Lange kannte man den Filmstandort Wien besser von unten als von oben. Die unter der Regie von Carol Reed entstandenen Schattenspiele des „Dritten Mannes“ in den Abwasserwegen der Stadt holten nicht nur drei Oscars, sie blieben auch als Image an Wien kleben: enge Gassen, düstere Machenschaften, eingängige Zithermelodien aus allen Richtungen. Übrigens verfolgte die Kanalpolizei in dem Film über weite Strecken nicht Orson Welles selbst, sondern ein Double des kapriziösen Kaliforniers: Welles konnte sich mit dem Geruch der Wiener Unterwelt nicht anfreunden. Die meisten Szenen sind in einem Londoner Studio entstanden. Die Kanalpolizisten wiederum waren keine Schauspieler, die waren von der Gendarmerie.
Mittlerweile wurde das filmische Wien-Bild neu ausgeleuchtet. 2011 waren die gefragtesten Filmmotive die Stadtgärten, gefolgt von den Spitälern, Gemeindebauten und Märkten. Die Kanalisation ist mittlerweile auf Platz zehn abgestiegen, aber immerhin. Im Bezirksranking schneiden Meidling und Simmering ähnlich schlecht ab, am häufigsten muss die Innere Stadt vor die Kamera.
Beweisführung abgeschlossen. Der gesamte Filmstandort Österreich muss sich schon lange nicht mehr an Orson Welles festhalten. Die Branche blüht. Als „Das weiße Band“ 2009 in Cannes seine Premiere feierte, wurde der österreichischen Regisseur Michael Haneke mit der Goldenen Palme, dem Hauptpreis des Filmfestivals, ausgezeichnet. Zwei Jahre später bekam Karl Markovics' erste Regiearbeit „Atmen“ an der Croisette den „Label Europa Cinema Award“ verliehen.
Drei Jahre zuvor war Markovics im (ehemaligen) Kodak Theatre in L. A. zu Gast. Als Hauptdarsteller in „Die Fälscher“ durfte er Teil einer nationalen Premiere sein, denn der Film gewann einen Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“. Regie führte Stefan Ruzowitzky. Er hat klare Vorstellungen, wie man den Produktionsstandort Österreich verbessern müsste, um dem künstlerischen Output ein angemessenes Umfeld zu bieten: „Die heimische Filmszene muss mit Subventionen nach künstlerischen Kriterien gefördert werden. Wir haben bewiesen, dass wir international ganz oben mitspielen können, unsere Filme sind ein wichtiges Aushängeschild für das Land und sein kulturelles Potenzial.“ Nachdem der Film ein unsicheres Geschäft sei – Projekte platzen im letzten Moment, Budgets werden kurzfristig halbiert –, hätten sich Rabattmodelle am besten bewährt, „wenn die öffentliche Hand nur auf tatsächlich im Land ausgegebenes Geld Rabatte gibt, gewinnt sie.“
Ohne Geld ka' Musi. Die Filmemacherin Martina Theininger schreibt ihrem Arbeitsplatz Wien ein positives Zeugnis: „Grundsätzlich sind wir mit allen Initiativen auf dem richtigen Weg.“ Für eine weitere Stärkung des Standorts könne man aber überall ansetzen. „Bei der Verbesserung der Ausbildungsmöglichkeiten, bei der Erleichterung in der Umsetzung von internationalen Koproduktionen bis hin zur Entwicklung und Umsetzung von neuen zeitgemäßen Distributionswegen und allem, was dazwischen liegt. Besonders wichtig ist die Stärkung der Kreativen, der Leute, die sich hinsetzen und sich Projekte ausdenken, und die Gewährleistung von Nachhaltigkeit bei den Arbeitsbedingungen.“ Kurz: „Wir brauchen eine Erhöhung der Fördermittel, mehr Geld. So einfach ist es.“
Ohne Geld ka' Musi, diesem Wortlaut kann sich auch Veit Heiduschka anschließen. Bloß sollten Förderungen seiner Meinung nach nicht allein für heimische Produzenten, sondern auch für die des Auslands reichen. Filme sind nicht bloß Kulturgut, sie sind auch gut fürs Geschäft. Regisseur Heiduschka ist Geschäftsführer der Wega-Film, Präsident des Produzentenverbandes Film Austria und seit Jahren im Geschäft. 1986 produzierte er beispielsweise Niki Lists „Müllers Büro“, ein Wiener Kultfilm ohne Ablaufdatum. „Wien hat die Infrastruktur, sehr gute Mitarbeiter, gute Tonstudios, gute Kopierwerke, die Qualität stimmt.“ Bloß das Geld verstecke sich, sagt Heiduschka, und fügt im Hinblick auf die lokale Koordinationsstelle der Stadt bloß hinzu: „Was der Vienna Film Commission fehlt, ist ein eigener Koproduktionstopf von zwei bis drei Millionen Euro“ – denn es sei das Geld, das besonders ausländische Produktionen anlocke.
Wien im Luxus. 2009 wurde die besprochene Vienna Film Commission (VFC) eingerichtet, kofinanziert vom Kulturamt der Stadt, dem Filmfonds Wien, WienTourismus, der lokalen Wirtschaftsagentur und der Wirtschaftskammer Wien. Sie unterstützt Filme in der Vorproduktion und während der Dreharbeiten, sie schreibt Empfehlungen für Magistratsgenehmigungen und rührt die Werbetrommel für den Filmstandort Wien. Im dritten Jahr ihres Bestehens wurden bei der VFC 336 Projekte eingereicht, davon kamen 57 aus dem Ausland, die meisten aus Deutschland, gefolgt von England, Japan und Russland. 478 Empfehlungsschreiben wurden an verschiedene Behörden weitergegeben.
Was viele nationale und internationale Schwesternorganisationen haben, fehlt Wien: die Incentives, also die finanziellen Lockmittel. „Viele solche Institutionen – unter anderem alle regionalen in Österreich – haben ein Förderbudget für Filme. Abgesehen von Wien“, erklärt VFC-Geschäftsführerin Marijana Stoisits. Kann sich Wien als einziges Bundesland den Luxus leisten, nicht mit dem dicken Portemonnaie zu winken, wo die slowakische und ungarische Konkurrenz doch so nahe ist? Tom Cruise und Cameron Diaz wären in der Actionkomödie „Knight and Day“ auch nicht zufällig in einem Salzburger Hotel abgestiegen, betont Heiduschka, die Stadt hat den Film damals mit immerhin 300.000 Euro gefördert.
Werbewunder Film. „Laut internationalen Studien lassen sich bis zu 20 Prozent der Touristen von Filmen bei ihrer Urlaubsplanung beeinflussen“, erklärt Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner ein wichtiges Kapitel der Filmwirtschaft. Aber kann man den Werbe-effekt, den ein in Wien gedrehter Film für das Land hat, auch tatsächlich in Geld umlegen? „Das könnte man“, schätzt Marijana Stoisits. „Die Frage ist nur, wie hoch ist der Tausender-Kontaktpreis? Wenn ein ,Tatort‘, dessen Story in Wien spielt, von 8,33 Millionen deutschen Zuschauern bei seiner Erstausstrahlung in der ARD gesehen wird, dann kann der Werbewert gar nicht hoch genug angesiedelt werden.“
Oder wenn eine indische Milliardenindustrie Tirol als Partnerland entdeckt. Seit 1998 tanzt Bollywood vor österreichischem Bergpanorama. 300 indische Filmprojekte wurden laut Cine Tirol bereits realisiert. Welchen Effekt hat der tanzende Inder auf den blühenden Tiroler Tourismus? Zwischen 1999 und 2009 ist die Zahl der indischen Gäste um 100 Prozent auf 31.000 Nächtigungen gestiegen, 2011 gab es 55.751 indische Tirol-Reisende, ein Marktanteil von 0,1 Prozent. Überzeugender wirkt da schon die Wertschöpfungskette der Filmförderung.
2011 wurden etwa 24 Filmprojekte von der Fisa, der Förderinitiative „Filmstandort Austria“ des BMWFJ, unterstützt. Im Detail wurde ein Gesamtinvestitionsvolumen von 69,4 Millionen Euro mit 7,4 Millionen Euro gefördert. „Die Wertschöpfung im Inland betrug 31 Millionen Euro“, zieht Minister Mitterlehner positive Bilanz. Unterm Strich heißt das: Ein Euro Filmförderung lukriert ungefähr vier Euro für Österreich. Fernab der Zahlenspiele freut sich Mitterlehner derzeit „auf die bereits erfolgten Einladungen zur diesjährigen 62. Berlinale. Von den fünf geladenen österreichischen Produktionen sind gleich drei Projekte darunter, die eine Unterstützung durch Fisa erhalten haben. Der Spielfilm ,Kuma‘ von Umut Dağ wurde als Eröffnungsfilm der Berlinale ausgewählt. Darüber hinaus wird ,Spanien‘ unter der Regie von Anja Salomonowitz und ,What is Love‘ von Ruth Mader bei der Berlinale zu sehen sein.“
Weniger erfreulich: Die Fisa-win-win-Situation könnte bald vorüber sein, die Initiative des Bundesministeriums endet dieses Jahr. Wäre es nicht gerade in trüben Zeiten wichtig, einen ertragreichen Wirtschaftszweig zu stärken? „In den kommenden Monaten werden wir wie geplant die Filmförderrichtlinien ,Filmstandort Österreich‘ evaluieren. Die Ergebnisse sollen als Entscheidungsgrundlage für Verbesserungen sowie die Verhandlungen zur Weiterführung von Fisa ab 2013 dienen“, stellt Mitterlehner in Aussicht.
In den Augen von „Fälscher“-Regisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky war die Fisa-Förderung ein vielversprechender Ansatz, den Produktionsstandort zu stärken. Um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben müsse man aber größer denken: „Im Vergleich zu Nachbarstaaten wie Deutschland, Tschechien und Ungarn sind wir immer noch ein Entwicklungsland, dort locken große Studiohallen und massive Förderungen. Eine starke nationale Filmkultur als Basis ist unumgänglich.“
Filmstandort Wien: Der lange Schatten aus der Kanalwelt
04.02.2012 | 17:29 | von Sabine Hottowy (Die Presse)
Die Filmwirtschaft blüht und blutet gleichzeitig. Während Tirol Bollywood seit Jahren an der Angel hat, leistet sich der Filmstandort Wien den Luxus, auf Incentives zu verzichten. Deshalb drehen manche lieber anderswo.
Goldene Palme Alle Wettbewerbsfilme: Michael Haneke, Ulrich Seidl und ihre 20 Konkurrenten
Die Filme der Woche ''Men In Black'' in 3D, Liebe, Sex und Terrorismus
Milliarden-Streifen Die 12 erfolgreichsten Filme der Kino-Geschichte
Günther Kaufmann ist tot Ein Leben wie ein Film
Song Contest Die Gegner der Trackshittaz