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TV-Familiensaga: Eine Kokosnuss namens DDR

01.10.2012 | 18:34 |  ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

„Der Turm“, Uwe Tellkamps Roman über eine bürgerliche Familie im Dresden der späten DDR, wurde verfilmt. Schlank, klischeefrei, mit tollen Schauspielern.

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Die krieg ich nicht geknackt“, sagt Tante Rohde und legt den Korkenzieher beiseite, der ihr nicht dabei behilflich war, die pelzig-haarige Kokosnuss zu öffnen. Ihr Schwager Meno Rohde lacht und vernebelt das Speisezimmer mit Pfeifenqualm: „Das ist eine Parabel. Mach 'ne Fahne drauf und nenn es DDR.“ Es ist ein schräges Bild mit ernstem Hintergrund – die Deutsche Demokratische Republik als kanonenkugelgroße Kokosnuss, an der sich eine Familie, eine Gesellschaft die Zähne ausbeißt.

Regisseur Christian Schwochow geht noch einen Schritt weiter als der Roman, den er in zwei Teilen für die ARD verfilmt hat: Als der junge Neffe Ezzo der tropischen Nuss mit einer kleinen Säge zu Leibe rücken will, rufen die Verwandten empört: „Nein! Pass doch auf! Deine Finger.“ Auch diese Reaktion ist ein Sinnbild für die Haltung der Familie im „Turm“: Ihr fehlt der Mut, mit echter Überzeugung, geschweige denn Gewalt gegen das Regime aufzutreten. Daher kommt auch der Titel, er bezieht sich auf den erhöhten Dresdner Villenbezirk, in dem die Protagonisten wie im Elfenbeinturm leben und vor der DDR-Realität „türmen“.

Im Roman von Uwe Tellkamp wohnt Familienvater und Chirurg Richard Hoffmann der Kokosnuss-Schlachtung noch bei – im Film weilt er schon in der Nervenklinik. Einweisen musste man ihn dorthin, weil ihn die Erkenntnis aus der Bahn warf, er werde nie Klinikleiter werden, da er nicht mit der Stasi kooperiert. Es sind kleine Unschärfen wie diese, die den Unterschied zwischen Film und Buch markieren, einmal sind sie sichtbarer, einmal weniger, insgesamt stören sie kaum. Dass für den Kater Chakamankabudibaba und Robert Hoffmann, den stilleren Bruder von Christian, kein Platz im Film war, ist auch nicht tragisch. Regisseur Schwochow wollte nicht zwanghaft möglichst viele Details aus dem fast 1000-seitigen Roman einbauen, konzentrierte sich dafür auf die Entwicklung von fünf Figuren in dieser Geschichte über eine bürgerliche Familie im Dresden der zerfallenden DDR.

Da ist zum einen Familienvater Richard Hoffmann (maliziös bis komödiantisch gespielt von Jan Josef Liefers), der ehrgeizige Arzt und Egozentriker, der eine Affäre und sogar eine Tochter mit der Kliniksekretärin Josta Fischer hat. Da ist seine Frau Anne (gespielt von Claudia Michelsen), die langsam erkennt, wie kaputt ihre Ehe und ihr Land ist. Da ist Christian, ihr gemeinsamer belesener, introvertierter Sohn, der wie der Vater Medizin studieren will und sogar an Silvester lieber lernt, statt mit den Klassenkollegen zu feiern, irgendwann aber beginnt, sich gegen Eltern und Regime aufzulehnen. Besonders brillant spielt Götz Schubert den Bruder von Anne, Meno Rohde. Als Lektor eines renommierten Ostverlages muss er sich an gewisse Vorgaben halten. Dann verliebt er sich in eine DDR-kritische Autorin und wird zwischen der persönlichen Haltung und der Parteimeinung hin- und hergerissen.

 

Dresdner Schauspieler spielen Dresdner

Dass der Zweiteiler angenehm unkitschig und durchwegs gelungen ist, ja sogar den Autor Tellkamp, wie er mehrfach in Interviews betonte, „zu Tränen gerührt hat“, ist vor allem den Schauspielern zu verdanken. Es hat sich bewährt, dass der Großteil von ihnen ebenfalls in Dresden, jedenfalls aber in der DDR aufgewachsen ist: Liefers, Michelsen und Peter Sodann (als SED-Parteifunktionär) haben vieles von dem, was sie da spielen, selbst erlebt.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ lobt den Zweiteiler nicht nur, sie bekennt sogar frech: Der Film sei so gut, dass man Tellkamps dickes und vor allem zu Beginn sprachlich nicht besonders einladendes Werk nicht mehr lesen müsse. Oft wurde das Buch mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ verglichen, nicht nur weil der jüngere Sohn der Hoffmanns Christian, also so wie der jüngere Buddenbrook heißt. Tatsächlich geht es weniger um den Verfall einer Familie, als um die Auflösung eines Regimes. Die Familie lebt in einem geeinten Deutschland weiter. Wie, will uns Uwe Tellkamp demnächst verraten. Er arbeitet am zweiten Teil seines „Turms“.

Auf einen Blick

Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ wurde 2008 von der Kritik hochgelobt und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Viel von Tellkamps eigener Geschichte floss in den 1000 Seiten dicken Roman über das Bürgertum im Dresden der Vorwendejahre ein.

Die ARD zeigt den Film „Der Turm“ als Spielfilm in zwei Teilen zum Tag der Deutschen Einheit morgen, 3. und Do, 4. Oktober, jeweils 20.15h; im Anschluss an Teil eins folgt eine Doku.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2012)

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1 Kommentare
Gast: innteressant
02.10.2012 22:03
0 0

Nicht schlecht

Klingt interessant.