ORF-Serie: „Heldendämmerung“ in Kroatien

Die Dokureihe „Balkan Express“ macht Station in Kroatien und Moldawien. Gestern, Mittwoch, wurde das Projekt im ORF-Radiocafé vorgestellt.

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(c) ORF (Ali Schafler)

Carla Del Ponte bringt es auf den Punkt: „Sie dachten, wenn sie einen gerechten Krieg führen, sind Kriegsverbrechen nur ein Kollateralschaden.“ Doch die damalige Anklägerin des Kriegsverbrechertribunals für Ex-Jugoslawien in Den Haag machte Kroatiens Politikern schmerzhaft klar, dass solche Verbrechen nicht einfach lässliche Vergehen in ihrem „Abwehrkampf“ gegen Belgrad und die Milizen der kroatischen Serben waren. „Kroatien wollte EU-Mitglied werden. Bei jedem bevorstehenden Schritt in diese Richtung gingen wir nach Brüssel und sagten Stopp“, erinnert sich Del Ponte. Die Anklägerin beharrte darauf, dass Zagreb zuvor gesuchte Kriegsverbrecher ausliefert, allen voran General Ante Gotovina.

Das Gespräch mit Del Ponte ist nur eines von vielen Zeitzeugen-Interviews, die in den nächsten Teil der TV-Dokumentationsreihe „Balkan Express“ verpackt worden sind. „Kroatien – Heldendämmerung“ heißt die neue Folge, die am 21.Oktober, um 23.05 Uhr in ORF2 erstmals ausgestrahlt werden soll. Eine Woche später zeigt der ORF die Episode „Moldawien – Zwischen den Welten“. Gestern, Mittwoch, wurde das Projekt im ORF-Radiocafé vorgestellt. Die Folgen zu Kroatien und Moldawien sind die Fortsetzung der zehnteiligen Dokureihe „Balkan Express“, die 2008 ausgestrahlt worden war und damals mit Ausnahme Sloweniens durch alle Länder Ex-Jugoslawiens, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und die Türkei geführt hatte.

 

Trauma der Neunzigerjahre

Auch die beiden Fortsetzungen entstanden in Kooperation des ORF mit der Erste Stiftung und der Europäischen Stabilitätsinitiative ESI. ESI-Präsident Gerald Knaus erklärte am Mittwoch, warum für die neuen Folgen gerade Kroatien und Moldawien ausgesucht worden waren: Beide seien Länder an der EU-Außengrenze und hätten in den Neunzigerjahren Traumatisches erlebt: Kroatien Krieg und Besatzung und Moldawien den größten wirtschaftlichen Zusammenbruch, den je ein Land in Friedenszeiten durchgemacht habe, sagte Knaus.

Die Episode „Heldendämmerung“ zeichnet nach, wie sich Kroatiens Trauma der Neunzigerjahre bis heute fortgesetzt hat: wie das von Krieg und Zerstörung verursachte Opfer-Trauma durch die schmerzhafte Konfrontation mit den eigenen dunklen Seiten in diesem Konflikt abgelöst wurde. Neben verbitterten Veteranen-Vertretern kommen Aktivisten der Zivilgesellschaft zu Wort, die sich um Versöhnung zwischen den einstigen Kriegsgegnern bemühen. Der ehemalige kroatische Präsident Stipe Mesić erzählt, wie er als Verräter gebrandmarkt wurde, weil er offen vom Fehlverhalten einiger kroatischer Offiziere im Krieg gesprochen hatte. Und der einstige Premier Ivo Sanader schildert, wie er den Balkanstaat schließlich in Richtung EU geführt hat. Die Verhaftung des Exgenerals Gotovina hatte den Weg in die Union geöffnet. Carla Del Ponte hatte sich mit ihrer Hartnäckigkeit durchgesetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2012)

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