Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfasste das Bildgeschichten-Fieber ganz Japan: Als der spätere „Gott des Manga“ Osamu Tezuka 1947 mit der Abenteuerserie „Die neue Schatzinsel“ Rekorde brach, begann der Comic-Siegeszug. In den Krisenjahren hatten Mangahefte den Vorteil, billig herstellbar und für ein größeres Publikum leistbar zu sein: Kinder aus armen Familien wie der junge Yoshihiro Tatsumi gingen eben in die populären Manga-Leihbüchereien, wo man drei Comicbände zum Preis von nur fünf Yen lesen konnte.
Diesen Sonntag feiert Yoshihiro Tatsumi seinen 77. Geburtstag: Heute gilt er als einer der einflussreichsten Autoren nicht nur der japanischen Comicgeschichte. Die eben bei Carlsen erschienene deutsche Übersetzung seiner Autobiografie „Gegen den Strom“ von 2008 macht schlagartig klar, warum: Der 800-Seiten-Wälzer über Tatsumis frühe Jahre ist zugleich ein einnehmender, epischer Entwicklungsroman, ein faszinierender Querschnitt von Japans Nachkriegshistorie sowie eine erhellende Insider-Tour durch die Geschichte des damaligen Mangabooms – und schlicht eine mitreißende Erzählung.
Manga für Kinder war Tatsumi zu wenig
Die Verschränkung der Ebenen ist so vielsagend wie virtuos leichtfüßig: So dient als Rahmen der Erzählung zum einen Kaiser Hirohitos Kapitulationserklärung, die am 18. August 1945 Japan erschütterte. Zum anderen ist es der (die Nation ebenfalls bewegende) Tod des Idols Osamu Tezuka 1989, der noch einmal Erinnerungen auslöst: Dessen Innovationen weckten im Teenager Tatsumi Mangabegeisterung – und den Drang zur weiteren Erneuerung, was mit der Einführung des Konzepts „Gekiga“ gelang.
Denn Manga, was man als „zwangloses Bild“ übersetzen kann, war als kindgerechte Unterhaltung positioniert. Vor Tezukas Modernisierung zum Manga mit durchgehender Handlung dominierten Gagformate in vier Bildern, den Comic-Strips in westlichen Zeitungen vergleichbar. Auf Postkarten zugeschickte Leserbeiträge wurden prämiert: So kam Tatsumi mit 14 Jahren zur ersten Publikation und etablierte sich bald als Talent. Erst noch vage träumte er von mehr Tiefe und artistischer Experimentier-Freudigkeit. 1957 legte Tatsumi mit der Prägung des Alternativbegriffs „Gekiga“ (für „dramatisches Bild“) offiziell den Grundstein für erwachsenere Bildgeschichten: japanische Vorläufer der alternativen Underground-Comics, mit denen US-Künstler wie Robert Crumb in der nächsten Dekade für Furore sorgten.
Die ideale Einführung bietet derzeit der Animationsfilm „Tatsumi“: Schlüsselszenen aus Tatsumis Autobiografie dienen als Rahmenhandlung, dazwischen gibt es fünf Episoden nach Tatsumi-Comics in dessen Zeichenstil. Der Film ist ästhetisch wie inhaltlich ein berückender Tribut: Die manchmal makabren, manchmal komischen, immer kritischen Episoden sind typisch für Tatsumis Verlierergeschichten von der Kehrseite der japanischen Gesellschaft. So wird für einen arbeitslosen Mangazeichner seine absurde Obsession für obszönes Toilettengraffiti zum Gefängnis. Eine andere Episode heißt einfach „Hell“: Ein Fotograf findet in den Hiroshima-Ruinen ein bewegendes Bild von Familienloyalität im Angesicht des Todes, das ganz Japan rührt. Doch schließlich entdeckt der Fotograf die ganze Wahrheit: Er hat das Abbild eines perfiden Mordes geknipst.
Tatsumis Autobiografie endet inmitten der Proteste gegen den US-japanischen Kooperationsvertrag 1960. Wie einst bei Elias Canetti ist das Massenerlebnis inspirierend – Tatsumi wird klar, was „Gekiga“ noch fehlt: Wut! Die im Film adaptierten Comics lassen sie deutlich spüren. Aber wiewohl Wegbereiter für erotische, sozialkritische und abseitige Elemente in Japans Comics, ist Tatsumi vor allem ein Poet der Menschlichkeit.
Zeitbild: „Sieben Samurai“ und Coca-Cola
Auch das illustriert seine große Autobiografie. „Gegen den Strom“ erzählt hinreißend von Gesellschaft und Popkultur: Etwa wie Kinonarr Tatsumi von Kurosawas „Sieben Samurai“ und anderen Filmen beeinflusst wird oder wie die Einführung von TV und Coca-Cola das Lebensgefühl verändern. Die Einblicke in die Ära der Manga-Massenproduktion sind so desperat wie hochkomisch: Oft blieb der Herausgeber einfach vor dem Zimmer des säumigen Autors sitzen und ließ ihn nicht heraus, bis der seinen Comic fertig hatte. Aber was vor allem anrührt, ist der Versuch, in jugendlicher Begeisterung über sich selbst hinauszuwachsen: die Geschichte eines jungen Mannes, der im Versuch, die Comics erwachsener zu machen, praktisch ohne es selbst zu merken, erwachsen wird.
Yoshishiro Tatsumi (*1935, Osaka) ist als Erfinder von „Gekiga“ als erwachsener Alternative zu den gängigen Manga-Bildgeschichten zu einem der einflussreichsten Comic-Autoren geworden. Seine gezeichnete 800-Seiten-Autobiografie „Gegen den Strom“ ist nun endlich auf Deutsch bei Carlsen erschienen. Der davon inspirierte Animationsfilm „Tatsumi“ von Eric Khoo läuft zur Zeit im Stadtkino Wien. [–]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)
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