"Porto": Schicksalhaftes Liebesabenteuer in einer fremden Stadt

KritikDas Spielfilmdebüt des jungen Kritikers und Kurators Gabe Klinger, ist eine poetische Romanze im Geiste von Richard Linklaters „Before Sunrise“.

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(c) Courtesy of San Sebastian International Film Festival

Der Weg vom Filmeschauen zum Filmemachen ist kein Katzensprung; Doch bei manchen Menschen fördert das eine die Lust auf das andere maßgeblich. Besonders in den Sechzigern und Siebzigern sorgte eine globale Regiegeneration für Aufsehen, deren Drehbedürfnis vornehmlich auf leidenschaftlicher Cinephilie fußte. Und die jungen Bilderstürmer hielten mit ihrer Passion nicht hinterm Berg.

Jean-Luc Godard ehrte Vorbilder wie Jean-Pierre Melville, Samuel Fuller und Fritz Lang mit prominenten Gastauftritten in seinem schillernden Frühwerk. Peter Bogdanovich konnte Dreißiger-Horrorikone Boris Karloff als Hauptdarsteller für sein Debüt „Targets“ gewinnen – und holte sich Regietipps von Hollywood-Legende Howard Hawks. Beide Jungfilmer waren unersättliche Kinobesucher, beide hatten vor ihrem Leinwandeinstand viel über die siebte Kunst geschrieben. Und sie stellten damals keine Ausnahmefälle dar.

Auch spätere Starregisseure wie Steven Spielberg, Martin Scorsese und Quentin Tarantino zapften immer wieder ihr beträchtliches Filmwissen an. Die Referenzen (und Reverenzen) fallen dabei meist weniger direkt aus, äußern sich eher formal. Das wirkt zum Glück selten epigonenhaft; es macht das Schaffen der Genannten nur reichhaltiger. Dennoch könnten sie die letzten ihrer Art sein: Blickt man sich heute in der Landschaft des traditionellen Erzählkinos um, findet man eine Normästhetik vor, der jeglicher Sinn für Geschichte zu fehlen scheint. Umso mehr freut man sich daher über eine Perle wie Gabe Klingers „Porto“. Kein Film, der mit seinen Inspirationsquellen hausieren geht – aber einer, der sie stets auf bezaubernde Weise durchscheinen lässt.

Klinger, 1982 in São Paulo geboren, hat sich als Kritiker und Kurator schon früh einen Namen gemacht. Sein Regie-Erstling „Double Play“ war eine entspannte Doku-Verbeugung vor zwei Schutzheiligen des unabhängigen US-Kinos: James Benning und Richard Linklater. Und bei Klingers Spielfilmdebüt stand Letzterer eindeutig Pate.

Wie Linklaters Kultromanze „Before Sunrise“ erzählt „Porto“ von einem schicksalhaften Liebesabenteuer in einer für die Hauptfiguren fremden Stadt. Jake (verkörpert vom 2016 tragisch verunglückten „Star Trek“-Schauspieler Anton Yelchin in einer seiner letzten Rollen) ist ein vom Leben gezeichneter Drifter aus Amerika. Mati (Lucie Lucas) eine französische Archäologiestudentin mit schwieriger Vergangenheit. Beide hat es in die pittoreske portugiesische Küstenstadt verschlagen, und obwohl sie auf den ersten Blick ganz und gar nicht zusammenpassen, mündet ihre Zufallsbegegnung in einer kurzen, intensiven Affäre: Das Epizentrum einer melancholischen Meditation über die Flüchtigkeit von Gefühlen und die wundersame Wirkmacht der Erinnerung.

Drei Zeitebenen fließen unmerklich ineinander

Klinger arbeitet eher mit subtilen Andeutungen und verzichtet auf ausführliche Psychologisierung; dennoch meint man die Figuren nach der bloß 75-minütigen Laufzeit des Films gut zu kennen. Die Erzählstruktur „Portos“ erinnert an die Montage-Experimente von Alain Resnais. Drei Zeitebenen (vor, während und nach der
Beziehung) fließen unmerklich ineinander, identische Szenen wiederholen sich mit feinen Unterschieden. Überdies wird jeder Periode ein anderes Format und somit eine andere visuelle Textur zugeordnet: Je nach Stimmungsbedarf kommt 8-, 16- oder 35-Millimeter-Filmmaterial zum Einsatz.

Den behutsamen Umgang mit Stadtkulissen hat sich Klinger wohl bei Manoel de Oliveira abgeguckt – oder bei seinem Produzenten, dem Indie-Giganten Jim Jarmusch. Aber man muss das alles nicht wissen, um „Porto“ zu genießen. Zwar merkt man dem angehenden Autorenfilmer seinen Ehrgeiz, magische Kinomomente zu schaffen, zu sehr an – und die Darsteller sind dem stellenweise etwas hölzernen Dialog nicht durchgehend gewachsen.
Doch jeder, der von Filmen mehr erwartet als eine nette Geschichte, wird das verschmerzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2017)

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