Heimische Krimis: Räuber, Gendarmen und grantige Schnüffler

Bis 26. November bietet die Retrospektive "Come and Shoot in Austria" im Wiener Metro Kino einen historischen Überblick des heimischen Kriminalfilms. Wie sich zeigt, ist dieser dem US-Noir viel näher, als man meinen könnte.

 Der Stummfilm „Frau Dorothys Bekenntnis“ (vom späteren „Casablanca“-Regisseur Michael Kertész) ist der älteste Beitrag der über zwanzig Arbeiten umfassenden Schau. Eine Frau wird des Mordes bezichtigt. Rückblenden klären auf, wie es dazu kam.
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 Der Stummfilm „Frau Dorothys Bekenntnis“ (vom späteren „Casablanca“-Regisseur Michael Kertész) ist der älteste Beitrag der über zwanzig Arbeiten umfassenden Schau. Eine Frau wird des Mordes bezichtigt. Rückblenden klären auf, wie es dazu kam.
Der Stummfilm „Frau Dorothys Bekenntnis“ (vom späteren „Casablanca“-Regisseur Michael Kertész) ist der älteste Beitrag der über zwanzig Arbeiten umfassenden Schau. Eine Frau wird des Mordes bezichtigt. Rückblenden klären auf, wie es dazu kam. – (c) Filmarchiv Austria

"Schau, schau, der Kommissar geht um": Dass die heimische Popkultur ein ambivalentes Verhältnis zum Verbrechen hat, zeigt schon eine ihrer bekanntesten Hit-Singles. In Falcos „Kommissar“ zieht man mit Nachtschwärmern, die vor der Kieberei auf der Hut sind, um die Häuser. Und hofft, dass sie nicht erwischt werden. Das Land der Berge rühmt sich gerne seiner vorbildlichen Sicherheit – doch seine Faszination für Halbwelten reißt nicht ab.

Ihre schillerndsten Vertreter finden sich natürlich im Kriminalfilm. Ebendiesem Genre, namentlich seinen nationalen Ausläufern, widmet das Filmarchiv Austria bis 26. November eine spannende Retrospektive. Und siehe da: Das österreichische Kino hatte schon immer eine „Sympathy for the Devil“. Denn es weiß: Auf welcher Seite des Gesetzes man sich wiederfindet, ist oft eine Frage des Schicksals.

Im (vom späteren „Casablanca“-Regisseur Michael Kertész gedrehten) Stummfilm „Frau Dorothys Bekenntnis“, dem ältesten Beitrag der über zwanzig Arbeiten umfassenden Schau, wird eine Frau des Mordes bezichtigt. Rückblenden klären auf, wie es dazu kam: Einst war die Täterin ein reiches Töchterchen, doch sie fiel der perfiden Finte eines heimtückischen Erbschleichers zum Opfer. Er verführte sie, meuchelte ihren Oheim und verprasste dessen Vermögen. So blieb der Armen nichts anderes, als zur Waffe zu greifen.

 

Curd Jürgens, Qualtinger, Hader

So melodramatisch geht es in jüngeren Verbrecherfilmen nur selten zu. Aber die Bereitschaft, Verständnis für die Täter aufzubringen, bleibt. Götz Spielmanns meisterliches Drama „Revanche“ dreht den Spieß gleich ganz um. Ein Polizist erschießt darin versehentlich die Freundin eines Bankräubers (Johannes Krisch). Dieser will sich rächen – beweist aber schließlich moralische Standfestigkeit. Der Gendarm wird von Andreas Lust gespielt; in Benjamin Heisenbergs „Der Räuber“ geht er selbst auf Beutezug, als Marathon-Bankenschreck „Pumpgun-Ronnie“. Die „kriminelle Energie“ gerät zum Ausdruck einer tiefgehenden Existenzangst, die dem getriebenen Banditen eine tragische Dimension verleiht.

Eher tragikomisch erscheinen indes Österreichs Ermittler. Während der Detektiv britischer Bauart für gewöhnlich als Personifizierung der Kontrollgesellschaft auftritt und mit der Macht des Geistes zerrüttete Ordnungen wiederherstellt, sind hiesige Fahnder zumeist dezidiert menschlich – und stehen oft selbst mit einem Fuß im Sumpf.

Sie sind den Protagonisten des amerikanischen Film Noir näher als Sherlock Holmes. Und man kann leichter über sie lachen. Manche grenzen gar an regelrechte Witzfiguren. „Inspektor gibt's kan“, wie wir aus „Kottan ermittelt“ wissen. Dafür aber Kriminalanwärter. Einen solchen mimt Curd Jürgens im selbstironischen „Schuss durch's Fenster“ (1950). Er ist süchtig nach US-Gangsterstreifen und klagt: „Unsere Ganoven haben kein Format“. Ein Mordfall aus dem Bilderbuch schafft Abhilfe, bringt Schießereien und Verfolgungsjagden. Sehr zur Freude des patscherten Helden, dessen Ambition auch die Sehnsucht des Kleinbürgers nach dem großen Abenteuer widerspiegelt.

Dabei ist das wahre Verbrechen oft das kleinbürgerliche Gemeinwesen selbst. Beim Anblick der Provinzhölle, durch die sich Helmut Qualtinger als grantiger, trinkender Bezirksaufpasser im Krimi-Mosaik „Kurzer Prozess“ (1969) schleppt, bekommt man selbst Lust, zur Flasche zu greifen. Der Film ist mehr Milieustudie als Genrewerk. Ebenso die erste „Kottan“-Folge „Hartlgasse 16a“, die im Zuge der Retro auf der großen Leinwand läuft. Die Tat ist hier das Uninteressanteste. Viel faszinierender: Die Schilderung eines Klimas der seelenvergiftenden Missgunst.

Ganz so inkompetent wie Kottan ist Qualtingers Inspektor (es gibt ihn doch!) Pokorny nicht. Aber ein grober Prototyp des sozial unverträglichen Außenseiter-Schnüfflers, der sich nicht nur in Österreich als Normtypus der Krimigattung durchgesetzt hat – siehe Skandinavien.

Hierzulande heißt sein berühmtester Erbe Simon Brenner, im Kino markant verkörpert von Josef Hader: Ein lädierter Lebenskünstler am Rande des persönlichen Abgrunds, der meist eher zufällig über Verbrechen stolpert. Das Filmarchiv zeigt „Silentium“, den zweiten Teil aus Wolfgang Murnbergers Brenner-Reihe. Auch dort geht es weniger um Einzeltäter als um weitreichende Machenschaften, die als Symbol gesellschaftlicher Missstände dienen. Und am Ende wird die Möglichkeit einer vollständigen Aufklärung grundsätzlich angezweifelt – auch, weil niemand daran interessiert scheint. Geht der Kommissar überhaupt noch um? Oder schaut er lieber weg?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2017)

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