„End of Watch“: Leben und Sterben in South Central

18.12.2012 | 16:24 |  Von Christoph Huber (Die Presse)

Zwei Cops gegen das Kartell: Die zwei exzellenten Schauspielern Jake Gyllenhaal und Michael Peña überzeugen in David Ayers L.A.-Krimi „End of Watch“. Altmodisch packend trotz unnötig neumodischen Stils. Im Kino.

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Die originellste Idee dieses Films ist leider auch seine schlechteste: Ihm sei vorgeschwebt, dass „End of Watch“ wie ein YouTube-Video aussehen solle, hat Regisseur David Ayer zu Protokoll gegeben. Das Resultat ist ein Handkamera-Exzess mit subjektiven Einstellungen bei Actionszenen, die manchmal an den Verlauf von Ego-Shooter-Videospielen erinnern: Aber das bleibt nur oberflächliches modisches Beiwerk in einem Polizeifilm, der ansonsten ganz konventionell, aber auch recht packend konstruiert ist.

Die Qualitäten verdanken sich Ayers Gespür für die in Cop-Krimis unabdingbaren Macho-Konfrontationen und zwei exzellenten Schauspielern: Jake Gyllenhaal gibt mit kahlrasiertem Schädel eine starke Darstellung als Ex-Marine Brian, der nun im Polizeidienst Aufstiegsambitionen zeigt. Michael Peña überzeugt als sein Latino-Partner Mike, der bei den Ermittlungen in Los Angeles mit in das höllische Labyrinth des Verbrechens gezogen wird.

Gangsternamen wie „Big Evil“

Wirklich labyrinthisch ist daran aber nichts: Außer den obligatorischen romantischen Privatleben-Zwischenspielen (Anna Kendrick gefällt als Brians Wissenschaftler-Freundin) begleitet man einen anständigen Polizisten auf dem Kreuzweg der Gewalt. Auf der einen Seite ein Drogenkartell monströser Gangster mit bezeichnenden Spitznamen wie „Big Evil“ – und auf der anderen Vorgesetzte, die sich beschweren, wenn die Cops nicht kurzerhand auf Verdächtige schießen. South Central mag 2003 in South Los Angeles umbenannt worden sein, um dem Ruf als gefährliche Gegend entgegenzuwirken – aber es ist noch immer ein hartes Pflaster für Polizisten.

Das hat sich also nicht geändert seit dem größten Erfolg von Regisseur Ayer als Drehbuchautor: Im Hit „Training Day“ 2001 zog Denzel Washington als korrupter Veteran seinen jungen, ehrgeizigen Partner (Ethan Hawke) in den Abgrund. Bei „End of Watch“ sind beide Polizisten aufrechte Kerle, dafür die Schurken umso niederträchtiger. Ein Schusswechsel bei einer Verkehrskontrolle führt Brian und Mike zu einer Gang, die ihre Opfer zerstückelt in verlassenen Gebäuden verrotten lässt. Andernorts entdeckt das Ermittlerduo Gefangene von Menschenhändlern, was zum Zusammenstoß mit Kollegen von der Inneren Sicherheit führt. Die warnen vor Vergeltungsmaßnahmen. Doch für die Helden gilt: A man's gotta do what a man's gotta do. Genauer genommen in diesem Fall, ganz Hip-Hop-gerecht: do the right thing – kein Wunder, dass ein Schwarzer auf der Straße die beiden wohlwollend mit den „Original Gangstas“ vergleicht.

Glaubhafte Milieuzeichnung

Wie im Gangsta-Rap eskaliert die Gewaltspirale: Regisseur Ayer steuert dabei mythische Dimensionen an, obwohl seine Stärke in einer glaubhaften Milieuzeichnung liegt. Inspiriert von den Jahren, die er selbst in South Central gelebt hat, hat er sich dem Polizeifilm zugewandt, zuletzt drehte er mit Keanu Reeves 2008 „Street Kings“ nach James Ellroy: Leben und Sterben in L. A. Bei „End of Watch“ hat er einen „realistischen“ Kunstgriff hinzugefügt: Der pseudodokumentarische Stil ist der eines fiktiven Videos, das Brian im Zuge der Ausbildung über seine Arbeit dreht, erweitert um Überwachungskamerabilder und vom Gangsterkartell mitgefilmte Untaten. Alles wird zeitgemäß aufgezeichnet: Die „Reality“-Textur soll den Zuseher ins Geschehen ziehen, lenkt aber öfters eher ab – weil die Filmbilder allzu oft nicht dem entsprechen, was Brian oder andere tatsächlich aufgenommen haben könnten.

Aber emotional überzeugt der Film dennoch, zusammengehalten vom dringlichen Spiel der Hauptdarsteller und einem kinetischen Vorwärtstrieb, den das neumodische Inszenierungsprinzip auch nicht untergraben kann. Dass „End of Watch“ bis zu den durch und durch dämonischen Latino-Schurken eigentlich ganz altmodisch daherkommt, ist ironischerweise seine größte Stärke: Bei allen Klischees bleibt ein befriedigendes Beispiel für solides Genrekino mit einer gewissen Wirklichkeitsanbindung. Inmitten von Hollywoods heutigen Fantastereien sollte man das zu schätzen wissen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2012)

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1 Kommentare

Wie im Gangsta-Rap eskaliert die Gewaltspirale:

hehe, so einen Blödsinn hat man ja selten gelesen.

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