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„Holy Motors“: Ein großer Abgesang auf das analoge Kino

10.09.2012 | 16:53 |  von Markus Keuschnigg (Die Presse)

„Holy Motors“ preist die sichtbaren Maschinen, die uns durchs Leben treiben – noch, bis die digitalen Welten alles übernehmen. Es ist zugleich eine intelligente und unterhaltsame Versuchsanordnung zum Kino selbst.

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Irgendwann in „Holy Motors“ singt Kylie Minogue ein Lied von verlorenen und vergessenen Identitäten, bevor sie mit ihrem Liebhaber vom Dach eines verfallenden Luxushotels in den Tod springt. Ihre Rolle, die der öffentlich Leidenden, die sich wie die schönen Diven der Vergangenheit über die Balustrade beugt, ist in Auflösung begriffen.

Davon ist der französische Regisseur Leos Carax überzeugt, wenn man die Sehnsucht nach dem prädigitalen Zeitalter in seinem Film für bare Münze nimmt. Mit den „heiligen Motoren“ des Titels meint er die sicht- und spürbaren Maschinen, die uns an- und durchs Leben treiben: Sinnbildlich lässt er vulgäre Stretch-Limousinen über den Pariser Asphalt gleiten, fast so, als wären sie vom Aussterben bedroht, die Letzten einer untergehenden Ära der ausgestellten Nutzlosigkeit. In Zukunft, so der Grundtenor, werden sie alle verschwunden sein, aufgesogen von digitalen Welten, in denen man keinen Antriebsmechanismus mehr sieht, wo nichts mehr rattert und raucht, wo alles einer binären Logik unterliegt.

Denis Lavant schminkt sich

Man kann diesen Film auch als große Verabschiedung vom alten Kinomedium, dem Zelluloidfilm, werten: Ein paar Kader aus einem Stummfilm sind dem Geschehen vorangestellt und leuchten den Weg. Dann wacht Leos Carax in seiner Wohnung auf. Er findet ein Loch in der Wand, und als er durchblickt, starrt er in die Gesichter eines Kinopublikums. Eine passend fantastische, an E. T. A. Hoffmann angelehnte Ouvertüre für diesen Revuefilm, der durch viele populäre Erzählhaltungen und -traditionen des Kinos surft: Denis Lavant, französischer Gigant des gesamtsinnlichen Schauspiels, erhält in einer Limousine Aufträge, in Rollen zu schlüpfen. Vor dem Schminktisch im Auto, mit Masken und Perücken macht er sich bereit für das, was Schauspieler seit Jahrhunderten machen: das Leben zu imitieren. Einmal humpelt er als buckelige Bettlerin durch Paris, dann holt er als Arbeiterklassevater seine Tochter von einer Party ab, dann stirbt er als alter Mann angemessen melodramatisch.

„Holy Motors“ ist eine intelligente und dabei höchst unterhaltsame Versuchsanordnung zum Kino selbst. Immer wieder durchbricht Carax die Illusionen, die er auftischt; er lässt sich in die Karten schauen. Ein wenig fühlt es sich an, als würde das Kino über sich selbst reflektieren, als schraube sich dieser heilige Motor auseinander, während er sich dabei abfilmt. Auf der monochromen Motion-Capture-Bühne verwandeln sich zwei Darsteller in kopulierende Monstren. In die Kanalisation verschleppt der (von Carax bereits im Omnibus-Film „Tokyo!“ etablierte) Biest-Mensch Monsieur Merde die Schönheit Eva Green. Und ganz am Schluss, als die Limousinen wieder im Parkhaus stehen, unterhalten sie sich über ihren Alltag. Das Kino ist hier ein bodenloses Fass, ein endloses Parkett für Darstellungen des Fremden und seiner selbst, eine Jahrmarktsattraktion, ein Kunstwerk.

Nein, das sind keine rasend revolutionären Erkenntnisse; und irgendwie bleiben trotz all des Wahnsinns, der einem hier um die Ohren brettert, am Ende doch nur romantische Stehsätze von der Wunderkraft des Kinos übrig. Macht nichts – wenn nur einige Menschen mehr die ratternden Maschinen des Kinos und des Lebens bewundern. Kurz bevor die digitale Stille alles verschlingt und die Körper selbst zu Museen werden, preisen wir die heiligen Motoren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)

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