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Nikolai Kinski: "Ich selbst bin unwichtig"

20.03.2010 | 18:15 |  von MARiAM Schaghaghi (Die Presse)

Nikolai Kinski ist in die Fußstapfen seines berühmten Vaters Klaus Kinski getreten. Mit der "Presse am Sonntag" sprach er über seinen neuen Film "Die zwei Leben des Daniel Shore".

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Herr Kinski, in „Die zwei Leben des Daniel Shore“ spielen Sie erstmals eine Hauptrolle. Mit dem Regisseur Michael Dreher hatten Sie aber schon einmal zu tun?

Kinski: Ja, wir haben uns 2000 in New York kennen gelernt, als er mit Peter Geyer den Dokumentarfilm „Babyboy“ über mich gedreht hat. Dadurch sind wir enge Freunde geworden. Damals war es ein sehr skurriles Zusammentreffen, alles andere als Liebe auf den ersten Blick! Die beiden haben mich ziemlich genervt, weil sie mich nur über meine skandalöse Vergangenheit befragt haben.

 

Kann man mit 24 schon eine skandalöse Vergangenheit haben?

(lacht) Es ging weniger um meine, sondern um die meines Vaters. Und ich habe sie für ihre deutsche Direktheit verachtet, und die mich für meine kalifornische Mentalität. Aber spannender ist, was danach aus uns geworden ist. Michael ging zurück an die Filmhochschule, Peter, der den Nachlass meines Vaters leitet, beschloss, nie mehr einen Film zu drehen und wurde als ich vier Jahre später, nach Berlin gezogen bin, mein Manager. Es war ein Wendepunkt für alle drei.


Was war die Prämisse für „Babyboy“ damals – und wie war der Ansatz heute?

Der eine Film hat sonst gar nichts mit dem anderen zu tun. Michael hat einen Spielfilm konzipiert und mich von Anfang an in die Entwicklung des Projekts einbezogen. Er hatte mich beim Schreiben auch schon im Kopf. Ich bin froh, dass Buch und Film so toll geworden sind, denn ich hätte gar nicht ablehnen können, weil Michael mich brauchte. Und was gibt es im Leben Besseres als gebraucht zu werden?

Was hat diese Geschichte in Ihnen zum Klingen gebracht?

Auf der einen Seite ist es ein düsterer Psychothriller, auf der anderen Seite ein Kammerspiel. Daniel ist eine rätselhafte Figur, getrieben von einer gefühlten Schuld und von einer Vergangenheit, die er nicht mehr ändern kann.

Was bewog Sie, 2003 nach Berlin zu ziehen? Hier standen Ihnen Ihr wichtigstes Instrument als Schauspieler nicht zur Verfügung – die Sprache.

Ja, ich kam sprachlos hierher. Das war die eigentliche Herausforderung. Sprache strukturiert das Denken. Eine neue Sprache ist wie eine neue Weltsicht.

Fühlen Sie sich im Deutschen zuhause?

Es ist nicht das Gleiche. Aber ich fühle mich in der Sprache nun sehr wohl und sehr stark. Bei mir findet im Kopf kein Übersetzungsprozess mehr statt.

Was versprachen Sie sich von Deutschland?

Eine Herausforderung. Los Angeles ist für mich kein Ort, in dem man ein Leben lang verbringen kann. L.A. ist wie Schummeln. Wie sollte man über das Leben berichten können, wenn man die ganze Zeit nur dort ist? Das war nicht genug für meinen Anspruch ans Leben.

Haben Sie es durch Ihren Namen in Deutschland schwerer als in den USA?

(lacht) Zum Glück bin ich hier nicht groß geworden – sondern dort, wo „Kinski“ kein Thema war. Das war sehr angenehm. Eigentlich wusste ich nicht mal, dass es angenehm war, weil ich keine Vorstellung von der Hysterie hatte. Das merkte ich, als ich zum ersten Mal hierhin kam. Ich dachte mir: ,Komisch, hier ist ein ganzes Land voller Menschen, die etwas über meinen Vater wissen wollen und über mich eine Meinung haben, ohne mich zu kennen.'

Zu begreifen, dass es in Deutschland dieses Kinski-Paradigma gibt, in dem Sie wahrgenommen werden, ob Sie wollen oder nicht – war das eine Art Kulturschock für Sie?

Es ist ein zweischneidiges Schwert: einerseits hat der Name Kinski meine Bekanntheit in Deutschland beschleunigt, andrerseits verlangsamt er auch die Wahrnehmung meiner Person als Schauspieler. Allerdings sind nicht beide Klingen gleich scharf, denn für mich ist das das einzig Wichtige in der Öffentlichkeit: Meine Person als Schauspieler, nur dafür stelle ich mich in die Öffentlichkeit. Das ist nicht immer leicht, das zu erklären. Ich möchte nicht über private Bekenntnisse oder Dinge sondern ausschließlich durch meine Rollen wahrgenommen werden. Ich möchte, dass der private Nikolai Kinski vollkommen hinter meinen Rollen verblasst.

Wann haben Sie zum ersten Mal den Wunsch gespürt, Schauspieler werden zu wollen, andere Figuren darzustellen?

Ganz klar: mit elf, als ich in „Paganini“ mit meinem Vater zusammen vor der Kamera gestanden habe. Das war meine erste Erfahrung. Danach erst habe ich gelernt, Berufliches und Privates zu trennen. Damals war das alles auf einmal, eine Vermischung der beiden Bereiche, aber das Spielen selbst hat mich unglaublich beeindruckt. Und es hat mir auch klar gemacht: es geht nicht darum, mich selbst darzustellen. Ich selbst bin unwichtig. Ich will mich nicht in Rollen finden, ich will mich in Rollen verlieren. So will ich weiter machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2010)

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