Vom Verehren eines Idols ist es naturgemäß nicht weit zur Religion: Das ist auch der Einstieg für die autobiografische Dokumentation David Wants to Fly. Der junge deutsche Filmemacher David Sieveking will sich darin von seinem Regisseurs-Abgott David Lynch inspirieren lassen, denn: „Mir fehlen die Abgründe!“ Und dafür ist Lynch ja bekanntlich Spezialist. David Wants to Fly zeigt dann tatsächlich, wie sich Abgründe auftun – aber nur in der Welt der „Transzendentalen Meditation“ (TM), begründet vom Guru Maharishi Mahesh Yogi.
Viele Prominente sind TM-Anhänger, so auch Lynch: Als Sieveking ein Interview mit ihm ergattert, wird er auf den TM-Pfad geführt. Sieveking erwirbt (um 2380 Euro) sein persönliches Mantra und wird dank naiver Begeisterung bald zum Haus- und Hofregisseur der TM-Bewegung. Bis Skepsis in ihm erwacht. Das illustrieren hervorragende Archivaufnahmen mit Stars von Donovan bis Paul McCartney bei Yogi-Veranstaltungen und neue Auftritte. Mit Krone und wallendem Gewand legt ein TM-Radscha Pläne für die Universität „Unbesiegbares Deutschland“ dar: „Hitler hat das leider nicht geschafft, weil er nicht die richtigen Mittel hatte.“ David Lynch kommt dann zur Grundsteinlegung.
Sinnsuche und Lynchs Pop-Songs
Sieveking beginnt, kritische Fragen zu stellen: Warum etwa ist die ganze TM-Organisation auf Profit aus? Bald gehen TM-Vertreter und sein Idol Lynch auf Distanz. Eine Reise nach Indien, wo 10.000 yogische Flieger gemäß Maharishis Lehren den Weltfrieden herbeimeditieren sollen, führt in eine Geisterstadt.
David Wants to Fly illustriert einen Erkenntnisprozess, nicht unbedingt tiefgründig, aber unterhaltsam dank vieler Absurditäten, auch wenn eine Privatleben-Parallelhandlung überflüssig wirkt. Jedoch überzeugt das Porträt von – dem gesunden Menschenverstand spottender – Entgleisung auf der Suche nach Sinn durch (östliche) Spiritualität. Lynch will inzwischen selbst einen TM-Film machen und hat Sieveking mit Klagen gedroht. Um Sievekings Film nicht mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, ließ es Lynch jetzt aber sein und erregt gerade selbst mit einer Pop-Single Aufsehen: Den Text seines Retro-Disco-Songs „Good Day Today“ könnte man fast für ein Mantra halten. Transzendenz durch den Erwerb werden allerdings nur Glaubenswütige finden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2010)
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