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»Spanien«: Liebe wird durch Gesetze zerstört

04.02.2012 | 18:23 |  von Markus Keuschnigg (Die Presse)

»Spanien«, Spielfilmdebüt der preisgekrönten heimischen Dokumentaristin Anja Salomonowitz, wird nächste Woche auf der Berlinale uraufgeführt. Regisseurin erzählt von der poetischen Figur des Fremdenpolizisten.

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Welchen Bezug haben Sie zu Spanien?

Anja Salomonowitz: Ich war einmal in meinem Leben in Spanien! (lacht) Ich bin mit zwei Freunden durch Spanien und Frankreich gefahren. Und es hat sich dann herausgestellt, dass wir uns tatsächlich im Auto am wohlsten fühlen. Wir sind drei Wochen lang nur herumgefahren.

Ist Spanien ein Sehnsuchtsort in Ihrem Film?

Wir haben Spanien genommen, da es das Ziel des Protagonisten ist...

...aber der könnte auch anderswo hinfahren.

Der Grund, warum er nach Spanien will, ist ein politischer. Ich habe für einen Dokumentarfilm über binationale Paare recherchiert, also Menschen, die mit jemandem aus einem Drittstaat verheiratet sind, ein Österreicher mit einer Nigerianerin zum Beispiel. Und diese Menschen haben mir erzählt, dass Spanien viel liberaler ist bezüglich illegaler Einwanderer als andere Länder. Es gab dort mittlerweile sieben Legalisierungswellen: Das heißt, der Staat hat Menschen, die illegal im Land leben, angeboten, sich innerhalb einer Frist legalisieren zu lassen. Man geht aufs Amt und lässt sich eintragen. Und das spricht sich rum. Wenn Sava (Hauptfigur aus „Spanien“) zum Priester, nachdem der ihn gefragt hat, wieso er unbedingt nach Spanien will, sagt: „Die Menschen dort fürchten noch Gott. Wo man Gott fürchtet, kann man gut leben“, dann meint er damit das Asylrecht. Er meint, dass es leichter ist für ihn, dort zu leben. Und er sagt es in den Worten des Priesters.

Sie haben das Drehbuch gemeinsam mit dem bulgarischen Schriftsteller Dimitré Dinev verfasst. Wie ist die Zusammenarbeit verlaufen?

Sehr gut! Wir haben in zwei Tranchen geschrieben. Einmal im Jahr 2007. Und dann haben wir das Drehbuch zwei Jahre liegen lassen, bevor wir es nochmals überarbeitet haben.

Wieso haben Sie das Buch so lange ruhen lassen? Waren Sie nicht zufrieden mit dem Ergebnis?

Die erste Fassung des Buches hat mir noch nicht genug gefallen, als dass ich daraus einen Film hätte machen wollen.

Was ist in diesem ersten Drehbuch enthalten gewesen, das jetzt im Film gelandet ist?

Beim Überarbeiten haben wir das Drehbuch in erster Linie ausgedünnt. Im Film sieht man jetzt nur eine Ebene, aber dahinter stehen noch viele andere, die miteinander kommunizieren. Wie Wolken, die so daherschwimmen.

Sie schreiben also sehr dicht?

Das Drehbuch ist sehr dicht, ja. Nur 62 Seiten und es sind jetzt noch viel weniger Szenen auf der Leinwand zu sehen, als im Drehbuch waren. (lacht) Aber ich will noch etwas Thematisches sagen: Ich finde es einfach skandalös, wie die Fremdenpolizei arbeitet und dass es dieses Spitzeltum noch gibt. Dass Liebe aufgrund von Gesetzen zerstört wird. Und ich hatte die Idee, eine Geschichte über einen Fremdenpolizisten zu machen, der kraft seines Amtes die Macht hat, die neue Liebe seiner Exfrau zu zerstören.

Die Themen von „Spanien“ könnten sehr schnell ins Sentimentale, Gefühlskitschige abdriften. Hatten Sie Angst davor, dass am Ende ein klassischer „Problemfilm“ herauskommt?

Auch meine Dokumentarfilme „Das wirst du nie verstehen“, in dem es um Erinnerungskultur und die Großelterngeneration geht, und „Kurz davor ist es passiert“, ein Film über Frauenhandel, kreisen um solche Themen. Darum geht es mir, diese abgegriffenen Themen anders zu begreifen. Der Fremdenpolizist etwa, der wird im Lauf des Films zu einer sehr poetischen Figur.

Ein Grund, weswegen „Spanien“ gegen viele Klischees wirkt, ist die Bildsprache.

Für mich ist die Ausstattung neben den Schauspielern das Wichtigste. Aber das ist eh klar.

Das ist für mich gar nicht klar. Gerade in der jüngeren österreichischen Filmgeschichte ist Ihr Film, der sich vorwiegend über Bilder und weniger über Dialoge erzählt, eher die Ausnahme von der Regel.

Ich möchte meinen Filmen jeweils eine Farbe geben. „Spanien“ ist bräunlich. Die Farben sollen aus den Dingen herauskommen. Ich will keine Folie über eine Lampe spannen. Und das haben wir in aller Akribie betrieben. Für eine Szene haben wir eine Wohnung angemietet. Die Fliesen im Badezimmer waren weiß, dazwischen gab es aber immer wieder eine, die blau war. Aber es gibt kein Blau in meinem Film. Meine großartige Ausstatterin, Maria Gruber, hat dann in einem Kopierladen 4000 Aufkleber machen lassen und mit drei anderen die blauen Fliesen überklebt.

Das sind die kleinen Geschichten, die man normalerweise nicht hört von Filmdrehs.

Das ist bei mir total extrem und das Team macht auch mit. Der Innenrequisiteur hat zum Beispiel nur 50-Euro-Scheine verwendet. Eben weil sie bräunlich sind.

Die Grenze zwischen Ihren Dokumentar- und Spielfilmen ist fließend. War „Spanien“ immer schon als klassischer Spielfilm geplant?

Als Dokumentaristin war es mir sehr wichtig, dass die Schauspieler im Film ihr Umfeld so gut kennen, dass sie darin auch existieren könnten. Sie haben mit mir recherchiert, und sie haben die Möglichkeit bekommen, Menschen, die in diesen Bereichen leben oder arbeiten, zu treffen. Mir war wichtig, und das ist auch das Dokumentarische daran, dass die Schauspieler ihre Figuren so gut kennen, dass alle Handgriffe sitzen.

Liegt darin die Wahrheit Ihres Kinos? In diesen Handgriffen?

Wenn jemand den Hebel falsch betätigt, das geht gar nicht. Ich habe Schauspieler gesucht, die sich verändern wollen, und die sich mit mir in diesen Kosmos stürzen. In Österreich gibt es ja diese Tradition, dass man Leute sucht, die das schon sind, was sie spielen sollen. Ich wollte aber die Verwandlung.

Ist das Kino von Ulrich Seidl eine Inspiration für Sie, nicht zuletzt, da es sich auch einfachen Kategorisierungen verwehrt und zwischen Dokumentar- und Fiktionscharakter changiert?

Sicherlich. Aber solche Filme wie er kann nur er machen. Mich hat mehr der Weg interessiert, wie er das macht. Und ich habe sehr gerne mit ihm gearbeitet und auch am meisten von ihm gelernt. Ich zeig ihm auch jetzt meine Filme. Und er kann immer weniger damit anfangen. (lacht)

1976
Anja Salomonowitz wird am 12. November in Wien geboren.

2000
Im Zuge des Studiums von Regie und Schnitt in Wienund Berlin entsteht der Kurzfilm „Carmen“. Weiters ist Salomonowitz u.a. Cutterin von Valeska Grisebachs Debüt „Mein Stern“ (2001) und arbeitet mehrfach als Regieassistentin bei Ulrich Seidl.

2003
Der innovative Zeitzeugen-Dokumentarfilm „Das wirst du nie verstehen“ erregt großes Aufsehen.

2006
Der stilisierte Frauenhandel-Dokumentarfilm „Kurz davor ist es passiert“ wird international preisgekrönt.

2012
Salomonowitz' erster Spielfilm „Spanien“, verfasst mit Autor Dimitré Dinev, hat am 11.2. Premiere bei der Berlinale, am 20.3. eröffnet er die Grazer Diagonale. Kinostart in Österreich: 23.3.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)

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