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„Das Konzert“ im Kino: Das falsche Bolschoi in Paris

12.08.2010 | 18:23 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

„Presse“-Premiere: „Das Konzert“ von Radu Mihaileanu ist eine Tragikomödie im besten Sinn – groteske Überspitzung mit tragischem Kern. Melanie Laurent brilliert als virtuose Stargeigerin.

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Tief ist er gesunken, auch wenn er ganz oben steht: Das Bolschoi-Orchester probt, in Großaufnahme dirigiert eifrig der Maestro Andreï Filipov (Alexeï Guskov). Bis ihn das Klingeln seines Handys verrät: Der gefeierte Orchesterleiter ist vor drei Jahrzehnten aus politischen Gründen in Ungnade gefallen. Nun sieht er nur mehr vom Balkon aus zu: „Ich habe Ihnen doch verboten, den Orchesterproben beizuwohnen“, herrscht der Chef ihn an: „Sie sind Putzmann!“

Die Eröffnung von Radu Mihaileanus Das Konzert gibt den Duktus vor: überbordende Komik mit tragischem Kern. Rückblenden offenbaren den Grund für Filipovs Sturz. Er hat sich einst geweigert, seine jüdischen Solisten auf Breschnjews Geheiß zu entlassen. „Volksfeinde!“ schallt durch das entfärbte Erinnerungsbild, als der Dirigentenstab zerbrochen wird. Der Zufall gibt Filipov eine zweite Chance: Beim Putzen im Direktorenzimmer findet er eine Fax-Einladung des berühmten Pariser Théâtre du Châtelet. Dem dortigen Leiter (amüsant arrogant: François Berléand) hat ein US-Orchester abgesagt, das Bolschoi wäre ein renommierter – und angenehm preiswerter – Ersatz.

Kurzerhand trommelt der degradierte Dirigent seine alten Mitstreiter zusammen, die mittlerweile mit weniger ruhmreichen Tätigkeiten wie Handyhandel, Statistenbeschaffung für kommunistische Aufmärsche oder Pornosynchronisation ihr Brot verdienen. Filipov plant eine kühne Revanche: „Das Bolschoi ist nur mehr eine Attrappe. Sie spielen wie Klempner.“ Der kunterbunte Musikerhaufen, mit dem er stattdessen in die Stadt des Lichts aufbricht, macht zwar einen noch zweifelhafteren Eindruck, aber der Coup gelingt dank Verhandlungslist – „Man muss fordernd und zickig sein, das wirkt solide und professionell!“ – und Improvisationsgeschick. Bei einer Neureichen-Hochzeitsfeier wird zwischen Gladiatorenkampf und Feuergefecht ein Oligarch als Privatsponsor ausgehoben, die Pässe und Visa werden im Dutzend vorgefälscht: „Die Namen setzen wir beim Check-in ein.“

 

Lust am satirisch überspitzten Klischee

Vieles an Das Konzert ist reine Farce, eine Verwechslungskomödie im Stil traditionellen Unterhaltungskinos in Ost wie West. Das Aufeinandertreffen der Kulturen inszeniert der 1958 in Rumänien geborene, 1980 vor Ceauşescus Diktatur nach Israel geflohene, bald darauf nach Frankreich ausgewanderte Regisseur mit Lust an satirisch überspitzten Klischees: Zwei jüdische Musiker bringen Kaviar mit nach Frankreich, um ihn teuer zu verkaufen – doch ist er in jedem Supermarkt günstiger zu haben. Dafür sorgt der Besuch beim Pariser McDonald's für Begeisterung: „viel billiger als in Moskau“. Die Invasion der trinkfreudigen, heruntergekommenen Russen in die blitzsaubere westliche Welt führt zu wahnwitzigen Verwicklungen.

Aber wie in der Holocaust-Komödie Zug des Lebens, mit der Mihaileanu 1998 der Durchbruch gelang, setzt der Filmemacher auf eine ausgeklügelte Mischung aus Situationskomik und Sentiment. Filipov sorgt für den melancholischen Gegenpol zum turbulenten Treiben. Er will seinen Traum verwirklichen: die perfekte Interpretation von Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester. Als Solistin kommt für ihn nur eine infrage: Die hübsche Französin Mélanie Laurent, durch Tarantinos Inglourious Basterds weltbekannt geworden, gefällt als junge Stargeigerin. Ohne es zu ahnen – ihre sie bemutternde Agentin (Miou-Miou) spielt eine Schlüsselrolle –, steht die Violinistin im Brennpunkt einer Tragödie. Wenn beim Konzertfinale alle Fäden zusammenlaufen, bleibt kein Auge trocken: Ein kleiner Triumph für Mihaileanu, der als einer der Letzten in Europa klassisches Unterhaltungskino mit persönlichen Interessen verbindet.

Dabei hätte Das Konzert ruhig länger ausfallen können als zwei Stunden: einige groteske Ideen mit größerem Potenzial werden nur im Vorübergehen gestreift. Anderswo kippt die Balance im Spiel mit den Stereotypen, und nach all den Schlagabtauschen funktioniert die Macht der Musik fast zu märchenhaft. Aber für Mihaileanu, dessen Filme obsessiv und biografisch bedingt um Identitätsschwindel kreisen, liegt in solchen Kinoträumen offensichtlich noch eine filmische Utopie: eine seltene emotionale Glaubwürdigkeit, die sich dem Wissen um den schmerzlichen Kern des Humors und die Illusion der universalen Harmonie verdankt. Mélanie Laurent im Sucher Seite 31

Auf einen Blick

„Das Konzert“ war im Winter 2009 der große Publikumserfolg in Frankreichs Kinos.

Regie: Radu Mihaileanu, Skript: Matthew Robbins, Alain-Michel Blanc, R. Mihaileanu.

Mitwirkende: Alexeï Guskov, Mélanie Laurent, Dmitri Nazarov, Valeriy Barinov, François Berléand, Miou-Miou.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2010)

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