Locarno: Kinoglück auf dem Rücken des Leoparden

Am Samstag ging der Hauptpreis des Filmfestivals von Locarno an die chinesische Doku „Mrs. Fang“. Damit zementiert die Schweizer Veranstaltung ihren Status als eine Fahnenträgerin unabhängiger, mutiger Laufbildkunst.

Schlicht, schön, kraftvoll ist Wang Bings „Mrs. Fang“: Dokumentarfilm über eine Demenzkranke, der auch viel über das heutige China erzählt.
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Schlicht, schön, kraftvoll ist Wang Bings „Mrs. Fang“: Dokumentarfilm über eine Demenzkranke, der auch viel über das heutige China erzählt.
Schlicht, schön, kraftvoll ist Wang Bings „Mrs. Fang“: Dokumentarfilm über eine Demenzkranke, der auch viel über das heutige China erzählt. – (c) Locarno Festival / Gabriele Putzu

Mit der Verleihung des Pardo d'oro an den chinesischen Ausnahmedokumentaristen Wang Bing brach das Filmfestival von Locarno erneut eine Lanze für unabhängiges Kino. Die Preisübergabe auf der Piazza Grande ging ohne viel Aufhebens vonstatten: Keine langen Ansprachen, keine großen Gesten, keine aufwendigen Show-Einlagen. Der Regisseur nahm die Goldstatuette entgegen und trat nach einer kurzen Dankesrede wieder ab. Schon bald darauf wurde die Freiluftleinwand hinter der Bühne wieder bespielt. Im Unterschied zu vielen vergleichbaren Veranstaltungen steht in Locarno nach wie vor das bewegte Bild im Mittelpunkt. Und Wangs Siegerwerk „Mrs. Fang“ macht dieser Haltung alle Ehre. Es ist eine schlichte, schöne und kraftvolle Arbeit, die mit geringen Mitteln enorme Wirkung erzielt – frei von Firlefanz und hohlen Posen.

Die Doku widmet sich den letzten Tagen einer alten Bäuerin aus Huzhou, die an Alzheimer leidet. Im Spital hat sich ihr Zustand verschlechtert. Nun liegt sie zuhause in einem karg eingerichteten Zimmer, umgeben von Verwandten und Bekannten, die sich liebevoll um sie kümmern – soweit ihre prekäre Lebenssituation es ihnen erlaubt. Immer wieder forscht die Kamera im hageren Gesicht der sterbenden Frau, ein Kontrastbild zwischen morbide hervorstechenden Zähnen und ausdrucksstarken Augen. Zunächst wirkt das pietätlos.

Doch nach einer Weile erkennt man in diesem Blick eine Zärtlichkeit, die die Fürsorge von Fangs Familie spiegelt. Sie ernährt sich mit Fischfang, der Film zeigt ihren Alltag ungeschönt. Während der Freizeit wird die Krankenkammer aufgesucht. Man lacht, unterhält sich, sieht fern. Doch als der Tod näher rückt, kehrt Stille ein. „Mrs. Fang“ schafft in schnörkellosen 86 Minuten, was nur den wenigsten Filmen gelingt: Er macht eine konkrete Lebenswirklichkeit greif- und spürbar, die sich nicht verallgemeinern lässt – und dennoch von der Kultur und der Politik eines Landes erzählt.

Die Ästhetik bleibt elementar: Alles vermittelt sich über die bedachte Inszenierung von Raum und Zeit, ein Antidot zu vielen aufgeblähten Kunstkinoentwürfen der Gegenwart. Wangs Sieg war absehbar. Er ist jemand, der in cinephilen Kreisen schon lange hochgehalten wird: Ein unermüdlicher Chronist der vergessenen Schicksale seiner boomenden Nation, der am Rande des chinesischen Kinosystems arbeitet und sich stets formale und inhaltliche Autonomie bewahrt hat. Locarno versteht sich nicht zuletzt als Fahnenträger radikaler Einzelkämpfer dieser Art. Nach dem eigenbrötlerischen Katalanen Albert Serra (2013) und dem philippinischen Epiker Lav Diaz (2014) ist Wang der nächste Renegat, der auf dem Goldleoparden ins Pantheon des Weltkinos reitet. Gut möglich, dass sein nächster Film wieder in einer Cannes-Nebensektion präsentiert wird; für den dortigen Wettbewerb ist sein Schaffen aber viel zu unprätentiös.

 

Ehrungen für Straub, Brody, Haynes

Nach Locarno passt es hingegen perfekt. Für ein Festival von Weltrang – im Übrigen das älteste nach Moskau und Venedig – glänzt es mit Bescheidenheit. Statt auf Glamouroffensiven setzt man hier auf künstlerische Distinktion als Alleinstellungsmerkmal.

Stargäste sind willkommen, doch es geht mehr um ihre filmischen Verdienste als um ihren Wert als Medienattraktion. Davon zeugen auch die Sonder- und Ehrenpreise der diesjährigen Ausgabe. Sie gingen an den eigenwilligen US-Schauspieler Adrien Brody („Der Pianist“), den versatilen Kino-Intellektuellen Todd Haynes („Carol“) – und an Jean-Marie Straub, seines Zeichens Schutzpatron des internationalen Laufbild-Widerstands. Wer nicht aufmerksam war, hätte den roten Teppich hier fast übersehen können. Kein Ausnahmezustand wie anderswo: Die beschauliche Schweizer Stadt am Lago Maggiore bestach mit entspanntem Charme. Dennoch wurde das Festivalrevier markiert: Die Farben Gelb und Schwarz (der Leopard ist das Wappentier des Events) nahmen das Ortsbild in Beschlag. Für die siebzigste Festivalausgabe richtete man sogar die traditionelle Retrospektive danach aus: Gewürdigt wurde Jacques Tourneur, Schöpfer von „The Leopard Man“ und andere Genreperlen. Von Jubiläumswetter konnte heuer zwar keine Rede sein, aber den atmosphärischen Klassikern der Hollywood-Legenden spielten die Regenschauer zu.

 

Isabelle Huppert – unter Strom

Von Tourneurs B-Movie-Meisterwerk „Cat People“ heißt es oft, es ginge dort um das, was man nicht sieht. Auch Locarno rückt ins Licht, was man immer seltener zu sehen bekommt, was andere Filmfestspiele dieser Größenordnung (vom regulären Kinobetrieb ganz zu schweigen) zunehmend vernachlässigen: Experimentelles, Wagemutiges, „Verkünsteltes“. Das kann auch nach hinten losgehen, etwa im zweiten chinesischen Wettbewerbsbeitrag „Dragonfly Eyes“: Der Versuch, eine Geschichte aus Überwachungskameraaufnahmen zu basteln, wirkt wie konzeptueller Wackelpudding. Doch oft genug lohnt sich das Risiko. Etwa im Fall von Serge Bozons „Madame Hyde“, einer eigenwilligen Kreuzung aus Fantasy und Sozialdrama. Isabelle Huppert erhielt als verschüchterte Physiklehrerin, die nach einem Stromschlag ungeahntes Selbstbewusstsein entwickelt, den weiblichen Schauspielpreis.

„Madame Hyde“ lässt sich schwer kategorisieren, pendelt zwischen schrulligem Humor und poetischem Ernst, differenziert nicht zwischen Kunst und Unterhaltung. Daran könnten sich zeitgenössische Filme und Festivals ein Beispiel nehmen.

WERWOLF UND SURREALES

Preise. Den Preis als Bester Darsteller gewann der Däne Elliott Crosset Hove („Winterbrüder“). Zum besten Regisseur wurde der Franzose F. J. Ossang gekürt: „9 Finger“ heißt seine surreale Gesellschaftsparabel. Der Spezialpreis der Jury ging an „Gute Manieren“ (Regie: Juliana Rojas, Marco Dutra): Kapitalismuskritik mit Werwolf. Für das Drama „Cocote“ von Nelson Carlo de Los Santos Arias gab es den Preis für den Besten Film in der Sektion „Signs of Life“ (Experimentelles). Wang Bings „Mrs. Fang“ ist derzeit auch in einer Retrospektive auf der documenta in Kassel zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2017)

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