Schau an, auch geniale Kinder gehen gern baden!

Film. Wie geht man mit Hochbegabten um? „Begabt“ behandelt ein spannendes Thema – leider zu formelhaft und bemüht sentimental.

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Sie kann schon Doppelintegrale berechnen: Mckenna Grace als Hochbegabte. – (C) Centfox

Nein, nein, das Mädchen sei nicht hochbegabt, sagt Frank der erstaunten Lehrerin in einer frühen Szene des Films „Begabt. Die Gleichung eines Lebens“ (im Original: „Gifted“). Sie könne nur mittels Trachtenberg-Schnellrechenmethode multiplizieren, das sei keine große Sache. In Wahrheit weiß Frank, ein Bootsmechaniker ohne Krankenversicherung, natürlich, dass seine Nichte Mary, für die er seit dem Tod ihrer Mutter sorgt, überdurchschnittlich mathematisch begabt ist, dass sie mit sieben schon Algebra-Bücher verschlungen hat und wissbegierig ist wie kaum ein anderes Kind. Nur zum Thema machen will er das nicht: Mary soll eine normale Kindheit haben, fernab von Spezialschulen, Privatlehrern und übertriebenem Leistungsdruck. Anders sieht das die Großmutter des Kindes, die plötzlich im Leben der beiden auftaucht: Sie will die Kleine in akademischer Gesellschaft zu einem mathematischen Superstar heranzüchten. Und bricht dafür einen Sorgerechtsstreit vom Zaun.

Das Thema Hochbegabung ist ein beliebter Kinostoff: Immerhin lässt sich da die Faszination „Normalsterblicher“ an der Genialität Auserwählter bedienen, man kann Wunderkinder in außergewöhnlichen Situationen zeigen und neben Familien- und Erziehungsfragen auch große gesellschaftliche Themen behandeln: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders sind? Wie könnte ein Bildungssystem aussehen, das Chancen für alle bietet und dennoch nicht elitenfeindlich ist? Soll man einem begabten Kind Normalität oder bestmögliche Förderung bieten?

Der neueste Film zum Thema, von Regisseur Marc Webb („The Amazing Spider-Man“, „(500) Days of Summer“), umschifft die großen Fragen zugunsten eines anspruchslosen Melodrams in Wohlfühlästhetik. Ein schwaches Drehbuch reduziert den zentralen Konflikt auf ein paar Wortgefechte am Familiengericht, wo die Pole „elitäres Erziehungsprogramm“ und „bescheidene, aber glückliche Provinzkindheit“ einander gegenübergestellt werden und die Charaktere auf eindimensionale Repräsentationsfiguren dieser Pole: Die Großmutter (Lindsay Duncan) ist eine verbissene, stets unsympathische Oberschichtdame, ihr Anwalt ein aufgeblasener Schnösel. Onkel Frank (Chris Evans) ist der niedliche, gutherzige Typ von nebenan, und Mary (Mckenna Grace) selbst halt ein unschuldiges hochbegabtes Kind: Das sieht man dann abwechselnd vergnügt am Strand herumspringen und zahnluckert in Hörsälen komplizierte Gleichungen lösen. Eh süß.

Wie es dem Mädchen geht, ist dem Film eher egal, auch auf Charakterentwicklung hat man weitgehend verzichtet: In der Realität werden geniale Kinder in der Schule aufsässig, wenn sie sich unterfordert fühlen, Mary ist es schon von der ersten Schulstunde an. Sonst ist „Begabt“ vor allem eine vorhersehbare Heldengeschichte des kleinen Mannes, der für das Wohl seiner Nichte kämpfen und sich in einem romantischen Subplot auch verlieben darf. Am Ende wird sogar eine Katze in letzter Sekunde gerettet! Viel mehr bleibt leider auch nicht hängen von diesem formelhaften, bemüht sentimentalen Film, der sein eigentliches Thema nicht allzu ernst nimmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2017)

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