„Dredd 3-D“: Richter und Henker in einer Person

14.11.2012 | 18:16 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Ab morgen ist „Dredd 3-D“ im Kino. Ein kompakter, düsterer Actionfilm als Gegengift zum Größenwahn heutiger Comic-Blockbuster. Analyse einer Entwicklung.

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Das Englische kennt für Selbstjustiz den schönen Euphemismus „Judge, jury and executioner“, also: Richter, Geschworener und Henker in einer Person. Das trifft auch auf die Zukunftspolizei im Comic-Universum der 1977 gestarteten englischen Erfolgsreihe „Judge Dredd“ zu: Die Erde ist durch Kriege und Umweltverschmutzung fast unbewohnbar geworden, die Menschheit ist in „Mega-Cities“ zusammengepfercht, wo hunderte Millionen auf engstem Raum leben.

Im täglichen Chaos klärt eine Eliteeinheit sogenannter Richter die Verbrechen, samt sofortigem Urteil und Bestrafung – üblicherweise die Exekution. Besonders gefürchtet ist Judge Dredd, ein Klon, der nie seinen Helm abnimmt und gern den Spruch „I am the law“ auf den Lippen hat: Er ist die Personifizierung einer gesichtslosen Justiz.

 

„RoboCop“ trifft „Dirty Harry“

Das Judge-System wird in den Comics selbstironisch kommentiert: Als Zerrbild einer rücksichtslosen „Law and order“-Mentalität nahmen sie Paul Verhoevens meisterhafte Satire „RoboCop“ (1987) vorweg. Dazu passt, dass Dredds Erscheinungsbild von Clint Eastwoods „Dirty Harry“ inspiriert war – gekreuzt mit den Helmträgern auf dem Plakat zu Paul Bartels bitterböser Science-Fiction-Actionkomödie „Death Race 2000“.

Einen ersten Versuch, den britischen Pulp-Hit auf die Leinwand zu bringen, gab es 1995, als Vehikel für Sylvester Stallone: „Judge Dredd“ wurde allerdings ein Flop – und scheiterte auch daran, dass man der Düsternis des Stoffes nicht wirklich vertraute. Überzogene Komik und zeittypische Actionhelden-Sager sollten gemäß verquerer Hollywood-Logik die Geschichte um einen herzlosen, neofaschistischen Killerpolizisten publikumsfreundlicher machen.

Umso überraschender überzeugt jetzt der neue Kino-Anlauf „Dredd 3-D“, der sich durch visuelle wie erzählerische Kompaktheit vom überdimensionalen wie meistens dennoch unterfordernden Größenwahn heutiger Comic-Blockbuster abhebt: Die Schwemme von Großproduktionen nach Bildergeschichten ist der Endpunkt einer Entwicklung des Actionkinos, die in der großen Zeit von Stars wie Stallone und Arnold Schwarzenegger begann: Egal, ob Adaptionen oder nicht – die Bewegung verlief hin zu immer aufgeblaseneren Cartoon-Exzessen.

 

9/11 als Schlüsselereignis

Den originalen Reiz von Comics – die mit ihrer meist seriellen Erscheinungsform in schmalen Heften eher von Verdichtung leben – trafen indessen eher Filme wie Sam Raimis „Darkman“ (1990) oder Walter Hills Krimi „Johnny Handsome“ (1989), die sich visuell von der Panel-Ästhetik inspirieren ließen. Solche ökonomische Erzählkunst wurde allerdings zusehends unmodisch – und mit 9/11 gingen Hollywoods Actionfilmen ohnehin alle Proportionen verloren: Schließlich war der Terroranschlag wie ein Hollywood-Katastrophenfilm konzipiert – als Medienereignis, das die Traumfabrik seither zur Traumaarbeit drängt.

Die Seriosität, mit der Batman und andere Filmhelden schwer an der Last des 11.September tragen, hat dem Comic-Kino aber viel vom unseriösen Charme genommen: dessen Stärke, Gewichtiges hinter trivialen Oberflächen durchscheinen zu lassen. „Dredd 3-D“ kommt als Gegengift zu händeringenden (Selbst-)Erklärungsmonologen in Blockbustern daher. Karl Urbans Darstellung der Titelfigur hat das Understatement von Clint Eastwood, übertrifft es irgendwie sogar: Er spielt nur mit Barstoppeln und einer kaum je verzogenen Mundpartie. Der Rest ist Helm.

 

Minimalistisch und elegant

Ähnlich minimalistisch bleibt die Story, übrigens praktisch dieselbe wie unlängst im Martial-Arts-Film „The Raid“, der auch eine soziale Metapher als reines Actionkino bot: In einem abgeriegelten Hochhaus kämpft sich Dredd mit einer neuen Kollegin (Olivia Thirlby) in einem abgeriegelten Wohnblock nach oben, zur Drogenbaronin Ma-Ma (mit Punk-Anarchie: Lena Headey). Die Droge der Zukunft heißt „Slo-Mo“ – und einige entsprechende subjektive Zeitlupen-Trips beeindrucken optisch ebenso wie die eleganten, souverän an Comic-Kompositionen orientierten Szenenfolgen von Regisseur Pete Travis („Vantage Point“).

Auch in der Verwendung von 3-D zeigt „Dredd“: Weniger ist mehr. Und darin, dass er dem Zuseher keine langen Predigten darüber hält, was es heißt, im Polizeistaat zu leben: What you see is what you get, wie man im Englischen eben so schön sagt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2012)

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