Wie Al Gore den Klimagipfel rettete

Kritik In der Fortsetzung der Klimadoku "An Inconvenient Truth" inszeniert sich Al Gore als hemdsärmeliger Held im Kampf gegen ignorante Politiker. So packend wie 2006 gelingt das aber nicht. Teilweise irritiert es sogar. Ab Freitag im Kino.

Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft
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Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft
Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft – (c) Paramount Pictures Germany

Elf Jahre ist es her, dass eine Spielfilm gewordene Powerpoint-Präsentation die Kinos der Welt füllte, mit erschreckenden Details über die globale Erwärmung in ihren Bann zog und – als allererste Dokumentation – zwei Oscars einheimste: „An Inconvenient Truth“ („Eine unbequeme Wahrheit“) zeigte den ehemaligen US-Vizepräsidenten (und unterlegenen Präsidentschaftskandidaten) Al Gore bei seinem Bestreben, als unermüdlicher Vortragsreisender mit spektakulären Diagrammen und massentauglicher Vereinfachung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen.

Der Film erreichte Millionen, zog Gerichtsverfahren und eine Opernadaption nach sich, Al Gore gewann den Friedensnobelpreis und gründete mit dem Preisgeld – und einem Teil der Filmeinnahmen – das „Climate Reality Project“, in dessen Rahmen er seither Tausende lokale Aktivisten zu Klimabotschaftern ausbildete. Die Vorträge, die er vor ihnen hielt, fungieren wieder als dramaturgischer Rahmen für die Fortsetzung „An Inconvenient Sequel“ („Immer noch eine unbequeme Wahrheit“). Dazu gibt es Bilder von Umweltkatastrophen und Szenen, in denen Gore gegen die Ignoranz der Klimaskeptiker kämpfen muss.

Er präsentiert sich dabei als hemdsärmeliger Aktivist, der etwa vor einem Vortrag in Miami eine Tour durch überschwemmte Straßen macht – und sich dann backstage schnell die triefenden Socken auszieht: Die Flut war stärker als die Gummistiefel. Überwältigend sind die Aufnahmen von Rissen im ewigen Eis – und gleichzeitig irritierend, weil man die Bäche, die sich zwischen einst massiven Eisplatten gebildet haben, für ihre glasklare Schönheit bewundert und gleichzeitig weiß, welch böses Omen sie für den Zustand des Planeten sein könnten.

Kennen wir das Thema nur zu gut?

So packend wie der erste Film gerät das Sequel nicht, auch wenn seine Botschaft nur dringender geworden ist – immerhin war fast jeder Sommer seit Erscheinen des Vorgängers von Hitzerekorden geprägt. Wissen wir das alles nur zu gut? Dafür beleuchtet der Film auch den Kontext, in dem Klimadebatten heutzutage stattfinden – Gore besucht etwa Verhandler von Entwicklungsländern, die sich den „Luxus“ erneuerbarer Energien nicht leisten wollen, oder einen republikanischen Bürgermeister, der quasi als einsamer Wolf Solarenergie fördert – und zeigt, wie schwierig es ist, in einer Zeit, in der Politiker wie Trump wissenschaftliche Erkenntnisse geflissentlich ignorieren und den Klimawandel gegen „wichtigere“ Probleme wie den islamistischen Terror ausspielen, mit Umweltthemen Gehör zu finden: Just als sich Al Gore im November 2015 in Paris einfand, um sich auf die UN-Klimakonferenz vorzubereiten, kam es im Konzertlokal Bataclan zu den verheerenden Anschlägen. Was im Film aber auch nur für eine emotionalisierende Sequenz mit Blumenmeeren und Motivationsbotschaften ausgeschlachtet wird: „Choose life!“

Beim anschließenden Klimagipfel ist Gore dann, das legt zumindest die Polit-Thriller-artige Darstellung des Films nahe, der glorreiche Held, der in nächtlichen Telefonaten ein US-Solarunternehmen dazu bringt, dem zögernden Unterzeichner Indien ein großzügiges Angebot zu machen – und so die CO2-Vereinbarung rettet. Gore ist ein toller Redner, ein mitreißender Aktivist. Eine solche Inszenierung irritiert aber – und könnte seiner Sache auch schaden: So kritisiert etwa das konservative Magazin „National Review“, dass Gores persönliche und finanzielle Verbindungen zur im Film glorifizierten Tesla-Tochter SolarCity mit keinem Wort erwähnt würden.

Donald Trump spielt übrigens eine eher untergeordnete Rolle im Film, erst nachdem er den Austritt der USA aus dem Klimaabkommen verkündete, wurde er als immer wieder zwischen den Szenen bellender Bösewicht in die Kinofassung geschnitten. Ob er in einer weiteren Fortsetzung prominenter vorkommen würde? Al Gore kämpft jedenfalls weiter für Gehör und gegen den Klimawandel. Die Diagramme werden ihm dabei nicht ausgehen. Und die Bilder auch nicht, dafür sorgen nicht zuletzt Katastrophen wie Hurricane Harvey.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2017)

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