Michelle Williams: Nacktbaden mit Marilyn Monroe

07.04.2012 | 17:50 |  von Christoph Huber (Die Presse)

Williams wurde für ihr Monroe-Porträt im bald anlaufenden Film "My Week with Marilyn" für den Oscar nominiert: Über den verkrachten Dreh mit Laurence Olivier 1956 für das Meisterwerk "The Prince and the Showgirl".

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Die „New York Times“ nannte es den „unterhaltsamsten Besetzungscoup seit vielen Jahren: Britanniens Sir Laurence Olivier mit Hollywoods Marilyn Monroe“. Und nicht bloß die Medien versprachen sich viel, sondern auch die beiden Stars des 1956 begonnenen Filmprojekts: Monroe wollte weg vom Image als „blonde bombshell“, mit dem sie das große Hollywoodstudio 20th Century Fox zum Star aufgebaut hatte. Die Kollaboration mit Laurence Olivier, dem gefeierten Inbegriff britischer Schauspielkunst, sollte die Abkehr von den Sexbomben-Rollen als kurvenreiches, dummes Blondchen bringen, auf die sie bei Fox abonniert war. Dafür hatte sie eben ihre eigene Firma gegründet: „Marilyn Monroe Productions“. Und sie bezirzte den populären britischen Dramatiker Terence Rattigan bei dessen US-Aufenthalt: Sein Stück „The Sleeping Prince“, 1953 in London erfolgreich auf die Bühne gebracht, schien ihr ideales Material.


Monroes „Unfall“ mit dem Kleid. Olivier wiederum hatte neben seiner Gattin Vivian Leigh die Hauptrolle bei der Uraufführung des Theaterstücks im West End gespielt, bevor die Komödie über das romantische Aufeinandertreffen einer attraktiven Revuetänzerin und eines europäischen Regenten zur Krönungszeremonie von George V. im Jahr 1911 erfolgreich auf den New Yorker Broadway weiterwanderte.

Olivier war Monroes Charme ebenfalls erlegen – und versprach sich zweierlei Belebung durch den Film, in dem er die Bühnenrolle als Großherzog von Karpathien wiederholte und gleich noch als Hauptproduzent sowie Regisseur einstieg: Denn im Kino hatte Olivier bisher nur große Shakespeare-Königsdramen inszeniert. Nun wollte er sich auch als Mann der leichten Muse profilieren. Obwohl der damals 49-Jährige als größter Schauspieler seiner Generation galt, sah er sich auf einem Dinosaurier-Abstellgleis. Die Ehe mit Leigh war obendrein angeknackst. Diese private wie berufliche Midlife-Crisis wollte Olivier durch die Frischzellenkur der Arbeit mit der aufstrebenden Glamour-Ikone Monroe überwinden. Dass es anders kommen würde, ließ schon die Pressekonferenz ahnen, bei der Monroe die Produktion annoncierte: Sie nannte Olivier „mein Idol“, aber die Journalisten waren vor allem davon beeindruckt, dass einer der Träger ihres Kleides riss – ein alter Publicity-Trick, den man ihr bei Fox beigebracht hatte. Wiewohl Monroe darauf beharrte, der „Unfall“ sei echt gewesen, zweifelte nicht nur Olivier an ihrer Beteuerung. Prompt wurde der Film In „The Prince and the Showgirl“ (auf Deutsch: „Der Prinz und die Tänzerin“) umbenannt, um die zugkräftige Präsenz seines weiblichen Stars zu betonen.


Bubenfantasie mit Sexgöttin. Dann erwartete Olivier die „schlimmste Dreherfahrung meines Lebens“. Deren Geschichte erzählt der Film „My Week With Marilyn“ (Kinostart: 20.4.), der Michelle Williams eine Oscar-Nominierung für ihr Monroe-Porträt eintrug. Auch Kenneth Branagh wurde für seine amüsant überkandidelte Olivier-Interpretation als bester Nebendarsteller nominiert. Die Hauptfigur des Films ist aber der dritte Regieassistent von „The Prince and the Showgirl“: Colin Clark (hauptsächlich lächelnd: Eddie Reymane), ein Sohn aus noblem Haus, den der Filmzirkus anzieht. Clarkes Erinnerungsbuch über die intime Begegnung mit Monroe ist Vorlage des Films und sorgt für die Aura einer Bubenfantasie: Er wird der Vertraute der privat wie beruflich so labilen Schauspielerin. Eben hatte sie US-Schriftsteller Arthur Miller geheiratet, der sie zum Dreh nach England begleitete: Unliebsame Zeilen in dessen Tagebuch sorgen für Erschütterung, Miller fährt heim, um arbeiten zu können („sie verschlingt mich“, klagt er über seine Frau). Und Monroe findet Trost bei ihrem jungen Bewunderer – inklusive eines Traumtags mit Windsor-Tour und abschließendem Nacktbaden mit der Sexgöttin in der Themse.

TV-Veteran Simon Curtis inszeniert sein Kinodebüt im Stil eines schicken, oberflächlich unterhaltsamen Fernsehfilms, was zur generellen Stoßrichtung passt. „My Week With Marilyn“ bestätigt im wesentlichen Monroe-Stereotype, wobei sich Williams tapfer in ikonische Posen wirft und sogar süß singt: zugleich unschuldiges Kind und verführerische Sirene, hysterische Neurotikerin und freigeistige Märtyrerin. Die Klischees über das Kino als Traumfabrik machen aus dem Film ein ideales Pendant zu „The Artist“ in der aktuellen Nostalgiewelle. Auch profitiert er von den außerordentlichen Kapriolen am Set von „The Prince and the Showgirl“. Oliviers Film sollte wiederum von der Publicity um die neue Produktion profitieren: Er wurde längst als verkanntes kleines Meisterwerk unter Oliviers Regiearbeiten wiederentdeckt.

Dem vor sanftem Witz und Harmonie funkelnden Kammerspiel sind die schwierigen Dreharbeiten nicht anzumerken: Zur Erheiterung trägt die Kollision grundverschiedener Schauspielstile bei. Olivier gibt den eitlen Monarchen in klassischer Theatermanier mit komisch-teutonischem Akzent und gepudertem Gesicht als pompöse Witzfigur und lächerlichen Trauerkloß. Diese Karikatur mit Herz wird vom Showgirl buchstäblich wachgeküsst (daher „The Sleeping Prince“): Der Part ist Monroes üblichen Blondinenrollen gar nicht so fern, doch die instinktive Darstellung ist eine ihrer besten und nuanciertesten.


Nervenkrieg am Set. Was sich auf der Leinwand blendend ergänzt, war bei der Produktion ein Nervenkrieg. Monroe war dem Method Acting verfallen, ihre Betreuerin Paula Strasberg war – außer den zwei Stars – die bestbezahlte Person am Set. Olivier hatte wenig Verständnis für Monroes Notwendigkeit, sich in die Rolle einzufühlen, weshalb sie oft Stunden, sogar Tage zu spät kam und bei der leisesten Verunsicherung wieder floh. (Ihr Problem, sich Text zu merken, war ohnehin legendär). Das bei einer leichten Komödie! Kurzerhand gab Olivier die Anweisung: „Just be sexy, isn't that what you do?“ Das traf Monroes höhere Ambitionen ins Herz und führte zu weiteren Komplikationen. Trotzdem gelang es Olivier, ein paar Tage früher als geplant fertig zu werden. Monroe entschuldigte sich vor der ganzen Crew. Der Film erschien 1957, nicht ganz wahrheitsgemäß als scharfe Liebeskomödie beworben: ein US-Flop, aber in Europa mit mildem Wohlwollen aufgenommen.

Von Miller, gerade vor Senator McCarthys Ausschuss gegen „unamerikanische Aktivitäten“ geladen, ließ sich Olivier nicht nur zu einem Scherz über „Un-Carpathian activities“ im Film inspirieren: Der Schriftsteller brachte ihn auch auf Dramatiker John Osborne, der schrieb für Olivier „The Entertainer“ – sein großes Comeback. Von der Filmregie zog sich Olivier nach der zermürbenden Erfahrung aber für 13 Jahre zurück, obwohl er später zugab, die Agonie hätte sich gelohnt: „Niemand hatte diesen Ausdruck unbewusster Weisheit, und Monroes Persönlichkeit war auf der Leinwand stark: Sie war ganz wunderbar, die beste von allen.“

Auch Monroe machte zunächst einmal zwei Jahre Pause – und kehrte dann mit dem Superhit „Manche mögen's heiß“ wieder. „The Prince and The Showgirl“ blieb die einzige Produktion ihrer Firma. Die kreativen Träume erfüllten sich nicht, aber immerhin lohnte sich die Unabhängigkeit finanziell: Für Fox-Filme wie „Blondinen bevorzugt“ hatte man sie mit 18,000 $ abgespeist, diesmal trug ihr eine prozentuelle Beteiligung ein Zehntel des Profits ein – 160,000 $.

Erinnerungen

„My Week with Marilyn“ startet am 20. April in den österreichischen Kinos. Als Vorlage des Films über die schwierigen Dreharbeiten zu Laurence Oliviers „The Prince and the Showgirl“ diente ein schmaler Erinnerungsband von Colin Clark, dem dritten Regieassistenten bei Oliviers Film.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2012)

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