Dass man sie „Mutter der Nouvelle Vague“ nennt, ist sie gewohnt. Mittlerweile heißt es öfter gar „Großmutter der Nouvelle Vague“. Tatsächlich hat die 84-jährige Agnès Varda, geboren in Brüssel und nach Frankreich gezogen, schon 1954 ihren Debütfilm vorgelegt: „La pointe-courte“ mit dem jungen Philippe Noiret in seiner ersten Hauptrolle.
Varda kam berühmteren Nouvelle-Vague-Kollegen wie Jean-Luc Godard, Claude Chabrol und Jacques Rivette also eine halbe Dekade zuvor, doch gehört sie zur selben Generation. (Man pflegte auch freundschaftliche Zusammenarbeit: Godard nahm 1965 für einen Stummfilm-Gastauftritt in Vardas Klassiker „Cleo zwischen 5 und 7“ ausnahmsweise seine Sonnenbrille ab.) Und eigentlich gehört Varda zur anderen Fraktion der französischen Kino-Aufbruchswelle der 1960er, zur am linken Seine-Ufer beheimateten „Rive Gauche“ mit Alain Resnais, Chris Marker und vor allem Jacques Demy, Vardas 1990 verstorbenem Ehemann.
Tribut an Jacques Demy
„Jacques merkte sich alles. Als er starb, wurde das Kino mein Gedächtnis“, erzählte Varda in einem Interview. Seither kreist ihr Spätwerk obsessiv um das Erinnern, schon 1991 prägte das Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart „Jacquot de Nantes“, ihre Filmbiografie über den sterbenden Demy, zugleich ihr Abschiedsgeschenk an den Musicalmeister. Seit 2000 folgten subjektive Essayfilme wie „Die Sammler und die Sammlerin“, „Cinévardaphoto“ oder Vardas jüngster Langfilm „Les plages d'Agnès“ („Die Strände der Agnès“), 2008 gedreht, erst nun im Kino. Darin bringt Varda ihre Methode am Morgen nach ihrem 80. Geburtstag auf den Punkt: „Ich erinnere mich, wenn ich filme.“
Titelgemäß ist der Film wieder ein verqueres Starvehikel für Varda selbst, unverwechselbar nicht nur wegen ihrem Markenzeichen, der Topffrisur: „Ich spiele die Rolle der kleinen alten Dame, geschwätzig und plump“, annonciert sie, schildert später einen ersten Schritt zur Selbststilisierung: Sie änderte ihren Vornamen von der erzfranzösischen Arlette zur kargeren Agnès.
An die ebenso im Titel angekündigten Strände lädt sie gleich zu Beginn: Zu Schuberts Unvollendeter (Kindheitserinnerungen!) lässt sie an Belgiens windiger Küste ein halbes Dutzend Spiegel aufstellen. Ausschnittsweise wird darin Vardas junge Crew reflektiert: Es geht weniger um Selbstbespiegelung als um Fragmentierung als Grundbaustein des Varda-Kinos. Später sagt die ständig assoziierende Varda, sie wollte immer Fliesenlegen filmen – Fragmente zusammensetzen wie in der Erinnerung.
Am Strand findet man die Spuren der Vergangenheit: Varda lässt sich dazu inspirieren, ihre Kindheit mit alten Fotos nachzustellen und gräbt Amateurfilme von frühen Familientreffen aus. Bald verschränkt sich die Rückschau mit Bildern aus dem eigenen Werk.
Gefundenes und Erfundenes
Beim Debüt „La pointe-court“ beeinflusste Faulkners Roman „The Wild Palms“ die 26-jährige Autodidaktin: zwei Geschichten, verbunden nur durch die Schauplätze – quasidokumentarische Vignetten aus dem titelgebenden Fischerdorf und die Fiktion eines Paares in der Krise. Ganz im Geiste ihrer ersten Profession als Fotografin ist Varda dieser Verbindung treu geblieben: Gefundenes und Erfundenes.
Der persönliche Rückblick in „Les plages d'Agnès“ ist zugleich Dokument von Vardas Entwicklung zur selbstbewussten Autobiografikerin. Ihre ostentative Bescheidenheit konterkariert ein teils prätentiöser Hang zum Barocken, vor allem in surrealen Einlagen: So lässt sie einen Strand am Montparnasse aufschütten. Den verspielten, schrulligen Charme von Vardas Spätwerk gilt es dabei manchmal einfach auch auszuhalten. Aber gelegentlich ist der harte Kern ihrer Sensibilität noch zu spüren, der einst die kompromisslose Außenseiterstudie „Vogelfrei“ mit Sandrine Bonnaire prägte, den Venedig-Sieger von 1985. Varda zeigt lieber ihren Venedig-Auftritt bei der Biennale, als Kartoffel verkleidet.
Lustige Auftritte haben u.a. auch der mysteriöse Chris Marker (als sein Maskottchen „verkleidet“) und Hollywood-Star Harrison Ford (anekdotisch), aber die prägende Präsenz bleibt Jacques Demy: Als würde Varda nicht nur filmen, um sich an ihren Mann zu erinnern, sondern um seine Erinnerungen zu wecken. Das gibt ihrem Film bei aller ausgestellten Heiterkeit eine nachhallende Melancholie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2012)
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