Mit Disney zurück ins Leben

Doku. „Life, Animated“ erzählt die Geschichte eines Autisten, der dank Zeichentrickfilmen einen Draht zur Welt fand. Berührend – aber auch ein Walt-Disney-Werbevideo.

Diagnose: Autismus. Owen Suskind in „Life, Animated“.
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Diagnose: Autismus. Owen Suskind in „Life, Animated“.
Diagnose: Autismus. Owen Suskind in „Life, Animated“. – (c) Disney

Wenn man über Filme spricht, spricht man oft über sich selbst. Die Figuren, die gefallen, die Szenen, die sich einprägen – all das erzählt meist mehr über die Gefühlswelt des Betrachters als über die „objektive“ Qualität eines Films. Kino kann (wie jede andere Kunstform) als Kommunikationsinstrument dienen, mit dem sich Innerstes ganz ohne Seelenstriptease nach außen kehren lässt. Mit dem Dinge ausgedrückt werden können, für die einem sonst die Worte fehlen. Und teilt man die Liebe (oder die Verachtung) für einen bestimmten Film(-Moment) mit jemandem, dann teilt man in der Regel mehr als nur das.

Für die meisten Menschen ist dieser Vermittlungscharakter ein Hilfsmittel. Für Owen Suskind, die Hauptfigur der oscarnominierten Doku „Life, Animated“, wurde er zum Rettungsanker. Im Alter von drei Jahren „verschwand“ Owen in seine eigene Welt, wie sein Vater Ron – Journalist, Pulitzerpreisträger, und Autor der Filmvorlage – erzählt. Er begann zu brabbeln, verlor sein Koordinationsvermögen, war irgendwann kaum noch ansprechbar. Diagnose: Autismus. Die Hoffnung auf Besserung schwand Tag für Tag. Nur bei seiner Lieblingsbeschäftigung, der Sichtung von Disney-Zeichentrickfilmen, schien Owen halbwegs mit seiner Umwelt in Einklang.

Eines Tages (denn nicht von ungefähr haftet der Dramaturgie von „Life, Animated“ etwas Märchenhaftes an) lief wieder einmal „Arielle, die Meerjungfrau“ – und plötzlich platzte Owen mit dem Nonsense-Begriff „Juicervose“ hervor. Er hatte ihn im Film als „Just your voice“ schon hunderte Male gehört. Von einem Moment auf den anderen hielten seine Eltern den Schlüssel zum Kopf ihres Sohnes in der Hand. Über den Umweg des Disney-Universums, seiner Grundszenarien, Dialoge und Figuren, konnten sie sich ihm endlich wieder annähern – und ihn in die Gesellschaft zurückholen.

 

Vieles wirkt konstruiert

Parallel zu dieser Rehabilitationsgeschichte, die der Film mit Heimvideoaufnahmen und Animationssequenzen illustriert, gewinnt man einen Einblick in die Gegenwart des Protagonisten. Als grundsympathischer junger Mann steht er mit 23 kurz vor seinem Schulabschluss und dem Übertritt ins Erwachsenendasein – Veränderungen, die für Aufregung sorgen. Doch Owen hat viele Bezugspersonen, die ihm beistehen. Seine liebevollen Eltern, sein kumpelhafter Bruder Walter, seine Freundin Emily. Und nicht zuletzt die Mitglieder seines Disney-Klubs, mit denen er sich regelmäßig für Filmsichtungen und Diskussionen trifft.

„Life, Animated“ gehört zu der Sorte US-Doku, die um jeden Preis „inspirieren“ will. Die positive Energie des Narrativs hat über weite Strecken Vorrang gegenüber teilnehmender Beobachtung. Es wird ordentlich auf die Tränentube gedrückt, und nicht gerade auf die feinste Art, vieles wirkt konstruiert. Aber der Film berührt dennoch.

 

„Warum ist das Leben voll Schmerz?“

Einerseits, weil seine Geschichte tatsächlich eine Art „vorgefundenes Märchen“ darstellt. Und zum anderen, weil man sich ungeachtet der Spezifizität von Owens Erkrankung so gut mit ihm identifizieren kann. Die Leidenschaft, mit der er sich in Fiktionen hineinsteigert, die Angst davor, flügge zu werden, die Freude nach der Reifeprüfung, die Verbitterung nach einem Beziehungskrach – all das sind vertraute Gefühle, die sich hier in zugespitzter, aber ergreifend ehrlicher Form äußern. „Warum ist das Leben voll von Schmerz und Ungerechtigkeit?“, klagt Owen an einem Tiefpunkt. Es kommt einem nicht in den Sinn, die Frage als plump abzutun.

Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack; denn „Life, Animated“ ist auch ein Disney-Werbevideo. Kein Wunder, dass der Unterhaltungsgigant zahlreiche Clips aus seinen Trickfilmen für die Doku zur Verfügung gestellt hat – seine Produkte erscheinen darin als Trostspender, Heilsbringer und Gemeinschaftsstifter. Was sie für viele Menschen tatsächlich sind; aber der Film geht in der Vermengung seines Enthusiasmus für Owens Selbstfindung mit dem für Disneys wundersame Kraft im Allgemeinen eindeutig zu weit.

Daher ist auch die Szene am witzigsten, in der die Grenzen Disneylands aufgezeigt werden: Walters Versuche, seinen Bruder in sexuellen Dingen aufzuklären, scheitern kläglich an dessen unschuldsromantischem Liebesverständnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2017)

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