Marsmenschen: Wenig Mars und sehr viel Mensch

Mit "John Carter" kommt ein Klassiker der Marsianer-Literatur in die Kinos. Wie aus dem verhassten Roten Planeten eine zweite Erde wurde – und warum uns die dortigen Aliens so viel zu sagen haben.

Marsmenschen Wenig Mars sehr
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john carter – (c) AP (Frank Connor)

Als der Bürgerkriegsveteran John Carter durch mystische Teleportation auf dem Nachbarplaneten der Erde versetzt wird, ist das nicht Zufall, sondern Bestimmung. Rot ist die Farbe des Blutes, Mars der Gott des Krieges und der gleichnamige Planet der schroffe Bruder der lieben Venus. Das gefiel einem imperialistisch gestimmten Amerika, in dem gegen Ende des Ersten Weltkrieges die Romane „Die Prinzessin vom Mars“ und „Göttin des Mars“ erschienen.

Kommende Woche läuft deren Hollywood-Verfilmung „John Carter. Zwischen den Welten“ an. Autor der zwei Bücher, die einen ganzen Mars-Romanzyklus einleiteten, ist Edgar Rice Burroughs, heute vor allem als „Tarzan“-Schöpfer bekannt. Der Film gibt sich wie das Original als anspruchslose Space Opera mit Ungeheuern und einer schönen Marsianerin, wird aber wohl sein Publikum finden; denn der alte Werbespruch des Schokoriegelherstellers, „Mars macht mobil“, dürfte nach wie vor gültig sein.

Mit dem Imagewandel dieses Planeten in der abendländischen Geschichte hat der Marsriegel aber wenig zu tun. Der seit 150Jahren verlockendste aller Planeten war einst der unbeliebteste. Er hatte einen schlechten Ruf, galt als unheilbringend und abstoßend mondlos. Schon die Pythagoräer, die an eine Vielzahl bewohnter Welten glaubten, Cicero oder Plutarch reisten in der Fantasie lieber zum freundlichen Erdenmond. In der Barockzeit beschrieb ihn der Jesuitenpater Athanasius Kircher als Hölle voller Lavaströme und Schwefelseen. Sein Zeitgenosse, der Franzose Bernard Le Bovier de Fontenelle, schrieb in seinen „Gesprächen von mehr als einer Welt“ verächtlich, dass es „über den Mars nichts Besonderes zu sagen“ gebe (anders als etwa über die dauerverliebten kunstversessenen Venusianer). Auch Voltaire ließ bei der Reisebeschreibung eines Außerirdischen den Mars links liegen. Und für Kant beherbergten die am weitesten von der Sonne entferntesten Planeten die vollkommensten Aliens; demnach waren Marsianer wie Menschen nur Durchschnitt.


Lateiner und Vegetarier. Den großen Umschwung haben Wissenschaftler und stärkere Teleskope gebracht. Der große deutsch-britische Astronom Friedrich Wilhelm Herschel nahm an, dass manche Lebensbedingungen der Marsianer gleich wie auf der Erde seien. Und siehe da, als Carl Ignaz Geiger Ende des 18. Jahrhunderts ein paar Leute in einem Ballon zum erdnächsten Planeten reisen lässt, finden sie dort Menschen, die ein bisschen Latein verstehen und so praktische Dinge wie fahrbare Häuser und automatisch bewegte Tische haben. Die gleichzeitig auftauchenden menschengleichen, schwarz-gelb-gesichtigen Marsianer des schwedischen Gelehrten Emanuel Swedenborg sind nicht nur Vegetarier und Telepathen, sondern überhaupt die besten Wesen des Sonnensystems.

Mit den „Marskanälen“ beginnt schließlich die sagenhafte Karriere der Marsianer. 1877 sieht der Direktor der Mailänder Sternwarte Giovanni Virginio Schiaparelli auf der Planetenoberfläche feine Rillen, italienisch „canali“. Im Englischen werden daraus „channels“, „Kanäle“, was an künstliche Bauten denken lässt und die Entdeckung noch faszinierender macht. Am euphorischsten ist der astronomieversessene US-Geschäftsmann Percival Lowell. Er lässt in Arizona ein Observatorium bauen und macht aus der Erforschung der „Kanäle“ seine Lebensmission. Er sieht sich als Kolumbus einer neuen, eigentlich sehr alten, absterbenden Welt, die die Zukunft der Menschheit vorwegnimmt. Hoch entwickelte Lebewesen kämpfen unter immer schwierigeren Bedingungen (nachlassende Dichte der Atmosphäre, schwindendes Wasser) ums Überleben, müssen dazu immer intelligenter werden. Deshalb sind seine Marsianer den Menschen überlegen, auch moralisch: Sie führen z.B. keine Kriege.

Mit fast erdengleichen Landschaften statteten Astronomen dieser Zeit den Mars aus. Schiaparelli beschrieb „Bäche, in denen goldfarbene Kiesel glitzern, Flüsse, die sich in Kaskaden in die Täler ergießen“. Dem Franzosen Camille Flammarion zufolge könnte man einen Tag lang auf dem Mars herumwandern und sich auf der Erde glauben. Nur die Bewohner sind etwas höher entwickelt und können fliegen.

Die Marskanäle waren bald als optische Täuschung entlarvt, aber die Schriftsteller kümmerte das ebenso wenig wie die breite Öffentlichkeit. Die Invasion der Marsianer in die Literatur war überwältigend und dauerte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ungebrochen an.

Riesenköpfe auf verkümmerten Körpern, so sahen damals viele Autoren die Marsmenschen. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt hat die körperliche Arbeit überflüssig gemacht und dadurch die Muskeln verkümmern lassen, während das Gehirn sich immer weiter entwickelt. Bei Burroughs findet man auch die vielleicht ersten kleinen grünen Männchen der Alien-Literatur. Allerdings handelt es sich nur um Marsianer-Babys. Die erwachsenen Marsianer sind auch grün, aber riesig. Ansonsten sind die Marsianer, anders als später vor allem durch die Medien vermittelt, fast nie grün, eher grau, rot, gelb, blau, schwarz etc. Groß und grau mit vielen Fühlern sind sie bei H. G. Wells. Sein 1898 erschienener Roman „Krieg der Welten“ ist das einzige legendär gewordene Werk der Marsianer-Literatur; sicher wegen seiner literarischen Qualität, vielleicht aber auch weil es sich – untypisch für das Genre – sowohl imperialistisch-kolonialistischem Machotum à la Burroughs als auch naivem Fortschrittsoptimismus versagt. Sozialistisch, kommunistisch, pazifistisch, christlich – alle menschlichen Utopien der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurden auf dem Mars angesiedelt. Wells dagegen glaubte nicht an die ethische Vervollkommnung. Die Marsianer sind höher entwickelt als die Menschen, aber mindestens ebenso grausam.


Kolonisation, um zu überleben. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Marskanäle endgültig widerlegt und die Lebensbedingungen auf dem Roten Planeten gut bekannt (Temperaturen bis –130 Grad Celsius, eine vor schädlicher Strahlung kaum schützende Atmosphäre). Fast hatte es den Anschein, als seien die Marsianer am Aussterben. Menschen sind die neuen Marsianer, der Rote Planet letzte Chance auf einen Neuanfang. In Ray Bradburys „Mars-Chroniken“ über eine Kolonisation des Mars durch den Menschen betteln die Kinder ihren Vater an, ihnen endlich einen Marsianer zu zeigen. Der Vater deutet auf das Wasser des Kanals, wo sie ihr eigenes Spiegelbild sehen.

Aber wie jene Bergformation, die viele für ein halb vom Sand verschüttetes „Marsgesicht“ halten, bleibt der Traum von Bruder oder Schwester Marsmensch nur halb begraben. Literatur und Film haben auf die wissenschaftliche Ernüchterung zum Teil eher befreit reagiert und unbekümmert weiterfantasiert. Es scheint, als brauchten die Menschen diesen fernen und doch nächsten Planeten, um zu erkunden, wie ihre verpfuschte Welt anders sein könnte – oder hätte sein können.

Vielleicht schließlich sind sogar die bösesten Marsianer besser als ein Mars, wie ihn Franz Ludwig Neher im Roman „Menschen zwischen den Planeten“ (1955) beschreibt. Als eine Expedition den Planeten wieder Richtung Erde verlässt, haben die Gesichter der Teilnehmer den leeren, abgestorbenen Ausdruck jener Landschaft angenommen: „Mars stand kalt, klar und in ungeheurer Größe im Raume. Ihm wohnten keine Wünsche inne – er hatte nicht gerufen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2012)

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