Mit »Faust« hat der russische Regisseur Alexander Sokurow den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen. Als einer der bedeutendsten Regisseure der Welt hat er nicht nur mit einer eigenwilligen Interpretation verblüfft, sondern auch damit, dass er »Faust« als Abschluss einer Tetralogie über Diktatoren wählte.
Nicht nur Schauspieler, auch Filmverleiher „warnen“, die Arbeit mit Ihnen bzw. Ihre Filme würden einen verändern. Wie erklären Sie sich diese Magie?
Alexander Sokurow: Das Wichtigste für mich sind nicht die schauspielerischen Fähigkeiten, sondern die Persönlichkeit der Schauspieler. Ich habe ihnen gegenüber immer das Gefühl der Dankbarkeit. Kino ist wie die gemeinsame Fahrt in einem engen Boot über den Ozean. Niemand weiß, ob das Projekt gelingt.
Kommt ein Teil Ihrer Wirkung nicht auch daher, dass Sie sich gönnen, unzeitgemäß zu sein?
Vielleicht. Aber Hemingway oder Tolstoi waren auch unzeitgemäß. Wenn du nicht zeitgemäß bist, ist es schwer zu verstehen, wo du dich befindest: vorn, hinten?
Wo sind Sie?
Ich denke, oben. Von oben sieht man am besten und zwar Statisches und Dynamisches gleichzeitig. Das ist mein Verhältnis zum Lauf der Zeit. Ich denke nicht, dass es in der Kunst eine Vergangenheit gibt. Die ganze Kunst befindet sich im Zustand meiner Lieblingszeitform der „present continous tense“ im Englischen: eine erweiterte Gegenwart.
Sie verblüffen, indem Sie Faust in Ihrer Tetralogie in eine Reihe mit Diktatoren (Hitler, Lenin und dem japanischen Gottkaiser Hirohito) stellen. Sie haben sogar gemeint, aus Faust seien alle anderen hervorgegangen.
Schwer zu sagen, wer von wem kommt. Der Film handelt von moralischen Problemen. Und diese sind ja am klarsten in der christlichen Dogmatik ausgeführt. Gäbe es kein Christentum, gäbe es keinen Faust.
Es stellt sich die Frage, was Bildung und Aufklärung eigentlich vermag. Bildung muss nicht vor Barbarei schützen, wie die Eliten des Nationalsozialismus zeigen, die oft die neuhumanistische Bildung durchliefen.
Das einzige offensichtliche Verbrechen Fausts ist der Verrat am Mädchen. Er hat es dem Schicksal überlassen. In der kleinen unmoralischen Handlung aber schimmert das große Verbrechen durch. Die ganze Tetralogie handelt von den Entwicklungsstadien, zu denen ein Mann kommt, wenn er riesige Möglichkeiten in die Hand bekommt, ein wunderbares Ideal zu verwirklichen. Alle europäischen Humanisten haben davon geträumt.
Also, hütet euch vor denen, die das Beste für euch wollen?
Gefährlich ist, wenn einer für alle entscheidet. Es gab eine Zeit, als jeder wissenschaftliche Fortschritt zuerst von humanitären Überlegungen geprüft worden ist. Dann aber begannen die Naturwissenschaften sich über die Philosophie und das geisteswissenschaftliche Denken zu stellen. In meinem „Faust“ wird thematisiert, wie ein junges Mädchen von einem gebildeten Gelehrten zu einem Verbrechen verleitet wird. Er muss aus der Stadt fliehen, und plötzlich fragt er doch, ob er das Mädchen nicht doch retten könnte. Aber der Wucherer (= Mephisto) rät davon ab. Ich habe Faust mehrere Möglichkeiten gegeben, haltzumachen, denn kein anderes Ziel, auch nicht seine Wissenschaft, hat irgendeinen Wert im Vergleich mit dem Leben dieses Mädchens. Faust hat ein moralisches Vakuum, weil ihm die Erziehung dazu fehlte. Auch die Diktatoren begaben sich Schritt für Schritt ins Verbrechen.
Sie bringen direkt Verständnis für sie auf, streichen das Menschliche hervor. Rechtfertigen Sie da nicht auch etwas?
Wenn das Böse eine Infektion wäre, die vom Mond kommt, könnte man sie einfach ausmerzen. Aber leider kommen alle Unzulänglichkeiten vom Menschen selbst. Wir müssen verstehen, was in Hitler, Lenin und Faust an Menschlichem war. Das Böse existiert ja als ewiges Phänomen – allein schon deshalb, da es den Tod gibt. Die Erziehung aber ist der Widerstand gegen das Böse. Nur so kommt Gutes zustande.
Ein Russe bearbeitet Faust: In Europa wurde das Thema schon lange nicht mehr aufgegriffen?
Das wundert mich nicht. Es liegt am allgemeinen humanitären Verfall der deutschen Kultur. Der deutsche Staat, der immer stark an der Kultur teilgenommen hat, reduziert die Finanzierung der Geisteswissenschaften. Wenn Sie in Deutschland über die klassische Kultur und über Faust zu reden beginnen, sehen Sie fadisierte Gesichter. In Russland ist das Interesse einstweilen größer. Die Deutschen und die Europäer stehen unter starkem Einfluss modernistischer Stimmungen.
Klingt ganz, als hätten Sie Angst, dass irgendetwas an der deutschen oder europäischen Kultur verloren gehen könnte.
Zweifellos. Ich habe mich deshalb auch geweigert, den Film ins Russische zu übersetzen. Die Sprache ist ein ganzer Kosmos, in ihr drückt sich der Nationalcharakter aus. Als ich von der Vereinigung Europas erfuhr, habe ich immer zur äußersten Vorsicht aufgerufen, damit die Individualitäten der Kulturen nicht verloren gehen, denn dann geht auch Achtung verloren, und es kommt zum Krieg. Man hat mich sofort als Nationalisten gebrandmarkt. Auch die Immigrationswelle sehe ich als Tragödie für Europa. Es ist nicht so sicher, dass Kulturen stark genug sind, das zu überstehen. Genauso wie den Massenkonsum, den ich auch als Bedrohung sehe.
Bei allem Verständnis fürs Bewahren. Aber Leben ist wesentlich auch von Veränderung gekennzeichnet.
Auch Rauschgift ist ein Kennzeichen des Lebens. Sollen wir es deshalb erlauben? Was ich sagen will: Alles ist an der Ethik zu messen und mit Vorsicht anzugehen. Europa – das ist mein Schmerz, mein Interesse, meine Kultur. Wir als Russen lieben und brauchen Europa, während Europa auch leicht ohne uns auskommt. Wir brauchen Europa auch als Teil der seelischen Erfahrung.
Sie nehmen Ihrem „Faust“ die metaphysische Dimension weg: Gewinnt er dadurch?
Es ist eine Offenbarung, eine Kennzeichnung des Hauptsächlichen. Das Metaphysische ist nicht so wichtig, wie uns das 20. Jahrhundert gezeigt hat, das wahrscheinlich zu viel davon hatte. Die Wurzeln unserer Probleme und Schmerzen liegen woanders. Der Mensch kommt vor der Metaphysik. Man soll nicht denken, dass die einzige Quelle der Moral der Glaube ist. Auch ohne große Persönlichkeiten und Pioniere kann die Gesellschaft nicht existieren. Unserer Zeit fehlt jemand wie Thomas Mann.
Warum sind Sie eigentlich der Ansicht, dass die wichtigste Kunstform die Literatur und nicht das Kino ist? Die Menschen nehmen doch immer mehr visuell war.
Dagegen gilt es anzukämpfen. Ich mag Kino nicht, es ist nur zufällig mein Beruf geworden. Ich mag Literatur. Sie ins Kino einzuschleusen, sehe ich als meine Aufgabe. Was Kino kann, ist Atmosphäre schaffen. Und moralische Werte verteidigen. Aber wenn Gott zum Jüngsten Gericht ruft, dann zuallererst die Kinoregisseure. Denn sie sind schuld.
Woran?
An allem. Und zwar, weil sie Gewalt propagieren wie niemand zweiter. Die visuelle Erfahrung nämlich bleibt ein ganzes Leben lang im Betrachter eingeprägt. Wenn du einmal Gewalt gesehen hast, bist du ein anderer Mensch. Als ich Studenten von Andrzej Wajda in Warschau auf die moralische Verantwortung von Regisseuren hinwies, erntete ich zuerst Langeweile und dann Empörung. Alle sagten, sie seien frei und könnten tun, was sie wollen. Unglaublich, aber die Ermordung eines Menschen auf dem Bildschirm erschüttert nicht mehr. Wenn Tarantino vor das Jüngste Gericht kommt, werden ihn die Engel auf der Stelle in Stücke reißen.
Offenbar glauben Sie an Gott.
Ja. An alle gleichzeitig. Sie alle schützen uns, und in Wirklichkeit sind sie alle eins. Wie könnte ich sagen, dass Dostojewski für mich wichtiger ist als Goethe? Und wie sollte ich ohne Mahler oder Schostakowitsch leben? Und ein Leben ohne Mozart wäre eine Qual.
Manch einer könnte sagen, was würde er ohne Ihre Filme tun.
Lesen – und vielleicht Musik hören.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)
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