Kino: Politdrama um Indiens Spaltung

„Der Stern von Indien“ erzählt mit der Wucht eines Bollywood-Melodrams von der Teilung des Landes – differenziert, wenn auch mit klarer politischer Haltung.

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Indiens letzter Vizekönig (Hugh Bonneville neben Gillian Anderson) hat nur edle Absichten. – (c) Tobis Film/ Kerry Monteen

Am 15. August jährt sich der Unabhängigkeitstag Indiens zum siebzigsten Mal. 1947 entließ das British Empire seine vielleicht wichtigste Kronkolonie nach langwierigen Freiheitskämpfen und Verhandlungen aus politischer Bevormundung. Der Triumph der Emanzipation hat sich mit der Kraft einer Offenbarung in die Geschichtsbücher eingeprägt. Weniger bekannt sind – zumindest im Westen – die zahllosen Opfer, die die Machtübergabe forderte. Denn die Befreiung Indiens war zugleich seine Teilung. Und die Teilung eines Landes kommt selten ohne Gewalt zustande. In Indien führte sie an den Rand des Bürgerkriegs und kostete Hunderttausende Menschen das Leben. Zwanzig Millionen wurden im Zuge einer der größten Zwangsmigrationen aller Zeiten vertrieben oder deportiert. Der Schock dieser Tragödie hat Risse im sozialen Gefüge der Nation hinterlassen, die bis heute nicht verheilt sind.

In „Der Stern von Indien“ versucht die britische Regisseurin Gurinder Chadha („Kick It Like Beckham“), deren Großeltern zu den Betroffenen der Diaspora zählten, die Geschichte der Partition in all ihrer Komplexität auf die Leinwand zu bringen – und sie gleichzeitig einem westlichen Programmkinopublikum zugänglich zu machen. Den narrativen Ankerpunkt bildet Lord Louis Mountbatten, der letzte Vizekönig von Indien (im Original heißt der Film „Viceroy's House“). „Downton Abbey“-Star Hugh Bonneville spielt ihn als einnehmenden Gentleman, einen Ausbund englischer Tugendhaftigkeit; auch Colin Firth hätte gut in die Rolle gepasst. Zusammen mit seiner selbstbewussten Gattin, Edwina (raffiniert: Gillian Anderson), zieht er nach Delhi, mit der Absicht, die Fehler seiner Vorgänger zu vermeiden und dem neuen Indien zu einer möglichst schmerzlosen Geburt zu verhelfen.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Der Machterhalt des Vereinigten Königreichs auf dem indischen Subkontinent fußte auf einer altbewährten Strategie: Divide et impera. Im ganzen Land schwelen Spannungen, jede Ethnie fürchtet um ihre Zukunft und wähnt sich von Feinden umzingelt. Mohammed Ali Jinnah (Denzil Smith), Vertreter der Muslimliga, pocht auf einen eigenen Staat für seine Schutzbefohlenen: Pakistan. Dem Nationalidol Jawaharlal Nehru (Tanveer Ghani) widerstrebt diese Idee. Mountbatten steht vor einem gordischen Knoten, und die Zeit drängt.

 

Im Herzen vereint, im Glauben getrennt

Parallel zum Polit-Plot macht Chadha ein Liebespaar zu Repräsentanten des Volkes: Jeet und Aalia (Manish Dayal und Huma Qureshi) sind im Herzen vereint und im Glauben getrennt; er ist Hindu, sie Muslimin. Als die Spaltung des Landes in Kraft tritt und brutale Ausschreitungen nach sich zieht, werden sie mit der Wucht eines Bollywood-Melodrams auseinandergerissen – und Jeet, der im Palast des Vizekönigs dient, verliert das Vertrauen in seinen Vorgesetzten.

Keine Fiktion kann historischen Großereignissen in all ihrer Widersprüchlichkeit gerecht werden. Auch „Der Stern von Indien“ spart trotz bemühten Panoramablicks Perspektiven aus. Die pakistanische Autorin Fatima Bhutto wirft Chadha in einem Kommentar für den „Guardian“ sogar Geschichtsklitterung vor. Zu Unrecht: Ihr Film erzählt relativ differenziert und leugnet die Verantwortung Englands für die Opfer der Teilung nicht. Doch seine Haltung zur Historie ist unmissverständlich: Die Sezession Pakistans war ein Fehler, der Preis dafür zu hoch.

Das bekräftigt auch Mahatma Gandhi (Neeraj Kabi), der von Zeit zu Zeit wie ein Heiliger durchs Bild schwebt und Weisheit verströmt. Und trotz Anerkennung britischer Schuld hat Chadhas pathosgetränktes Werk auch eine Entlastungsfunktion: Mountbatten, der hier für ein aufgeklärtes, progressives England steht, kann letztlich nichts fürs Scheitern seiner edlen Pläne – er wird von kaltblütigen Hintermännern ausgebootet. Gegen Ende spricht ihm seine Frau gut zu: Er habe sein Bestes gegeben. Das Selbstmitleid ist unverdient. Dass Chadha eine Kinoarbeit mit der Marketing-Aura von „Best Exotic Marigold Hotel“ für ein persönliches politisches Statement nutzt, imponiert dennoch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2017)

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