. Das ist neu. Zu gern waren ihre Fans bislang dem Narrativ aufgesessen, dass sie erst durch ihren Ehemann, den Sänger Bobby Brown, mit starken Drogen in Berührung gekommen wäre. „Whitney: Can I Be Me“ zeigt, wie Houstons Leben schon früh von Widersprüchen geprägt war, die Ursache für ihren vom Management diskret behandelten Hang zur Selbstzerstörung waren.

Houston war nicht nur Opfer des Ehrgeizes ihrer Mutter. Noch schlimmer setzte ihr offizieller Entdecker Clive Davis, ihr zu. Davis, Förderer und Vermarkter von so unterschiedlichen Stars wie Janis Joplin, Patti Smith und Alicia Keys, huldigte ihr als Geschöpf, das er nach seinen Vorstellungen formen konnte. Seine Vision war, aus Whitney Houston, dem afroamerikanischen Mädchen aus dem Ghetto von East Orange, New Jersey, einen Popstar für das weiße Publikum zu kreieren. Davis tüftelte dieses Sauberfrauimage im Dienste der Gewinnmaximierung aus und blieb dabei, als sich schon die Balken im Lügengebäude bogen.

Das wurde 2009 besonders deutlich, als er zur Plattenpräsentation von „I Look to You“, dem letzten Houston-Album, ins noble Londoner Mandarin Oriental Hotel lud. Ein letztes Mal präsentierte er sie als Strahlefrau. Sprechen durfte sie dabei nichts, außer einer kleinen Grußformel. Mit nachgerade diabolischer Verve versuchte Davis, die internationale Presse auf die richtige Lesart einzuschwören. Immerhin waren auf dieser Liedsammlung mit ihrem letzten Nummer-eins-Hit, „Million Dollar Bill“, und der Coverversion von „A Song for You“ zwei Songs von afroamerikanischer Anmutung darauf.

Das schien ein Zugeständnis an Houstons Bestrebungen zu sein. Ihre frühen Alben waren ja von einer Gelacktheit, die afroamerikanische Hörer abstieß. Zum Tiefpunkt dieser Entfremdung von den eigenen Wurzeln geriet ein Auftritt bei den Soul Train Awards 1989, wo sie brutal ausgebuht wurde. Das war eine von mehreren Wunden, die sich nicht mehr schließen sollten. Dabei hätte ihre musikalische Laufbahn auch einen ganz anderen Verlauf nehmen können. Ihre erste Aufnahme in einem professionellen Studio machte Houston nämlich mit dem Jazzsaxofonisten Archie Shepp. „Memories“ hieß das Lied, das sie als 19-Jährige aufnahm.

„Whitney: Can I Be Me“ zeichnet in entlarvenden Backstageaufnahmen und Interviews das Bild einer passiv-aggressiv revoltierenden Ikone. Triumphen auf der Bühne standen innere Leere, habituelle Dröhnung mit Crack und Kokain gemeinsam mit ihrem meist dümmlich wirkenden Ehemann gegenüber. Dass Whitney Houstons geheime lesbische Beziehung zu ihrer Vertrauten Robyn Crawford von ihrer Familie und dem Management aus Sorge ums Image letztlich gekappt wurde, war jener Punkt, der die Abwärtsspirale endgültig beschleunigte. Die gut montierte Dokumentation erhellt die Zusammenhänge zwischen Triumph und Niederlage, zeigt, dass fortgesetzte Fremdbestimmung letztlich tödlich sein kann. Nach diesem Film wirkt es wie ein Wunder, dass Whitney Houston überhaupt 48 Jahre alt werden konnte.

ZUR PERSON

Whitney Houston, 1963 in Newark geboren, eroberte wie ihre Tante Dionne Warwick eineinhalb Dekaden zuvor mit ihrer Vokalgymnastik das weiße Mainstreampublikum. 1985 verkaufte sie von ihrem Debütalbum 25 Millionen Stück. Insgesamt konnte sie in ihrer Karriere mehr als 170 Millionen Tonträger absetzen. 2009 hatte sie mit „Million Dollar Baby“ den letzten Nummer-eins-Hit. 2012 verstarb sie nur 48-jährig an Drogen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2017)

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