Die Karriere von Terry Gilliam ist wie eine Lehrstunde über Kulturindustrie: Einer, der sein Handwerk im Anarcho-Stadel von Monty Python erlernte, versucht als Regisseur der unheimlich rationalen Unterhaltungsbranche Unsinn und Aberwitz einzuimpfen – und scheitert ein ums andere Mal. Gilliams kafkaeske Antiutopie Brazil (1985) kam erst nach langen Querelen mit den Produzenten in die Kinos, dann wurde Die Abenteuer des Barons Münchhausen (1988) zum Opfer eines Deals: Sony kaufte das Studio Columbia Tri-Star, und Gilliams 46-Millionen-Dollar-Opus wurde als Kollateralschaden abgeschrieben. Die größte Krise stand da aber noch bevor: Gilliams lang erträumter Don Quixote musste kurz nach Drehstart abgebrochen werden: Bandscheibenvorfall des Hauptdarstellers und Zerstörung der Kulissen durch eine Überschwemmung.
Gilliams fantastische Entwürfe, die Kompromisslosigkeit bei ihrer Umsetzung und seine andauernden Auseinandersetzungen mit den Studios lassen ihn selbst als Quichotte erscheinen, der gegen die Windmühlen der Produzentenlogik kämpft. Das Kabinett des Dr.Parnassus kreist wie alle seine Filme um das revolutionäre Potenzial der menschlichen Vorstellungskraft: „Die Geschichte, die das Universum nährt, die Geschichte, ohne die es nichts gibt“ wird auf einer kleinen fahrbaren Bühne gespielt, ein Varieté-Mix aus Zirkusnummern, Märchenerzählungen und dauernden Verweisen auf den gülden gerahmten Zauberspiegel in der Mitte von allem. Sobald man durch den steigt, baut sich vor einem die jeweilige persönliche Leidenschaftswelt auf: Ein Bub stolpert durch eine Süßwarenlandschaft, eine ältere Dame tänzelt zwischen Perlenbäumen und meterhohen Pumps-Skulpturen umher.
Diabolisch: Tom Waits mit Melone
Als Zeremonienmeister und weißbärtiger Weiser schützt Doktor Parnassus (großväterlich: Christopher Plummer) sein Imaginarium vor dem Zugriff von außen: Etwa als zu Beginn betrunkene Jugendliche die Bühne entern. Wirklich gefährlich ist aber der rauchende, diabolisch grinsende Melonenhutträger Dr.Nick (toll: Tom Waits!), der offenbart, dass Parnassus vor Jahrhunderten einen Pakt mit dem Teufel schloss – der will nun des Doktors Tochter in die Hölle holen. Die autobiografischen Züge sind unübersehbar: Das betörend altmodische Imaginarium mit seinen Holzschnittkulissen und Glanzornamenten steht für Gilliams künstlerisches Schaffen (und Scheitern).
Gilliam weiß, dass ein unkonventioneller Film zugkräftige Schauspieler braucht, um Leute ins Kino zu locken. Mit der Besetzung von Heath Ledger gelang ihm da ein Coup: Doch kurz nach Drehbeginn fand man den Jungstar tot in seiner Wohnung, und es sah so aus, als würde sich The Imaginarium of Dr. Parnassus nahtlos in die Reihe gescheiterter Gilliam-Projekte einordnen lassen. Dann erklärten sich Freunde bereit, Ledgers Rolle zu übernehmen: Neben ihm spielen Colin Farrell, Johnny Depp und Jude Law den jungen Tony, den Parnassus am Strick baumelnd findet, rettet und mitnimmt.
Es ist vielleicht nicht Ledgers beste Leistung, aber seine Darstellung des zwischen Leben und Tod Pendelnden scheint heute, nachdem der Rest Geschichte ist, ein fast metaphysisches Vergehen auf die Leinwand zu bringen. Irgendwie stimmt es ja auch: In der Vorstellungswelt der heutigen Kinogänger wird der blonde Schauspieler immer eine Rolle spielen. Er ist also eingegangen in dieses undefinierbare Imaginarium, diesen raum- und zeitlosen Olymp, der in einem rumpelnden Holzanhänger durch die Welt gezogen wird. Und wo ließe sich die andere Seite des Spiegels schöner ausbreiten, als in der Heimstätte von Gilliam selbst, dem Ort seiner Träume und Ängste, dem er mit diesem Film einen Liebesbrief geschrieben hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2010)
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