„Truffaut, das Schwein, hätte mich ruhig mitnehmen können!“, ärgerte sich Jungregisseur Jean-Luc Godard in Paris, als sein Kollege François Truffaut ohne ihn nach Cannes fuhr. Das war 1959, Truffauts Spielfilmdebüt Sie küssten und sie schlugen ihnlief dort im Wettbewerb, er erhielt den Preis für die beste Regie. Gemeinhin gilt das als offizieller Durchbruch der Nouvelle Vague, jener Filmbewegung, mit der sich Kritiker wie Godard und Truffaut als tonangebende neue Regiegeneration etablierten. Die Sachlage war zwar komplizierter, aber die gefällige Dokumentation Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague von Emmanuel Laurent versteht sich eher als Grundkurs zur französischen neuen Welle mit Schwerpunkt auf der Beziehung von Godard und Truffaut (andere Schlüsselfiguren der Bewegung wie Claude Chabrol oder Eric Rohmer spielen keine Rolle).
So folgt man der offiziellen Fabel: von der Zeit der prägenden Pariser Kinemathek und als Autoren bei den „Cahiers du Cinéma“ über die gemeinsamen ersten Erfolge – Godards Spielfilmdebüt Außer Atem basierte auf einer Story Truffauts – bis zum Zusammenhalt in den (kommerziell) schwierigen Folgejahren. Schließlich die 68er-Unruhen und das Auseinandergehen: Godard politisierte sich radikal und schlug ästhetisch entsprechende, oft hermetische Wege ein, während Truffaut mit Filmen wie Die amerikanische Nacht zum Liebkind des einst angefeindeten Establishments wurde. „Bourgeois“, schimpfte Godard, der folgende Briefwechsel 1973 war der letzte Kontakt, wobei auch Truffaut kräftig austeilte: „Du bist die Ursula Andress der Militanz!“
Filmgeschichte als Familienaufstellung
Erzählt wird das durch teils sehr schönes Archivmaterial mit Kommentaren sowie über viele, öfters gar plump illustrativ eingesetzte Filmausschnitte. Für Eingeweihte bietet das Resultat anderthalb Stunden recht nette Kino-Nostalgie, für Anfänger eine annehmbare Einführung ins Sujet – und doch dominiert das Gefühl einer vertanen Chance. Filmgeschichte wird hier letztlich bloß zur Familienaufstellung, gegen Ende bemühen sich die Macher, durch eine Folge entsprechender Filmausschnitte Godard und Truffaut zu gegensätzlichen (Über-)Vätern ihres häufigen Darstellers Jean-Pierre Leaud hochzustilisieren.
„Der französische Film krepiert an den falschen Legenden!“, schrieb Truffaut in den 1950ern, als es um die Entthronung des dominierenden „Cinéma qualité“ ging. In Laurents Dokumentation werden nun Truffaut und Godard selbst zu Figuren (falscher) Legendenbildung, abgeschottet von der Gegenwart. Letztere muss die attraktive Aktrice Isild Le Besco unbeholfen repräsentieren, indem sie in historischem Material blättert oder sich an Orten wie der alten Cinémathèque Française nachdenklich umsieht. Zumindest ein Mythos wird so unabsichtlich entzaubert: Die Nouvelle Vague war nicht, wie oft (und auch hier) behauptet, eine Revolution, sondern ein Umbruch, in dem junge Bohémiens der alten Garde ein Stück Filmgeschäft entrissen. Und sie wussten: Das geht leichter, indem man einfach hübsche Maiden vor die Kamera stellt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2011)
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