Eine Frau fährt mit ihrer Cousine und deren Mann in ein Jagdhaus, das Ehepaar geht noch kurz ins Dorf, die Frau bleibt mit dem Hund zurück. Am nächsten Tag ist sie durch eine Wand von der Welt abgeschnitten. Nun muss sie sich allein durchschlagen. „Ein Meisterwerk abendländischer Literatur“, schrieb Hans Weigel über Marlen Haushofers Roman, der seit seinem Erscheinen 1963 vielfach gedeutet wurde: Was wird hier über die schlichte Tatsache einer weiblichen Robinsonade hinaus beschrieben? Der Weltuntergang? Weltflucht? Eine Depression? Missbrauch? Auch als Parteinahme für den Feminismus wurde das Buch gesehen, weil alle männlichen Wesen darin sterben, der Stier, der Hund und der Mann. Was verbirgt sich tatsächlich hinter diesem eindringlichen Selbstgespräch einer isolierten Waldfrau, die sich durch Abfassung eines möglichst wertfreien Protokolls, aus dem ihre Verzweiflung nur indirekt hervorleuchtet, vom Selbstmord abhält?
Eben dieses Geheimnis macht wohl den Zauber dieses Romans aus – ihm ist auch mit einem noch so liebevoll gemachten Film nicht beizukommen. Trotzdem ist Julian Roman Pölslers „Die Wand“ schön geworden, vor allem dank der großartigen Protagonistin, gespielt von Martina Gedeck, die mit beredten Gesten und sparsamem Spiel die Stimmungen dieser „Die Frau“ genannten Namenlosen eindrucksvoll konturiert. Wer Gedeck schon öfter im Film und auf der Bühne gesehen hat, staunt über ihre Wandlungsfähigkeit: von der attraktiven jungen Dame, die gut gelaunt einem Wochenende mit Verwandten in der Natur entgegensieht, entwickelt sie sich zur kurz geschorenen, herben Einsiedlerin, die den gewalttätigen Eindringling (Wolfgang Maria Bauer), dessen Gesicht man kaum wahrnimmt, ohne Zögern niederknallt. Eine weitere Hauptrolle in diesem Film spielt natürlich die Natur, die Haushofer sehr gut kannte, ihr Vater war Förster, und sie ließ sich von ihrem Bruder, einem Forstwirt, beim Schreiben beraten.
Aber auch Pölsler kennt sich aus, er wuchs im steirischen Paltental auf, den Hund Luchs, der zum wichtigsten Gefährten der „Frau“ wird, hat Pölsler selbst trainiert. Er musste 20 Jahre warten, bevor die Rechte für die Verfilmung frei waren, erzählt der Regisseur in einem Interview. Um eine authentische Atmosphäre zu haben, drehte er in mehreren Etappen, um die echten Jahreszeiten einzufangen. „Die Frau“ stapft also durch Schnee, Sonne, Sturm, einen Hochwald wie von Stifter, der aber ebenfalls nur realistisch ist und nichts sonst.
Man denkt bei diesem Film, der trotz seiner 108 Minuten, in denen wenig passiert, kaum langatmig wirkt, an die unzähligen voluminösen Bücher, die in den letzten Jahren am Theater gespielt wurden, mit unterschiedlichem Erfolg. Offenbar werden auch Literaturverfilmungen nur schwer den Originalen gerecht, siehe Isabel Kleefelds trotz guter Besetzung verunglückte Verfilmung von Daniel Kehlmanns „Ruhm“.
Sorgfalt ersetzt Einfallsreichtum nicht
Pölsler ist da durch seine schlichte, ungekünstelte Bildsprache näher an der Autorin dran. Er versuchte auch keine aufdringlichen Deutungen. Dass er mehr hätte wagen können, sieht man in einer Szene: Ein schneeweiß und rötlich schimmerndes Hirschherz hängt steif gefroren im offenen Fenster des Jagdhauses, dahinter tiefe „kosmische“ Schwärze.
Es ist das einzige Bild in diesem Film, das mit der Literatur konkurrieren kann. So wurde hier letztlich bei aller intendierten Ernsthaftigkeit und Sorgfalt, die bis in die prominent besetzten Nebenrollen reicht (Karlheinz Hackl als Kesselfabrikant, Hans-Michael Rehberg als versteinerter Mann, Julia Gschnitzer als versteinerte Frau), die Chance auf eine originelle Annäherung an einen bedeutenden Roman vergeben.
„Die Wand“, 1963 erschienen, ist der dritte Roman von Marlen Haushofer (1920–1970) und ihr erfolgreichstes Buch. Julian Roman Pölsler, 1954 in der Steiermark geboren, studierte an der Wiener Filmakademie und am Reinhardt-Seminar. Er war Regieassistent von Axel Corti. Seit 1982 dreht er TV-Filme, etwa 1995 „Die Fernsehsaga“ – über die Wirkung des Fernsehens auf Menschen in einem Dorf –, und mehrere Folgen der Komarek-Krimiserie „Polt“ mit Erwin Steinhauer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2012)
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