Filmmuseum: Abschied mit exzellenten Gästen

Der scheidende Direktor Alexander Horwath begrüßt in der Reihe "Say Hello" unter anderem Todd Haynes, Valeska Grisebach und Isabelle Huppert.

Isabelle Huppert präsentiert am 5. Oktober gemeinsam mit Michael Haneke „Die Klavierspielerin“.
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Isabelle Huppert präsentiert am 5. Oktober gemeinsam mit Michael Haneke „Die Klavierspielerin“.
Isabelle Huppert präsentiert am 5. Oktober gemeinsam mit Michael Haneke „Die Klavierspielerin“. – (c) Österreichisches Filmmuseum

Zwei Kinder spielen Fangen zwischen den beeindruckenden Natur- und Tierabbildungen in den dunklen Korridoren des American Museum of Natural History in New York. Sie sind ganz mit sich selbst beschäftigt, aber immer wieder verharren sie in Ehrfurcht vor den Ausstellungsstücken. Damit sind Sehnsüchte und Erinnerungen verbunden. Diese Szene entstammt „Wonderstruck“, dem neuen Film von Todd Haynes, der im Rahmen einer Retrospektive seines Gesamtwerks im Österreichischen Filmmuseum vom 29. September bis 8. Oktober seine Österreich-Premiere feiern wird (29. September).

 

Meisterklasse mit Weerasethakul

Der Anlass könnte passender nicht sein, denn dieser märchenhaft verzaubernde Film, in dem es auch um die Arbeit eines Museumskurators geht, ist einer der letzten, der im Filmmuseum unter Direktor Alexander Horwath zu sehen sein wird. Gleich fünf hochkarätige Gäste aus unterschiedlichen Ecken des Kinos sind unter dem Titel „Say Hello“ in den kommenden Wochen geladen. Es ist eine große Abschiedsgeste, weil dadurch Horwaths Philosophie vom Kino, das nicht in Formen und Genres zu fassen ist, unterstrichen wird.

Haynes passt in vielerlei Hinsicht zum Programm, das Horwath in den vergangenen 16 Jahren vertreten hat. Das liegt zum einen daran, dass er nach wie vor mit analogem Film arbeitet, wie zuletzt in „Carol“, einer exquisit ausgeleuchteten, melodramatisch unterdrückten Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen in den 1950er-Jahren. Zum anderen ist Haynes einer jener von Horwath so geschätzten unabhängigen Menschen, die sich kaum in eine Schublade stecken lassen. Dafür sprechen beispielsweise das famose, queere Frühwerk „Poison“ oder „I'm Not There“, das Mosaik eines Biopics über Bob Dylan, in dem der Nobelpreisträger von sechs Darstellern verkörpert wird.

Ein anderer freier Geist des zeitgenössischen Kinos ist der Thailänder Apichatpong Weerasethakul: Dass er nach Wien kommt, dürfte Horwath ein besonderes Anliegen gewesen sein, schließlich ist der Filmemacher ein langjähriger Freund des Hauses. Bereits 2009 gab es eine umfassende Retrospektive. Außerdem veröffentlichte das Filmmuseum ein Buch und eine DVD. Zu sehen ist u. a. sein Cannes-Gewinnerfilm „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ (2010), daneben hält Weerasethakul eine Meisterklasse (Montag, 11. September).

Wenn man den Besuch des Thailänders als eine Art Appendix und Wiedersehen verstehen kann, so ist jener von Valeska Grisebach (14. September) auch eine Vorbereitung. Denn im November wird ihr herausragender Film „Western“ im Stadtkino anlaufen. Darin geht es um deutsche Gastarbeiter, die zu Cowboys an den Grenzen Europas werden. Im Filmmuseum gibt es neben einer Meisterklasse ihre vorangegangenen Filme „Mein Stern“ und „Sehnsucht“ zu sehen. Letzterer erzählt, komplett mit Laiendarstellern besetzt, von einer Dreiecksgeschichte im Herzen Brandenburgs. Ein liebender Ehemann und Vater landet nach einem Feuerwehrfest im Nachbarort im Bett der Kellnerin. Er kann sich nicht erinnern, wie das passiert ist. Trotzdem verbringt er weiter Zeit mit ihr. Die Situation beginnt ihn nach und nach zu überfordern. Es ist ein Film der Ernsthaftigkeit und des Schweigens, der dennoch auch Komik erlaubt und nie in die Fallen des Naturalismus tappt. Stattdessen schälen sich größtmögliche Emotionen aus scheinbarer Banalität.

 

Retrospektive Thom Andersen

Deutlich länger zu Gast ist ein Filmschaffender, dessen Nachdenken über das Verhältnis von Kino und Welt sehr nah an jenem von Horwath gebaut ist: Thom Andersen (22. September bis 4. Oktober). Ihm wird eine Retrospektive und Carte Blanche gewidmet. In seinem „The Thoughts That Once We Had“ (2015) etwa gelingt es Andersen, die Theorien von Gilles Deleuze in ein faszinierendes Kinostück zu verwandeln. Dabei wird – und auch das passt zum Abschied von Horwath – eine Haltung deutlich, die gegen die eigene Melancholie ankämpft, um Hoffnung für die Zukunft des Kinos zu schöpfen. Andersens meist essayistische Arbeiten offenbaren kritisch Zusammenhänge und blicken hinter die Geschichte des Kinos.

Als letzten Gast begrüßt Horwath dann eine der größten Schauspielerinnen der Gegenwart: Isabelle Huppert (5. Oktober). Sei Jahrzehnten prägt sie den internationalen Autorenfilm in einer unvergleichbaren Art. Einen Tag vor dem Kinostart von Michael Hanekes „Happy End“, in dem sie gewohnt brillant agiert, kann man in ihrer Anwesenheit noch einmal ihre abgründige Performance in Hanekes „Die Klavierspielerin“ erleben. Außerdem wird auch sie eine Meisterklasse halten. Wenn Huppert zu Gast ist, heißt der Direktor des Hauses bereits Michael Loebenstein. Es ist bezeichnend und logisch, dass Horwath dann noch immer wirken wird.

DAS PROGRAMM

Alexander Horwath übergibt am 1. Oktober die Leitung des Filmmuseums an Michael Loebenstein, der seit 2011 dem National Film and Sound Archive in Canberra vorstand. Zu seinem Abschied hat Horwath „Say Hello“ konzipiert: Er stellt Filmpersönlichkeiten vor, die für ihn in den vergangenen 16 Jahren „Eckpfeiler des internationalen und deutschsprachigen Filmschaffens“ waren. Den Anfang macht heute, Montag, Apichatpong Weerasethakul, gezeigt werden Kurzfilme (21 Uhr). Am 14. September folgt Valeska Grisebach mit „Sehnsucht“ (19 Uhr) und „Mein Stern“ ( 21 Uhr).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2017)

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