Als Kurzfilm über bildgebende Verfahren in der Medizin begann 2005 ein Projekt, aus dem der Kinoessay „Low Definition Control – Malfunctions #0“ wurde, erklärt Regisseur Michael Palm: „Je länger ich recherchierte, desto klarer wurde mir, dass man das schwer isoliert behandeln kann. Der Horizont erweiterte sich vor allem um den kontrollgesellschaftlichen Aspekt.“ Herausgekommen ist eine herausragende heimische Dokumentation: Großteils Aufnahmen von Überwachungskameras nachempfundenen Bildern in Schwarz-Weiß (und auf körnigem Super-8–Material), kombiniert mit einer Tonspur aus Dutzenden Expertengesprächen zur unheimlichen Bestandsaufnahme der Kontrollgesellschaft. Wohin entwickelt sich das Leben unter dem allgegenwärtigen Kamera-Überwachungsblick?
Da stellt sich die Frage, „wie Individuen definiert und subjektiviert werden. Was sind die Leitlinien der Flexibilität, der Selbstoptimierung? Oder der Selbstregierung, um Michel Foucault zu zitieren. Foucault war wichtig, wir alle haben ihn gelesen. Aber das war ein Kommentar zu den totalitären Systemen der Zeit, es passt nicht zum heutigen Phänomen. Eben kein Überwachungsstaat im Sinne der DDR oder eines faschistischen Volksstaats, sondern Demokratie. Das funktioniert anders. Das Szenario des Überwachungsstaats halte ich mittlerweile für eine ganz untaugliche Metapher“, bilanziert Palm.
„Es gibt keinen Dr. Mabuse“
„Es gibt keinen Dr. Mabuse, der hinter dem Vorhang versteckt die Welt steuert. Es geht nicht einfach von oben nach unten, es ist komplizierter, aufgeteilt zwischen mehreren gesellschaftlichen Akteuren. Und wir gehören dazu“, meint Palm. „In der Kontrollgesellschaft geht es darum, sich einzuüben in gesellschaftliches Normverhalten. Das reicht weiter zu Ernährungsratgebern und Gesundheitsmanagement: ,Geh zur Vorsorgeuntersuchung ab einem gewissen Alter!‘ Mach das, aber nicht das: alles Formen von Selbstoptimierung. Wie Evaluierungen.“
In sieben Kapiteln, von der „Gesellschaft der Schläfer“ bis zu den „lebenden Toten“, arrangiert Palm seinen Film, der von der Eskalation der Terrorangst seit 9/11 geprägt ist. Zur Reflexionsarbeit von Experten aus Neurologie, Bildwissenschaft oder Philosophie kommt der selbstreflexive Umgang mit dem Material: Mit der Kommentarspur legt sich der Kontrollkontext über vermeintlich unverdächtige Alltagsaufnahmen.
Warum steht der Mann vor der Frauentoilette? Wieso bleibt der Passant länger als ein Zugintervall in der U-Bahn-Station? Generalverdacht statt Unschuldsvermutung: Wieweit haben wir Sozialkontrolle und einhergehendes Normverhalten schon verinnerlicht? Etwa da zieht Palm Parallelen zur medizinischen Bildgebung: Ist der Punkt auf der Computertomografie der Schläfer im eigenen Körper? „In der Medizin ist es heikel, wenn es um eine Form von Behinderung geht, gerade im pränatalen Kontext. Wo immer abgewogen wird, was normal ist. Fragestellungen wie: Womit lässt sich's noch leben und wann ist etwas nicht mehr lebenswert?“
Die Entdeckung von Unregelmäßigkeiten ist ein Leitthema: vom Datenschützer zur Zellforscherin gibt es da verschiedenste Standpunkte, teils zum Streitgespräch montiert. Selbst ans Institut für Dogmatische Theologie ist Palm gepilgert, um sein Interesse an Formen von Wahrheit bei Bildern zu befriedigen: „Bei den drei Buchreligionen – Christentum, Judentum, Islam – herrscht ja Bildverbot. Es ist auch im Christentum aufrecht, aber man hat es theologisch gefinkelt umschifft: Christus darf als Ebenbild, also als Mensch, dargestellt werden. Quasi ein Avatar!“ Daran erinnert hat ihn eine Szene aus der österreichischen Justizskandal-Dokumentation „Operation Spring“: „Im Überwachungsbild, das als Beweismittel diente, kann man eigentlich nicht erkennen, was passiert. Als ich beim Anwalt nachfragte, erfuhr ich, dass das Bild vor Gericht nie gezeigt wurde! Es hieß nur: ,Das ist der Beweis!‘ Wir haben ein Bild, aber zeigen es euch nicht – da sind wir wieder bei der Theologie!“
Als Gegenpol zum akademischen Diskurs setzt Palm visuell auf starke Stimmungen: Das Breitwandformat wählte er, um das Publikum in die Bilder hineinzuziehen. Der Sog von Genre-Kino: „Low Definition Control“ ist als dokumentarischer Science-Fiction-Film ausgewiesen, aber fast ein Horrorfilm – die Kontrollgesellschaft baut ja auf Angst. Palm: „Was seit 9/11 implementiert wird, erinnert mich an Invasionsfilme der 1950er. In Don Siegels ,Invasion of the Body Snatchers‘ gibt es eine Schlüsselszene, als der Held auf den Stadtplatz schaut. Das sieht aus wie eine Überwachungskamera-Aufnahme, schräg von oben. Und er sagt: ,Look! Everything normal.‘ Alles wie jeden Tag. Aber eigentlich geht es darum, dass man auf dieses stinknormale Bild schaut und schon Indizien für Abweichungen sucht. Das trifft die antikommunistische Paranoia der Zeit, und dieser paranoide Blick ist jetzt institutionalisiert.“
Das überholte Biedermeier der „privacy“
Entscheidend sei laut Palm der Kontext, in dem die Bilder gemacht werden: „Man kann nicht einfach sagen: ,Wir werden alle überwacht.‘ Nein, wir überwachen uns auch gegenseitig! So entstehen neue Bruchlinien, um die ging es mir. Eine Lösung weiß ich auch nicht, aber wenn als Gegenkonzept zur Überwachung sofort Bürgerrechte und „privacy“ angeführt werden, ist das zwar grundsätzlich richtig, greift aber zu kurz. Ein Rest von Rückzugsraum im bürgerlichen Kammerl, das kann nicht mehr das Thema sein: Wir sind nicht mehr im Biedermeier.“
Michael Palm (*1965, Linz) ist Filmemacher, Cutter, Sound Designer, Filmkomponist und -theoretiker. Er schnitt u.a. Filme von Christian Frosch, Johannes Holzhausen und Karin Berger. „Low Definition Control“ ist sein zweiter Langfilm. Start: am 28. 9. im Wiener Stadtkino, tgl. 19.30h. Danach Diskussionen mit Experten: am 28.10. („Gesellschaft der Schläfer“) sowie am 2. und 11.Oktober. [Palm]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2012)
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