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Jolie legt Klischees in Schutt und Asche

08.02.2012 | 18:20 |  EVA STEINDORFER (Die Presse)

"In the Land of Blood and Honey": Angelina Jolies Regiedebüt wird bei der heute beginnenden Berlinale vorgestellt. Ihr umstrittener Bosnien-Kriegsfilm ist aber gut recherchiert, sensibel und kompromisslos.

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Ein verliebtes Paar, tanzend und flirtend, ins warme Licht eines Clubs getaucht, eine Szene so universell erkennbar, dass sie sofort eine vertraute Atmosphäre kreiert, den Zuseher beinahe einlullt. Im nächsten Moment detoniert eine Bombe und legt das Tanzlokal in Schutt und Asche. Getrennt voneinander kriechen die beiden aus den zerfetzen Gebäuderesten hervor. Das Idyll hat sich in Chaos verwandelt. Der Ort des Geschehens ist Sarajewo, das Jahr 1992, eben hat der Bosnien-Krieg seinen Anfang genommen.

Wenn Film vom Krieg erzählt, dann meist aus einem männlichen Blickwinkel. Dem Blickwinkel des Handelnden, des Soldaten an der Front. Nur selten nehmen Frauen sich dieser Perspektive an. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow machte sich mit ihrem Irak-Kriegsfilm The Hurt Locker dieses wohl männlichste aller Genres zu eigen und gewann als erste Regisseurin überhaupt einen Oscar.

Wenn Frauen vom Krieg erzählen, dann meistens indirekt. Ihre Filme handeln von den Folgen, den psychischen Wunden, die der Krieg hinterlassen hat. Es geht oft um Solidarität mit den Opfern. Mit den Frauen. Oft braucht es eine räumliche und zeitliche Distanz, um Zugang zum durch den Krieg verursachten Trauma zu finden. Esmas Geheimnis – Grbavica, der 2006 mit dem Goldenen Bären von Berlin ausgezeichnete Film der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić, erzählt vom Trauma der Vergewaltigung im Bosnien-Krieg, tastet sich aber vorsichtig über die nach dem Krieg geborene Generation an das sensible Thema heran. Das Fräulein von der Schweizerin Andrea Štaka befasst sich mit den Auswirkungen des Bosnien-Krieges auf drei Frauen im Exil.

 

Abgeknallte Zivilisten

Starschauspielerin Angelina Jolie scheint keine Berührungsängste mit dem Krieg zu haben. Ihr Regiedebüt In the Land of Blood and Honey, bei dem sie auch für das Drehbuch und die Produktion verantwortlich zeichnet, hat diesen Samstag bei der Berlinale Europa-Premiere. Jolie katapultiert die beiden Protagonisten Alja (Zana Marjanović), eine bosnische Muslimin, und Danijel (Goran Kostić) nach dem oben skizzierten „Vorspiel“ direkt und erbarmungslos ins Kriegsgeschehen. Alja, die Malerin ist, lebt mit ihrer Schwester und deren Baby zusammen. Einige Monate nach Ausbruch des Krieges werden sie von Soldaten mit den anderen Hausbewohnern auf die Straße getrieben. Die hübschen, jungen Frauen, darunter auch Alja, werden herausgefischt, auf einen Transporter gepackt und in eine Kaserne gebracht, in der serbische Soldaten stationiert sind. Auf dem Weg knallt ein Soldat wie beiläufig einen Passanten ab.

Es ist diese abrupte, unerwartete und doch so selbstverständlich ausgeführte Gewalt gegen Zivilisten, die das größte Schockpotenzial hat. Etwas später im Film wird Aljas Schwester, die von der Suche nach Restbeständen von Medikamenten zurück in die Wohnung kommt, entdecken, dass Soldaten in der Zwischenzeit ihr Baby aus dem Fenster geworfen haben. Die Massenerschießungen vor bereits geschaufelten Gräbern, wie sie in Srebrenica stattgefunden haben, werden ebenso wie ein Gefecht gezeigt, in dem die Frauen als lebende Schutzschilde gebraucht werden. Der Kommandant der Kaserne, in die Alja gebracht wird, ist Danijel; angesichts der Identität der Regisseurin und Drehbuchautorin scheint die Sorge berechtigt, dass der Film spätestens hier in geschichtsverfälschenden Hollywood-Kitsch abdriftet. Während der Dreharbeiten gab es Proteste von bosnischen Frauen, als publik wurde, dass Jolies Film von einer Liebesgeschichte zwischen einem serbischen Soldaten und einer muslimischen Bosnierin handeln sollte. Doch Jolie hat ihre Hausaufgaben gemacht. Ob sie sich dabei etwas zu sehr von dem Roman „A Soul Shattering“ inspirieren hat lassen, wie der Autor James Braddock (alias Josip Knezevic) behauptet, sei dahingestellt. Es ist sicherlich auch der sensiblen Darstellung der Hauptdarsteller zu verdanken, dass die Geschichte zwischen Alja und Danijel ständig in der Schwebe bleibt.

 

Brutale Präzision

Der Film hält seinen Spannungsbogen auch wegen dieser sich ständig verschiebenden, ungleichen Beziehung. Ist der Mann Beschützer oder Despot, die Frau Opfer oder Opportunistin? Sind die beiden trotz allem noch Liebende, oder wird die Liebe zwangsläufig korrumpiert, wenn man sich in feindlichen Lagern gegenübersteht? Es ist als Verdienst von Angelina Jolie zu werten, dass sie die brutale Präzision bis zum Ende durchzieht. Ohne auch nur ein Mal ins Hollywood-Klischee zu tappen.

Berlinale: Von Jacquot bis Jolie

Die 62. Filmfestspiele Berlin werden heute Abend eröffnet (live auf 3sat, ab 19.20h). Zum Auftakt zeigt man Benoît Jacquots am Vorabend der Französischen Revolution spielenden Wettbewerbsbeitrag „Les adieux à la Reine“ („Leb wohl, meine Königin!“). 18 Filme konkurrieren, bis 19. Februar muss die Jury unter Vorsitz des britischen Regisseurs Mike Leigh den Goldenen Bären küren. Im Rennen sind u.a. der Deutsche Christian Petzold und Billy Bob Thornton (USA).

Für Starpräsenz sorgen Angelina Jolie, die ihr Regiedebüt vorstellt, oder Meryl Streep, die heuer den Ehren-Bären erhält– und natürlich Hauptdarsteller von Banderas bis Huppert.

Aus Österreich konkurriert „zounk!“ von Billy Roisz um den Kurzfilm-Bären, fünf heimische Filme laufen in Nebenschienen: „Glaube Liebe Hoffnung“ von Peter Kern, „Spanien“ von Anja Salomonowitz, „What Is Love“ von Ruth Mader, die Haushofer-Adaption „Die Wand“ von Julian Pölsler und „Kuma“ von Umut Dag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2012)

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7 Kommentare
Gast: Dan Bateman
13.02.2012 02:44
0 0

Anmerkung

Der Name des weiblichen Hauptcharakters, der von Zana Marjanović dargestellt wird, ist Ajla - und nicht wie oben geschrieben Alja.

Gast: Antun Duhacek
09.02.2012 12:01
0 2

Gut recherchiert?

Der Film ist die Rede nicht wert, noch weniger ist er allerdings gut rechercheirt. Im Film wird von 300.000 Toten und 50.000 Vergewaltigungsopfern gesprochen. Tatsächlich waren es laut OSCE 100.000 Tote und 3000 Vergewaltigungsopfer.
Das sind nur die auffäligsten Widersprüche, und binnen 10 Minuten Recherche zu widerlegen.

Antworten Gast: nicegirl
16.02.2012 14:52
3 0

Re: Gut recherchiert?

Und was meinen Sie, Herr Duhacek- angenommen Sie haben Recht, sind 3.000 Vergewaltigungsopfer kein Grund um einen solchen Film zu drehen? Meiner Meinung nach ist auch ein Opfer ausreichen um der Welt die Vorgehensweise der Serben während des Krieges zu zeigen. Es ist irgend wie typisch: anstatt sich mit dem Thema zu befassen, werden die Zahlen korrigiert. Sie haben wohl nichts verstanden. Schade.

Gast: gasti
08.02.2012 23:08
2 3

jolie hat so viel ahnung vom balkan wie dschingis khan von tischmanieren


Antworten Gast: spice
16.02.2012 15:03
1 0

Wie sind Ihre Tischmaniere und was wissen Sie über Dschingis Khan`s Tischmaniere?

Frau Jolie hat sich ausreichen informiert, hat den Tribunal in dem Haag analysiert, Opferaussagen studiert, Menschen vor Ort und Kriegsbeteiligte kontaktiert usw. - so wie es sich gehört für ein solches Projekt. Sie dagegen blammieren sich mit dem Vegleich: zeigen, dass Sie weder von Balkan noch über Dschingis Khan Ahnung haben.

Antworten Gast: jkgkkuioio9p
09.02.2012 07:25
4 0

Re: jolie hat so viel ahnung vom balkan wie dschingis khan von tischmanieren

Klären sie uns auf sie Balkankenner.

4 0

Re: jolie hat so viel ahnung vom balkan wie dschingis khan von tischmanieren

sie haben mit jolie also doch etwas gemein...