Vom Trash zum Kult für Cineasten: Die Spiehsgesellen feiern Jubiläum

50 Jahre Lisa Film. Damals war es Klamauk, heute diskutiert man auf Unis über „Supernasen“ und Co. Das Jubiläum feiern alte Stars und junge Kinogeher.

Thomas Gottschalk und Otto Retzer, zwei „Spiehsgesellen“ in Wien (v.li.).
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Thomas Gottschalk und Otto Retzer, zwei „Spiehsgesellen“ in Wien (v.li.).
Thomas Gottschalk und Otto Retzer, zwei „Spiehsgesellen“ in Wien (v.li.). – (c) imago/Future Image (Barbara Loschan)

Narrative Strukturen“ im Film. „Exploitation“ am Wörthersee. Es sind Phrasen, die sagt man nicht ungestraft, wenn einer wie Thomas Gottschalk daneben sitzt. „Narrative Strukturen, Herr Professor, dass im Zusammenhang mit Supernasen einmal von narrativen Strukturen gesprochen wird, das hätte ich nie gedacht, aber das tut mir schon mal gut“, sagt er, freut sich sichtlich, dass das, was damals vom Feuilleton als dummer Klamauk verrissen wurde, heute in Uniseminaren analysiert wird.

Nicht nur dort, zum Jubiläum der Produktionsfirma Lisa Film zeigt das Wiener Metro Kino eine Retrospektive (danach wird die Werkschau in Pörtschach gezeigt), und zum Auftakt wurde, im Beisein der Produzentenlegende Karl Spiehs, des von Lisa vielbeschäftigten Regisseurs Otto Retzer und eben von Thomas Gottschalk, das Jubiläum gefeiert.

Mit Achtzigerjahre-Party, dem Auftaktfilm „Die Supernasen“ und cineastischen Debatten zum Genre und zur Retrospektive namens „Wörthersee & Exploitation“. Exploitation, erklärt Uniprofessor Arno Rußegger, stehe im Film für die Übernahme eines Konzepts, eines Narratives, und dessen quasi Zweitverwertung. Im Fall der Wörthersee-Filme wurden damals erfolgreiche Streifen genommen – man schaute sich ab, was funktioniert und verlegte das an den Wörthersee. Nach den Emmanuelle-Filmen entstanden etwa die Erotikfilmchen der Lisa Film.

Damals hat man diese und andere Lisa-Filme belächelt, heute haben sie eine Art Kultstatus. „Zärtliche Chaoten“, „Piratensender Powerplay“ bis zu Serien wie „Ein Schloss am Wörthersee“ oder „Das Traumhotel“.

Es gebe Dinge in seiner Karriere, „die ich nicht hätte machen müssen. Die Wörthersee-Filme gehören definitiv nicht dazu“, sagte Gottschalk heute darüber. Später habe er sich dann, auf der Suche nach Zuneigung des höheren Feuilletons, davon distanziert. Heute nicht mehr. Heute „gratulieren mir 40-jährige Doktoren zu den Filmen, Filmhochschulen laden mich zu Seminaren ein.“ Heute geniert sich keiner mehr, auch nicht Vizekanzler Wolfgang Brandstetter. Er outet sich als Fan des komischen Faches, „ich bekenne mich als Fan dieser Filme“, sagt er, und sorgt mit seiner Erzählung von der Anreise zur Feier für Lacher. Immerhin musste er, um die gesperrte Ringstraße queren zu können, ein Stück den Nachtmarathon mitlaufen. „Endlich einmal habe ich mir die Teilnahme an einer Veranstaltung wirklich verdient.“

„Felix Austria. Hier ist ein lustiger Politiker, das hab ich seit Jahren nicht erlebt, und ein echter Universitätsprofessor, der über Musil habilitiert hat, schafft es, einen Bogen von Musil zu mir zu spannen. Prost und Respekt“, sagt Gottschalk. Diesen Erfolg habe er nicht erwartet, als ihn – als er noch Radiomoderator war – Spiehs anrief und fragte: „Burli, willst einen Film machen?“, und ihm Mike Krüger als kongenialen Partner zur Seite stellte. „Ich habe von Anfang bis Ende daran Spaß, am Ende hatte auch das Publikum Spaß“, so Gottschalk.

Otto Retzer hat Spiehs zum Jubiläum die Doku „Jedermann liebt Karli Spiehs“ gewidmet, in der Größen des deutschsprachigen Films – Tobias Moretti, Christiane Hörbiger, Maximilian Schell, Ottfried Fischer oder Peter Weck – den Produzenten würdigen.

 

Dummes Zeug und heile Welt

Die Doku läuft demnächst im ORF, wie auch einige Filmklassiker wieder gezeigt werden. Florian Widegger vom Filmarchiv spricht von einer Lust an der Wiederentdeckung der Lisa Filme durch die jungen Leute. „Die Filme erzählen viel über die Zeit, das Wirtschaftswunder, die Träume der damaligen Zeit.“ Und vor allem geht es um grandiose Unterhaltung in einer heilen Welt. Gottschalk spricht von einer „Harmlosigkeit und rührenden Langsamkeit“, dieser Filme, die in die damalige Zeit gepasst hätten.

„Man saß zwei Stunden im Kino und es ist nichts passiert, als dass zwei Typen um den Wörthersee gefahren sind und dumme Sachen gemacht haben. Im Nachhinein sagt man, es war dumpf, aber es war toll. Wenn man dem eine höhere Bedeutung geben mag, kann man sagen: es war ein Ausdruck einer Zeit, in der man offenbar keine anderen Sorgen hatte.“

ZUM JUBILÄUM

Die Retrospektive „Wörthersee & Exploitation“ läuft bis zum 4. Oktober im Metro Kinokulturhaus. Das Filmarchiv Austria zeigt dabei 23 Filme aus 50 Jahren Lisa Film. „Jedermann liebt Karli Spiehs“: Die Dokumentation zum Jubiläum wird am Sonntag, den 1. Oktober, um 14.15 Uhr in ORF 2 gezeigt. Mit „Hilfe – ich liebe Zwillinge“ (30. September, 13.35 Uhr) und „Zwei Nasen tanken Super“ (1. Oktober, 14.55 Uhr) zeigt der ORF zwei legendäre Lisa-Filme.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2017)

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