Robert Frank: Der Chronist des rohen Amerikas

Ausstellung, Filmretrospektive, Doku-Porträt: In Wien gibt's derzeit Robert-Frank-Festspiele. Sie zeigen, wie der facettenreiche Künstler stets seiner Intuition folgte.

Robert Frank im Filmporträt von Laura Israel, das einen etwas sprunghaften, aber umfassenden Abriss seines Werdens und Wirkens bietet.
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Robert Frank im Filmporträt von Laura Israel, das einen etwas sprunghaften, aber umfassenden Abriss seines Werdens und Wirkens bietet.
Robert Frank im Filmporträt von Laura Israel, das einen etwas sprunghaften, aber umfassenden Abriss seines Werdens und Wirkens bietet. – (c) Assemblage Films LLC

„Vergessen Sie's. Ich bin kein Schauspieler, ich will mir diesen Scheiß nicht antun. Keinerlei Spontaneität, das geht gegen meine Natur.“ So hört es sich an, wenn Robert Frank der Kragen platzt. 2004 soll der Künstler für ein britisches TV-Porträt seine Lebensgeschichte erzählen. Beim Filmrollenwechsel verliert er die Beherrschung: Die Interview-Situation ist ihm zu steif. Anderen würde man dieses Gehabe übel nehmen. Frank macht es nur sympathischer. Denn der Ausbruch ist keine Allüre; er zeugt von der aufrichtigen Frustration eines Mannes, dem Freiheit immer über alles ging – im Leben wie in der Kunst. Die Früchte dieser Freiheit lassen sich derzeit in Wien bestaunen: Eine Albertina-Ausstellung, eine Filmmuseums-Retrospektive und Laura Israels Doku „Don't Blink“ lassen Frankophile Herzen höher schlagen.

Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung trieb den jungen Robert 1947 fort aus der Enge der Schweiz, weg vom bürgerlichen Elternhaus und ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man bald auf sein Talent als Fotograf aufmerksam wurde. Mit Hilfe seines Vorbilds Walker Evans sicherte sich Frank 1955 ein Guggenheim-Stipendium und begab sich in einem alten Gebrauchtwagen auf weitschweifige Knips-Tour durch die USA. Aus 27.000 Aufnahmen wählte er schließlich 83 für eine Publikation aus, die Epoche machen sollte: „The Americans“.

Darin zeigte Frank die Vereinigten Staaten, wie man sie noch nie zuvor gesehen hatte – und damals auch nicht sehen wollte. Schmutzig, roh und ungeschönt, bevölkert von Außenseitern und verlorenen Seelen, durch und durch anti-ikonisch. Die Flüchtigkeit der oft aus der Hüfte geschossenen Bilder verstärkte ihre Kraft – und trieb Kritiker auf die Palme. Es dauerte eine Weile, bis sich der Schock gelegt hatte und die Fotostrecke breite Anerkennung fand. Doch ihr Urheber war schon längst seiner Intuition gefolgt: Franks neue Liebe hieß Film.

Diesem sollte er die nächsten zwölf Jahre treu bleiben. Der abrupte Medienwechsel verwundert nur auf den ersten Blick. Viele Schnappschüsse Franks erinnern in ihrer eigentümlichen Dynamik an Kino-Standbilder, laut einem Freund ließ er sich bei seinen früheren Arbeiten von Wochenschau-Ästhetik beeinflussen. Aber es ging wohl auch um mehr. „Ein Foto ist bloß eine Erinnerung“, sagt der alternde Künstler in der Doku „Don't Blink“, „Filme kommen wieder und leben weiter.“

 

Rare Rolling-Stones-Tour-Doku

Womöglich war es schlicht das Freiheitsversprechen des New Yorker Beatnik-Milieus rund um das New American Cinema, das Frank zum Film zog. Sein bekanntestes Laufbildwerk ist das zusammen mit Alfred Leslie realisierte Wohnzimmer-Improvisationsstück „Pull My Daisy“ (1959) mit der verspielten Erzählstimme von Jack Kerouac. Exzentriker wie Kerouac, William S. Burroughs oder Patti Smith, für deren Song „Summer Cannibals“ Frank ein schönes Video drehte, faszinierten ihn schon immer: „Der Straßenrand ist mir lieber als der Mittelstreifen.“

Auch die Rolling Stones arbeiteten mit Frank zusammen, als ihnen noch etwas am Rock-Rebellen-Image lag. Der Tour-Film „Cocksucker Blues“ (1972) dokumentiert recht unverblümt die Backstage-Eskapaden der Band: Kurz vor der Veröffentlichung bekam sie kalte Füße und hielt ihn zurück. Auf der großen Leinwand darf er nur vier Mal im Jahr gezeigt werden; auch das Filmmuseum muss sich aus rechtlichen Gründen bis Anfang 2018 mit dem Screening gedulden, ab 20. Dezember gibt es Karten im Vorverkauf.

Frank, ein Chronist der Gegenkultur? Das wäre wieder zu kurz gegriffen. Sein späteres filmisches Oeuvre changiert zwischen zutiefst persönlichen, essayistischen Miniaturen und eigenwilligen Auftragsarbeiten. Einendes Element ist dabei stets die Melancholie. Sie beseelt seinen einzigen „klassischen“ Spielfilm, das schrullige Achtziger-Roadmovie „Candy Mountain“ (mit Gastauftritten von Joe Strummer und Tom Waits), genauso wie seine kurzen Video-Werke.

Die Wehmut kommt bei Frank nicht von ungefähr. Seine Tochter Andrea starb mit 21 bei einem Flugzeugunglück. Sein Sohn Pablo hatte Probleme mit Drogen und Psychosen; 1994 nahm er sich das Leben. Als sich Frank in der Abgeschiedenheit der kanadischen Provinz wieder der Fotografie zuwandte, legte sich die Trauer wie ein Schleier über seine Arbeit. Die Montage-Experimente seines fotografischen Spätwerks sprechen die Sprache der Einsamkeit, sind oft mit schmerzlichen Schriftzügen übermalt. Einer davon lautet: „Sick of Goodby's“. Selbst dies ist der Ausdruck einer Intuition – wenngleich einer tragischen. Frank, der am 9. November seinen 93. Geburtstag feierte, geht in seiner Kunst noch immer nach Gefühl.

Die Fotoausstellung in der Albertina läuft bis 21. Jänner, die Retrospektive des Filmmuseums bis 27. 11.
Die Doku „Don't Blink – Robert Frank“ ist seit Freitag in den heimischen Kinos zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2017)

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