Jahrelang musste sich das serbische Kino im Ausland auf die politisch und inszenatorisch fragwürdigen Arbeiten Emir Kusturicas reduzieren lassen. Diese naturalisieren das Klischeebild des erdigen, manifest besoffenen und latent aggressiven Balkan-Menschen: Das ehemalige Jugoslawien präsentiert sich in diesen Filmen als romantisches Zerrbild extremer Gefühlsaufwallungen, als entschieden vormoderne Lebenswelt, nur ein paar Stunden Zugfahrt von der aufgeklärten Welt entfernt.
Ein Jahr nachdem Kusturicas umstrittener Kriegsfilm „Underground“ die Goldene Palme in Cannes erhielt, schob sich 1996 ein neuer und weitaus intelligenterer serbischer Regie-Autor ins Rampenlicht: In „Pretty Village, Pretty Flame“ erzählte Srdan Dragojević von einer Gruppe serbischer Soldaten, die in einem Tunnelsystem von Bosniaken eingekesselt werden. Mit großer politischer und emotionaler Intelligenz und beseelt von grimmigem Humor glückte dem Regisseur eine hellsichtige und fundamental radikale Innenansicht aus dem Kriegsgebiet, die ihre grotesken Elemente nicht wie Kusturica als Fluchtmittel einsetzte, sondern sie zu humanistischen Hoffnungsträgern machte.
In gewisser Weise ist Dragojevićs aktuelle Arbeit ein spiritueller Nachfolger zu seinem ersten internationalen Erfolg: Entsetzt über die gewaltsamen Angriffen von neonazistischen und nationalistischen Gruppierungen auf die Teilnehmer der ersten Belgrader Pride-Parade 2001, hat Dragojević ein Jahrzehnt lang versucht, einen Film über die Intoleranz der serbischen Gesellschaft gegenüber Homosexuellen zu realisieren. In seinen ersten Drehbuchfassungen noch als ernsthaftes Drama angelegt, ist „Parada“ jetzt eine brachiale, anarchische Komödie mit dramatischen Einsprengseln geworden.
Kriegshelden als Bodyguards
Radmilo und Mirko sind ein Paar und könnten eigentlich glücklich sein, wären sie in Serbien nicht täglich Diskriminierungen und tätlichen Angriffen ausgesetzt. Um die Situation zu ändern, versucht der politisch aktive Mirko genau zehn Jahre nach den Ausschreitungen während des ersten homosexuellen Bürgerrechtsmarschs wieder eine Pride-Parade in Belgrad zu organisieren. Um die Teilnehmer zu schützen, verpflichtet er den glatzköpfigen, homophoben Macho Limun: einen serbischen Kriegsveteranen, dessen Bodyguard-Unternehmen vor allem für Serbiens Nouveau Riche und Turbofolk-Sänger arbeitet. Gemeinsam geht das ungewöhnliche Dreigespann auf einen Roadtrip durch das ehemalige Kriegsgebiet: Limun trommelt seine alten Kumpel, einen kroatischen Kriegshelden, einen bosnischen Muslim und einen Kosovo-Albaner zusammen, um ihn bei diesem Auftrag zu unterstützen.
Die Witze fliegen tief in „Parada“: Aber gerade da Dragojević die Form einer folkloristischen Komödie wählt, spielt er sich frei von Konventionen. Lustvoll und intelligent jongliert er mit Klischees und schmuggelt darüber subversive Ideen in seine breite, poppige Erzählung ein. Der Erfolg gibt ihm recht: 2011 wurde „Parada“ in Serbien allein von über 350.000 Menschen gesehen, aber auch in Kroatien und Bosnien-Herzegowina entwickelte sich der Film zu einem Phänomen. In Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium befassten sich tausende Jugendliche mit dem sensiblen Thema: Das funktioniert auch, weil sich „Parada“ trotz aller Schmäh-Gaudi nicht vor harten Wahrheiten scheut und durchaus einen psychohygienischen Auftrag hat. Denn wer heute lernt, über Nationalisten und Neonazis zu lachen, hat morgen weniger Angst vor ihnen. Und dann marschieren hoffentlich einige Tausend mehr bei den kommenden Paraden mit, marschieren für die Moderne, die nichts mehr mit dem reaktionären Blut-und-Boden-Märchenland von Emir Kusturica zu tun haben will.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2012)
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