Hanekes „Happy End“: Eine Familie wie ein kollektiver Albtraum

Kritik Michael Hanekes „Happy End“ geht für Österreich ins Rennen um den Auslands-Oscar: Ein sardonisches, abgründiges Gesellschaftsporträt ohne Puffer für die Gnadenlosigkeit des präsentierten Weltbildes. Und ein Statement zur Lage Europas.

Michael Haneke mit Fantine Harduin (Eve) und Jean-Luis Trintignant (als Patriarch George) am Set von „Happy End“.
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Michael Haneke mit Fantine Harduin (Eve) und Jean-Luis Trintignant (als Patriarch George) am Set von „Happy End“.
Michael Haneke mit Fantine Harduin (Eve) und Jean-Luis Trintignant (als Patriarch George) am Set von „Happy End“. – (c) Schoemitz-Gavriel/Wega Film

Michael Hanekes jüngster Film „Happy End“ geht für Österreich ins Rennen um den Auslands-Oscar: Als diese Nachricht am 6. September verkündet wurde, waren wohl nur wenige überrascht. Spätestens seit dem Doppeltriumph von „Amour“ (erst die Palme d‘Or in Cannes, dann ein Goldjunge bei den Academy Awards) scheint der heimische Vorzeigeregisseur in Preisdingen eine sichere Bank. Keine Frage: Bei amerikanischen Arthaus-Fans, Intellektuellen und Cineasten genießt Haneke einen sehr guten Ruf. Sein Name ist bekannt, der Einfluss seiner Arbeit auf künstlerisch ambitionierte US-Filmemacher unbestritten. Da ist es natürlich verlockend, wieder aufs gleiche Pferd zu setzen.

Doch im Oscar-Zirkus zählt der Film mehr als sein Urheber. Über den Grund von Hanekes Auszeichnung bei der Oscarnacht 2013 lässt sich streiten, aber Thema und Aufmachung von „Amour“ haben definitiv dazu beigetragen. Liebe, Tod und Altenpflege – wer kann sich damit nicht identifizieren? Man packe diese Zutaten in ein formvollendetes Kammerspiel mit zwei französischen Meistermimen in den Hauptrollen und einem Hauch Bitterromantik als Beilage: Schon schmelzen die Herzen der Academy dahin, ungeachtet der formalen Härte.

„Happy End“ hingegen kehrt zu den Wurzeln jenes Künstlers zurück, der mit einer Trilogie über emotionale Vergletscherung berühmt wurde. Und obwohl der Film, der im Mai seine Cannes-Premiere feierte, Spurenelemente von „Amour“ enthält, bieten diese keinerlei Puffer für die Gnadenlosigkeit des präsentierten Weltbilds – im Gegenteil. So sardonisch, hoffnungsfrei und abgründig war noch keines von Hanekes Gesellschaftsporträts.

 

Das Loch hinter der gediegenen Fassade

Es nimmt eine bürgerliche Großfamilie ins Visier – und nutzt das breite Figurenensemble für einen sozialkritischen Rundumschlag, der viele von Hanekes Lieblingsmotiven zu einer Tapisserie der totalen Verkommenheit verwebt. Willkommen bei den Laurents: Einem erfolgreichen Bauunternehmer-Clan wie aus dem Bilderbuch, wohnhaft im sonnigen Calais.

Keine Sorge: Hinter der gediegenen Fassade klafft selbstverständlich ein schwarzes Loch. Der alternde Patriarch George (Jean-Louis Trintignant in einer hämischen Verzerrung seiner „Amour“-Performance) hat seinen Lebenswillen schon längst verloren und macht keinen Hehl daraus. Sein Sprössling Thomas (Mathieu Kassovitz) pflegt ein scheinbar vorbildliches Ehe-Idyll, hegt aber insgeheim dunkle Begierden. Und Tochter Anne (Isabelle Huppert) hält den Betrieb am Laufen – zum Leidwesen ihres depressiven Sohnes Pierre (Franz Rogowski). Als Thomas' Ex-Frau wegen einer Überdosis Antidepressiva ins Krankenhaus muss, zieht ihre 13-jährige Tochter Eve (Fantine Harduin) ins geräumige Anwesen der verkorksten Mischpoke – und fügt sich mit ihren soziopathischen Neigungen nahtlos in den kollektiven Alptraum ein.

Liest man diese Synopsis, kann man sich „Happy End“ fast als schwarze Komödie vorstellen. Tatsächlich weist er groteske Züge auf, wirkt manchmal wie ein böser Witz auf Kosten der Gegenwart: Schon bei der Uraufführung in Cannes wurde an manchen Stellen gelacht. Besonders die Nonchalance im famosen Spiel von Huppert und Trintignant zeitigt im Kontrast zum grausamen Geschehen eine eigentümliche Komik – passend bei einem Film, der sich in erster Linie als Anklage einer allumfassenden Gleichgültigkeit im Angesicht drohender (und bestehender) Katastrophen versteht.

Denn „Happy End“ ist zuvorderst ein Statement zur Lage Europas und seiner Eliten – er trägt eine politische Wut in sich, die man bei Haneke in dieser Deutlichkeit gar nicht so oft vorfindet. Hier herrschen feudale Verhältnisse: Die weiße Oberschicht hält sich afrikanische Bedienstete, die man von Sklaven kaum unterscheiden kann – die ihre Knechtschaft allerdings schon so verinnerlicht haben, dass sie nicht mehr wissen, wie man aufmuckt.

 

Wie ein Zauberwürfel des Grauens

Hier haben Arbeiter, denen Unrecht widerfährt, keinerlei Handhabe gegen die Machenschaften von Machtmenschen mit Kontakten und Kapital. Hier existieren Migranten, wenn überhaupt, nur auf dem Fernsehbildschirm – dass der Film in Calais spielt, wo die Räumung eines Flüchtlingscamps im Herbst 2016 für Schlagzeilen sorgte, ist kein Zufall. Und alleweil scheint die Sonne, als wäre nichts. Die Blindheit, die willentliche Verdrängung offenkundiger Missstände – das ist es, was Haneke anzipft. Dabei hängt alles zusammen, das Private mit dem Öffentlichen und das Persönliche mit dem Politischen. Der Film führt alle diese Ebenen zusammen, mit einer narrativen Mosaikstruktur, die ein wenig an „Code inconnu“ erinnert – und deren Wechselbeziehungen sich nur langsam erschließen, wie bei einem Zauberwürfel des Grauens. Am Ende blickt man der Misere unverhohlen ins Gesicht – und kann wirklich nur noch lachen.

Nicht, dass es helfen würde. Was Haneke mit manch einem anderen modernen Kulturkritiker verbindet, ist die Vermutung, dass sich die Jetztzeit auf einen kritischen Punkt zubewegt – dass es so, wie es ist, nicht mehr weitergehen kann. Allerdings unterscheiden sich viele der Vorwürfe, die er in „Happy End“ erhebt, nur unwesentlich von jenen, die er dem Abendland in seinen letzten dreißig Jahren als Filmemacher gemacht hat.

Man könnte behaupten, er habe schlicht nicht mehr viel Neues zu erzählen. Haneke würde wahrscheinlich entgegnen, dass auch die Welt Nichts Neues zu erzählen habe – sie sei nur ein bisschen schlimmer geworden. Sollte dieser Film wirklich einen Oscar bekommen: Hut ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2017)

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