Filmfestspiele Venedig: Löwe für ein Monster-Märchen

Bei den Filmfestspielen von Venedig siegte verdient Guillermo del Toro mit »The Shape of Water«. Die meisten Filme im Wettbewerb sorgten für wohlwollende Indifferenz.

Guillermo del Toro konnte die Jury mit "The Shape of Water" überzeugen.
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Guillermo del Toro konnte die Jury mit "The Shape of Water" überzeugen.
Guillermo del Toro konnte die Jury mit "The Shape of Water" überzeugen. – REUTERS

Wenn man seinen Glauben bewahrt, erreicht man sein Ziel irgendwann. In meinem Fall ist es der Glaube an Monster.“ Hoffnungsvolle Worte vom mexikanischen Monsterliebhaber und Meisterfantasten Guillermo del Toro, dessen wunderbarer Fantasyfilm „The Shape of Water“ gestern in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde – völlig verdient. Er widmete den Preis allen jungen Lateinamerikanern, die fantastische Filme machen wollen; sie sollten ihren Traum nicht aufgeben, so der Regisseur.

Del Toros Siegerwerk ist ein herausragendes Hybrid aus Märchen, B-Movie, Liebesfilm, Thriller und Polit-Parabel vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Eine stumme Putzfrau (toll: Sally Hawkins) arbeitet in einem geheimen Regierungslabor, wo ein mysteriöser Amphibienmensch (Doug Jones) gefangen gehalten wird. Es entspinnt sich eine Beziehung, die trotz Disney-Romantik überraschend schlüpfrig sein darf – und ein Suspense-Plot, in dem das Heldenpaar von Sowjet-Agenten und einem verbissenen Militär (Michael Shannon) gejagt wird. Fast alle Figuren dieses kompakten und famos inszenierten Abenteuers fühlen sich irgendwie fremd in der Mehrheitsgesellschaft – und schaffen sich daher ihr eigenes Gemeinwesen, ihr eigenes Glück. Eine klassische, fast schon naive Botschaft. Aber auch eine, deren Aktualität man nicht leugnen kann.

„The Shape of Water“ bildete einen seltenen Höhepunkt in einem Festival, das sonst eher gemächlich dahinplätscherte und (abseits weniger Beinahe-Ausnahmen) skandal- und sensationsfrei blieb. Wie immer gab es ein paar starke und ein paar schwache Filme – doch die wenigsten erregten mehr als kollektives Schulterzucken. Dass ein allegorisches Kabinettstück wie Darren Aronofskys „Mother!“ imstande war, mit seinem Psychoterror-Budenzauber eine kleine Schneise durch die versammelte Kritik zu ziehen, zeugt weniger von seiner künstlerischen Kraft als von der flachen Wellenform der Hauptselektion.
Beliebigkeit kann man dem Wettbewerb jedoch nicht vorwerfen. Bedenkt man die Vielzahl an Faktoren, die jede A-Festival-Kernbesetzung beeinflussen, muss man der Auswahl des Intendanten, Alberto Barbera, zumindest in einer Hinsicht Tribut zollen: Sie überzeugte mit einer stringenten Motivik, die etliche Beiträge miteinander ins Gespräch brachte – und auf zeitgenössische Diskurse verwies, ohne sich diesen anzubiedern.

USA-Kritik

So waren die meisten Filme mit amerikanischen Stars nicht bloß Paparazzo-Futter, sie hatten tatsächlich etwas über den prekären Status quo der USA zu sagen. Manche mit schwarzhumorigen Sittenbildern („Downsizing“, „Suburbicon“, „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“), andere mit trockener Dramatik („Lean on Pete“, „First Reformed“). Das schönste USA-Porträt stammt jedoch von einem Dokumentarveteranen: Frederick Wiseman findet die Hoffnung Lincolns (und Obamas), das Versprechen einer „more perfect union“, im wissbegierigen Mikrokosmos der New Yorker Hauptbücherei („Ex Libris“).
Umweltbewusstsein, Rassismus, Migration, Trauerarbeit, Gerechtigkeit – diesen Thematiken begegnete man in Venedig wie alten Bekannten am Wegesrand. Selten wurden sie einem plump unter die Nase gerieben wie in Ai Weiweis Flüchtlingsdoku „Human Flow“, die trotz zweieinhalbstündiger Laufzeit und globalem Panoramablick mehr über die Eitelkeiten seines Starkünstler-Regisseurs erzählt als über die Massenbewegungen der Gegenwart (es sei denn, die penetrante Selbstdarstellung Ais ist ironisch zu verstehen).

Stattdessen fand man Themen oft in Genregewänder verpackt, etwa in Warwick Thorntons staubigem Outback-Western „Sweet Country“: Ein Aborigine erschießt in Notwehr einen Weißen und muss daraufhin vor Rächern flüchten. Am Ende steht ein Aufklärungsversuch vor einem improvisierten Gericht. Um Urteilsfindung geht es auch in Hirokazu Koreedas Krimi „The Third Murder“. Der Täter ist geständig, doch seine Schuld bleibt bis zum Schluss in der Schwebe. „Foxtrot“ von Samuel Maoz, der als junger Mann selbst gegen die PLO kämpfen musste, exerziert anhand des Todes eines israelischen Soldaten die zermürbenden Effekte des Nahostkonflikts auf Beteiligte und Angehörige durch und wechselt dabei dreimal Stil und Perspektive. Dafür erhielt er den Großen Jurypreis.

Diese Filme bieten vor allem wütenden, zweifelnden und komplizierten Männern eine Bühne. Doch obwohl nur ein Wettbewerbsbeitrag von einer Frau stammt („Angels Wear White“ von Vivian Qu), herrscht kein Mangel an starken weiblichen Rollen. Frances McDormand brilliert in „Three Billboards“ als zornige Mutter, die den Polizeiapparat einer Kleinstadt gegen sich aufbringt. „Mother!“ schickt Jennifer Lawrence durch einen Spießrutenlauf eskalierender Belästigungen. Und Charlotte Rampling trägt „Hannah“, die stille Geschichte einer entfremdeten Großmutter, fast im Alleingang.

„Mektoub, My Love: Canto Uno“ von Abdellatif Kechiche bietet einem ganzen Ensemble von Darstellerinnen Grund zur Spielfreude. Leider rückt das unverhohlen lüsterne Kameraauge den Film in ein streitbares Licht. Immerhin wird der Voyeurismus auf der Handlungsebene reflektiert. Trotz Überlänge gehört „Mektoub“ zu den wenigen markanten Eindrücken eines eher unspektakulären Wettbewerbs – aber der Sieg einer Großtat wie „The Shape of Water“ macht das fast wider wett.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2017)

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