Filmische Umarmungen in Japan

Das „Japannual“ bringt erstmals aktuelles japanisches Kino nach Wien – und zeigt Filme, die den oft tristen, konservativen Zuständen im Land mit Empathie begegnen.

Eines Abends kommt man in der Österreichisch-Japanischen Gesellschaft auf das japanische Kino zu sprechen. Reflexartig erinnert man sich an Kurosawa, den Vater des fernöstlichen Erzählkinos, denkt an seinen raubeinigen Stammschauspieler Toshiro Mifune, tauscht sich über die Kammerspiele von Ozu aus, hat wieder das traurige Lächeln von Setsuko Hara, der langjährigen Muse, vor sich. Der anschließende Versuch, von diesen Nachkriegs-Klassikern eine Brücke zum aktuellen japanischen Film zu schlagen, scheitert jedoch an seiner mangelnden Präsenz in Österreich, beklagt sich Georg Schneider, der deswegen das „Japannual“ aus der Taufe gehoben hat. Hierzulande das erste Festival, das sich (mit Ausnahme von Kurosawas „Stray Dog“ von 1949) auf die Präsentation zeitgenössischer Werke aus dem Reich der aufgehenden Sonne konzentriert – und das diese Woche – noch bis Donnerstag – im Wiener Filmcasino seine Premiere feiert.

 

Außenseiter im Mittelpunkt

Am meisten Aufschluss über die mentale Verfassung im Land verschaffen dabei drei Filme, die die Außenseiter in der japanischen Gegenwartsgesellschaft in den Blick nehmen. In der rührenden Ballade „Over the Fence“ (Do, 20h) einen frisch geschiedenen Arbeitslosen. In der amüsanten Komödie „Oh Lucy!“ (Mi, 18h) eine kinderlose Single-Frau mit fadem Job. Und in dem zärtlichen Melodram „Close Knit“, das gestern das Festival eröffnete, ein 11-jähriges Mädchen und ihre Transgender-Ersatzmutter. Sie alle wollen nicht so recht ins Selbstbild eines Landes passen, das seit über 70 Jahren von wirtschaftsliberalen und wertkonservativen Kräften regiert wird, die beharrlich an einem überholten Familien- und Geschlechtermodell und unterwürfigen Arbeitsethos festhalten.

Was den porträtierten Randexistenzen an Wertschätzung und Orientierung verweigert wird, bekommen sie durch die subversive Empathie der Filmemacher zurück erstattet. Nirgendwo ist der Arbeitsplatz trister, fühlt sich das bisschen Freizeitaktivität nach Feierabend leerer an als hier. Umso mehr deuten daher aber schon flüchtige Momente wie eine Umarmung durch einen Fremden, eine aufkeimende Liebe oder eine sorgsam zubereitete Jause eine Utopie an, in der es allen zusteht, auch dann ein würdiges Leben zu führen, wenn man sich der Ideologie ständiger Versagung und Mühsal entzieht. Solange man imstande bleibt, über die Abwesenheit alternativer Optionen zu weinen, wie es die Figuren in den Filmen manchmal tun, besteht zumindest noch Hoffnung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2017)

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