Ein Gehirntumor gastiert bei Harald Schmidt

Andreas Dresens eben angelaufener Film „Halt auf freier Strecke“ erzählt unsentimental vom Krebstod. Ein Gespräch über das Ankämpfen gegen Kinoklischees und die Bedeutung von Solidarität.

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(c) Polyfilm

Die Presse: Ihr Film „Halt auf freier Strecke“ beginnt mit einer irre starken Szene: Ein Ehepaar sitzt beim Arzt, der dem Gatten eröffnet, dass er an einem inoperablen Gehirntumor sterben wird.

Andreas Dresen: Ich habe den Film wieder nach meiner Improvisationsmethode gedreht, bei der der Stoff nach Langzeitrecherche mit den Schauspielern entwickelt wird und Laiendarsteller eigene Erfahrungen einbringen. Die Diagnose wollte ich erst nicht drehen, das kam mir aus anderen Filmen so bekannt vor. Aber beim Zusehen wurde mir klar: Ich hatte halt nur Filmklischees gekannt! Der Arzt ist echt: Uwe Träger, Chefneurochirurg vom Krankenhaus in Potsdam, macht diese Diagnosegespräche genau so, drei-, viermal die Woche. Schon beim Dreh war ich so erschüttert, dass ich wusste: Das muss doch in den Film. Das einstündige Gespräch war schwer zu kürzen, jetzt hab ich es auf acht Minuten heruntergetrimmt. So ein Block ist schwer in eine Filmerzählung zu integrieren, das ging nur, indem ich die Szene als Prolog einzigartig dastehen ließ. Dafür musste ich anderes Material wegschmeißen – aber so ist das Filmemachen.

Ein Impuls für Ihren Film ist sichtlich, das Thema Krebstod von den üblichen Klischees freizusprengen: Sie erzählen einfach den Alltag des Sterbens. Im frisch gekauften Reihenhäuschen kümmert sich die Kleinfamilie um den von Milan Peschel gespielten Vater, der zusehends verfällt.

Der Krebsfilm ist schon ein eigenes Genre, gerade im TV: Melodramen, in denen Leute noch eine letzte Reise ans Meer unternehmen oder so. Wir wollten dieses wichtige existenzielle Thema wieder adäquat behandeln. Im Kino wird ja häufig gestorben und in großer Zahl – aber es wird selten ernst genommen. Wir wollten zeigen, was das im Alltag für Menschen bedeutet – für den, der gehen muss, und jene, die damit konfrontiert sind.

Ist die Arbeit bei so einem Thema härter?

Ich hab's unterschätzt! Bei der Recherche gab es Momente, in denen ich's am liebsten hingeschmissen hätte. Ein Dreivierteljahr besuchte ich mit Koautorin Cooky Zieschke Einrichtungen, sprach mit Medizinern, Patienten und Angehörigen. Dann luden wir die Darsteller ein, zunächst nur zu einem Film über Sterben im Familienkreis. So wurde erst bei der gemeinsamen Weiterrecherche festgelegt, ob es den Vater oder die Mutter trifft. Der Rückweg in den Alltag wird einem da verbaut: Man kriegt Angst, wird höchst hypochondrisch und glaubt, alle Krankheiten zu haben, von denen man den ganzen Tag nur mehr hört. Aber zum Glück trägt sich das Team gegenseitig: Jeder hatte irgendwann die Nase voll. Letztlich habe ich nicht bereut, dass wir weitergemacht haben!

Sie verzichten auf metaphysischen Überbau: Das passt zum Konzept, Alltag zu erzählen, entspricht auch den Figuren und ihren Lebensumständen.

Ja, die Antithese zu Wim Wenders' „Palermo Shooting“! Im Milieu des Films gibt es eben keine Religion, die stützen könnte. Aber vor allem ist es die Schnelligkeit des Krankheitsverlaufs: Die Leute sind überfordert, es bleibt gar keine Zeit, darüber nachzudenken.

Trotzdem gibt es Humor – und Harald Schmidt!

Schon bei der Recherche gab es oft Humor. Selbst die dramatischsten Berichte enthielten absurd lustige Momente. Einiges kam in den Film, wie die Weihnachtsfeier, bei der der Tannenbaum die Treppe hochgeschleppt wird. Ich selbst mag Komödien, in denen es ernst zugeht, und in einem Drama soll man auch mal lachen dürfen. So ist das Leben! Wir stießen auch auf das Therapiekonzept der Visualisierung: sich ein Bild von seiner Krankheit zu machen, egal, ob als Landschaft oder eben in Gestalt eines Menschen. Wir dachten: Visualisierung – passt für uns Filmemachen! Erst sollte der Tumor so als Figur auftreten, aber irgendwann in angeheiterterer Runde kam die Idee, dass die Hauptfigur ihn als Gast der Harald-Schmidt-Show sieht. Da Schmidt sehr schwarzhumorig ist, taugte ihm das, einen Hirntumor zu interviewen. Hatte er noch nie! Und extremer Hypochonder ist er auch. Wir drehten einen ganzen Showblock, nur ein Bruchteil ist im Film. Auf DVD kommen die kompletten zwölf Minuten, da sind tolle Sachen dabei.

Tief bewegend ist am Ende, wie die Tochter nach dem Tod irgendwann sagt, sie muss jetzt zum Training. Ganz alltäglich: Das Leben muss weitergehen. Aber es erinnert auch daran, dass das Thema Ihres Film eigentlich gelebte Solidarität ist – und die wird im Kino heute unter noch viel mehr Klischees begraben als der Tod.

Ja, unter der Hand erzählt mein Film, wie eine Familie immer näher zusammenrückt, wie Leute einer Situation die Stirn bieten, die ihnen die Würde raubt, wie sie grenzwertige Momente miteinander überstehen. Man lernt ja immer über Defizite, ich habe keine Familie und begriff, was für ein hoher Wert das ist: In der Situation Menschen zu haben, die einen lieben und für einen da sind und mit denen man das in einer vertrauten Umgebung durchstehen kann. Auch der Satz der Tochter verdankt sich einer wahren Begebenheit: Den kann man sich nicht ausdenken, den schreibt das Leben. Und das ist ja sowieso ein viel fantasievollerer Autor.

Zur Person

Andreas Dresen (*1963 in Gera, Thüringen) ist einer der bekanntesten Filmemacher Deutschlands. 1999 gelang ihm der Durchbruch mit dem Berlin-Episodenfilm „Nachtgestalten“, es folgten preisgekrönte Werke wie „Halbe Treppe“ (2002) und „Wolke 9“ (2008), die in Improvisationstechnik entstanden. „Halt auf freier Strecke“ ist derzeit in Österreichs Kinos. [Polyfilm]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2012)

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