Die Arme ausgestreckt, die Finger angewinkelt: Bei der Jurypressekonferenz führt Präsident Werner Herzog seiner Kollegin Renée Zellweger vor, wie sich die Quallen in Avatar fortbewegen. Er schließt seine Einlage mit der Bemerkung, dass es bei James Camerons Spektakel zwar „Schwächen in der Geschichte“ gibt, die Technik des Films aber ein Beweis der „Genialität des menschlichen Geistes“ sei. Herzog selbst allerdings kann mit digitalen Trickserien wenig anfangen: Er ist ein durch und durch analoger Regisseur. Da dürfte ihm die Wettbewerbsauswahl durchaus entgegenkommen: Die Berlinale 2010 verzichtet auf 3-D-Brillen und andere Gimmicks, setzt stattdessen auf klassische Erzählkinoqualitäten. Eingelöst werden die in den ersten Festivaltagen vor allem von Roman Polanski.
Während der polnische Regisseur weiterhin in seinem Schweizer Chalet festsitzt, feierte sein im Hausarrest fertiggeschnittener Politkrimi Der Ghostwriter am Freitagabend Weltpremiere: Nach dem Roman „Ghost“ von Robert Harris (der das Drehbuch mit Polanski schrieb), entwickelt sich die Geschichte eines namenlosen Autors (funktional: Ewan McGregor), der die Autobiografie des britischen Premierministers Adam Lang (ein großer Auftritt von Pierce Brosnan) als „Ghostwriter“ niederschreiben soll.
Schon die verwinkelten Gänge und gläsernen Fassaden von dessen Hochsicherheitsanwesen führen in Polanskis hintersinniges Spiel mit öffentlichen Antlitzen und geheimen Identitäten ein: Malerisch vor der amerikanischen Ostküste gelegen, scheint sogar das Naturidyll ein Teil des Komplotts zu sein. McGregors Vorgänger ist im Meer ertrunken und an den Sandstrand gespült worden. In einer bemerkenswerten, weil typisch lakonischen Polanski-Miniatur beobachtet man einen Hausdiener beim Abfegen der Terrasse, auf die der Wind immer neue Sträucher weht. Langs abgelegenes Zuhause ist ein Gefängnis; und wird zur Bühne seines Untergangs, als er vom Den Haager Tribunal der Kriegsverbrechen (eine Breitseite auf Tony Blair) angeklagt wird.
Eröffnungsfilm: Sentimentales aus China
McGregors neugieriger Schreiberling nistet sich einstweilen auf der Insel ein, schläft mit der Premiersgattin (reserviert: Olivia Williams) und folgt einer Beweiskette vorbei an grandiosen Nebendarstellern (Tom Wilkinson, Eli Wallach!) zu des Rätsels Lösung. Polanski inszeniert kühl und pointiert: Der Ghostwriter erinnert an die großen Politkrimis der Siebzigerjahre, etwa von Costa-Gavras, die auch von den Überzeugungen und der Glaubwürdigkeit ihrer jeweiligen Regisseure lebten. Die Antithese dazu eröffnete den Wettbewerb: Chinese Wang Quan'an (Goldener Bär für Tuyas Hochzeit 2007) erzählt in Apart Together von einer Familienzusammenführung. Nach der Ausrufung der Volksrepublik China zogen sich die Anhänger der nationalistischen Guomindang nach Taiwan zurück, mussten oftmals Angehörige und Liebschaften zurücklassen. Wang Quan'an versieht sein sentimentales Drama von der Rückkehr eines Verstoßenen mit politischen Randnotizen (von der Kulturrevolution hin zu Zwangsumsiedelungen wird das gesamte Spektrum abgedeckt): Wohl vor allem, da bei einer solchen Themenreiterschaft die Wahrscheinlichkeit größer ist, im nicht chinesischen Ausland wahrgenommen zu werden – und man damit im besten Fall sogar im Wettbewerb eines renommierten Festivals landet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2010)
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