Dieser Film hätte ein prächtiges Stück ambitionsloser Unterhaltung werden können: ein Nachhall aus jener Kinowelt, in der Großproduktionen ihre Schauwerte auf Teufel komm raus und so vulgär wie möglich ins Bild halten durften, ohne ihre Geschichte mit gesellschaftspolitischen Subtexten anreichern zu müssen. Insofern fühlt man sich in den ersten 30 Minuten von James Mangolds frenetischem Screwball-Thriller Knight and Day vogelfrei; befreit von symbolischen Gewichten, befreit auch vom Transformers-Trauma, als Zuschauer nur ein perfekt kontrolliertes Teilstück in einem weltübergreifenden Marketingschlachtplan zu sein.
Ja, dieser Film hätte das Potenzial gehabt, sein übergestülptes Thema von falschen Identitäten und echten Gefühlen in eine neuzeitliche Charade-Version umzumünzen. Aber im Kinosommer der Enttäuschungen kommt natürlich alles anders: June Havens (auf Autopilot, aber wie immer charmant: Cameron Diaz) trifft am Flughafen den verschmitzten Roy Miller (in Falten gelegter Schauspielerstolz: Tom Cruise), dessen Nachname eigentlich Knight ist und der sie binnen Minuten in ein abstruses Verschwörungskomplott zieht.
Achtung, tödliche Endzeitwaffe!
Er bringt sämtliche Flugzeugpassagiere um die Ecke, landet die Maschine im Maisfeld und überzeugt die kreischende Blondine davon, dass er, ein abtrünniger CIA-Agent, eine nicht enden wollende Energiequelle in Batteriegröße vor seinen Schattenmännerkollegen beschützen muss. Die wollen die Supererfindung nämlich an den meistbietenden Waffenhändler verscherbeln, der das potenzielle Welterlösungsgerät in eine tödliche Endzeitwaffe umfunktionieren kann.
Die Geschichte ist wie in jedem guten Agentenactioner als Staffellauf organisiert: Nur die jeweiligen Sequenzen sind in sich stimmig und sinnstiftend, das große Ganze lässt kohärente Logik vermissen. Dieses dramaturgische Gerüst kann gut funktionieren, das beweisen Stanley Donens Charade oder Hitchcocks Der unsichtbare Dritte. Die Wurzeln dieser Erzählungen liegen in der Frühzeit des Kinos, bei den Fortsetzungsgeschichten, den „Serials“: Regisseure wie Louis Feuillade unterhielten die Zuschauer allwöchentlich mit Kapiteln. Archetypische Charaktere, festgezurrt in einer potenziell unendlichen Verfolgungsjagd, während die „guten“ und „bösen“ Seiten öfter wechseln. Die angestaute Spannung wird mittels sensationeller Actionszenen abgebaut: Erlösung durch andauernde Bewegung. Genau die will sich bei Knight and Day nicht einstellen.
Obwohl Diaz und Cruise schmachtend, streitend, zweifelnd, schreiend und schießend vor adretten Hintergründen (z.B. eine Mini-Palmeninsel und die Stadt Salzburg, über die June meint: „So eine Stadt habe ich noch nie gesehen!“) umherwuseln, wirkt die 120 Millionen Dollar teure Produktion, die Jahre in Hollywoods „Projektentwicklungshölle“ festhing, aufgeblasen und seelenlos.
Schade: James Mangold ist kein Autorenfilmer, aber ein solider Hollywood-Handwerker, der üblicherweise genau das liefert, was er verspricht. Sein lauwarmer neuer Film wurde an den US-Kinokassen von Ablegern etablierter Filmreihen wie Toy Story 3 und Twilight:Eclipse versenkt: Für Tom Cruise, dessen letzte Hauptrolle in Valkyrie immerhin schon zwei Jahre zurückliegt, wird Knight and Day wohl ein Schlüsselfilm seiner stagnierenden Karriere werden. Laut Brancheninsidern war Mangolds Agentengaudi ein Testballon für den geplanten nächsten Teil von Mission: Impossible. Wenn Cruise als Darsteller eines anderen Superagenten keine Massen mehr ins Kino locken kann, wird der Held von Mission: Impossible wohl neu besetzt werden. So kann man Knight and Day durchaus als letzte Kür des großen Selbstdarstellers Tom Cruise sehen. Und als Grabstein für jene Kinokultur, in der Schauspieler wie er groß wurden.
■ Knapp 20 Minuten von „Knight and Day“ spielen in Salzburg. „Wir sind in Österreich“, sagt ein Zugbegleiter, es gibt „Pfannkuchen, eine Eierspeise und ein Glas Milch“, dann sieht man auch schon das Schild „Salzburg Hauptbahnhof“. (Die Bahnhof-Szenen wurden aber offensichtlich anderswo gedreht.)
■ Cameron Diaz und Tom Cruise sieht man auf der Terrasse des Hotel Stein – mit Blick auf den Dom und die Festung Hohensalzburg, die aber offensichtlich mittels Filmtrick etwas näher „geholt“ wurden. Weiters im Bild: das Foyer vom „Haus für Mozart“ (zur Hotellobby umgebaut), Max-Reinhardt-Platz, Steingasse, Platzl, Linzergasse, Salzach, Rudolfskai.
■ 300.000 Euro Filmförderung gingen ausSalzburg nach Hollywood; Tourismusreferent Wilfried Haslauer (VP) ist mit dem Ergebnis der Investition zufrieden, vor allem damit, dass die Stadt im Film namentlich genannt wird.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2010)
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