„Red Dawn“: Als die Chinesen zu Nordkoreanern wurden

27.12.2012 | 16:59 |  Von Christoph Huber (Die Presse)

Das Remake des Reagan-Ära-Klassikers „Red Dawn“ ist unsinnig – es hat aber eine zum Thema passende Hintergrundpointe: Die Macht, die die USA im Film bedroht, musste lange nach Drehschluss ausgetauscht werden.

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Als „Red Dawn“ (deutscher Titel: „Die rote Flut“) im Sommer 1984 in den USA ins Kino kam, wurde der Film zum nationalen Ereignis. Als ultimative Fantasie über eine kommunistische Invasion war er die absurde Apotheose des Reagan-Ära-Kinos. In einem Provinzkaff in Colorado landen Fallschirmspringer vor der Highschool (und schießen die entgegeneilenden Lehrer nieder): Beginn der sowjetisch-kubanisch-nicaraguanischen Besatzung! Die Welt ist im Chaos, u. a. wegen eines Wahlsiegs der Grünen in Deutschland und deren Forderung nach Abschaffung der Atomwaffen – „Nato dissolves. United States stand alone“.

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Der US-Nationalgeist aber bleibt ungebrochen: Ihn verkörpert eine Gruppe Jugendlicher, gespielt von werdenden Stars wie dem späteren „Dirty Dancing“-Paar Patrick Swayze und Jennifer Grey sowie Charlie Sheen in seinem Debüt. Sie fliehen in die Wälder und führen einen verzweifelten Guerillakrieg. Ihr Nom de Guerre, „Wolverines!“, wurde zum Schlachtruf – und war nicht das einzige Filmzitat, das in den populären Wortschatz der USA einging: Noch 2003 diente es als Codewort bei einer Militäraktion im Irak zur Festnahme von Saddam Hussein, der „Operation Red Dawn“.

„Der Hurra-Patriotismus-Film schlechthin“

Der Film schildert dabei eine Art verkehrtes Vietnam als Vaterlandsverteidigung – verkörpert durch einen Papa (Harry Dean Stanton), der hinter dem Zaun des Umerziehungslagers seinen beiden Wolverine-Söhnen „Rächt mich!“ nachruft und bald darauf hingerichtet wird, während er „God Bless America“ singt. Studiochef Frank Yablans hatte Reagans ersten Verteidigungsminister, Alexander Haig, als Berater engagiert, mit dem erklärten Ziel, „den Hurra-Patriotismus-Film schlechthin“ zu kreieren.

Selbst dem ultrakonservativen Regisseur John Milius wurde das zu viel: Der Waffennarr, Militärstrategiespiel-Liebhaber und „Zen-Anarchist“ wollte ein glaubhaftes Invasionsszenario bieten (auch linke Kommentatoren waren beeindruckt) und in seinem Faible für dunkle Neo-Hemingway-Romantik schwelgen. So legte er Western-Mythen über die Hysterie antikommunistischer Paranoia-Reißer der 50er wie „Invasion U.S.A.“, durchaus mit Bewusstsein für deren Absurdität: Im Kino der besetzten Stadt läuft der Sowjet-Propaganda-Klassiker „Alexander Newski“. Die patriotischen Posen und Macho-Initiationsrituale (Hirschbluttrinken nach der Jagd) der Wolverines kollidieren mit einem Gefühl der Aussichtslosigkeit ihres Widerstands, trotz mildernder Studioeingriffe wie dem Einfügen einer heroischen Inschrift am Ende und der Eliminierung der Trademark-erschütternden Szene, in der Rotarmisten stolz ihre Kalaschnikows vor den „goldenen Bögen“ von McDonalds' präsentieren.

Dafür ließ der offizielle Partisanen-Fan und heimliche Castro-Bewunderer Milius einen stolzen kubanischen Offizier die Wolverines als Brüder im Geiste anerkennen. „Red Dawn“ wurde zum Kultfilm nicht nur für sogenannte Survivalisten und Milizbewegte, darunter der Oklahoma-Bombenattentäter Timothy McVey. Als kulturelles Artefakt ist er einer der definierenden US-Filme seiner Ära. Dass das aktuelle Remake diesen Status erhält, ist unwahrscheinlich, dennoch hat die „Red Dawn“-Neuauflage zeitgemäße Resonanz. Die Handlung ist im Kern zwar dieselbe, die Besetzung aber weniger interessant (Jungstars wie „Thor“ Chris Hemsworth) und die ausgiebige Action von jener grassierenden Unübersichtlichkeit geprägt (im Regiestuhl debütiert Stunt-Spezialist Dan Bradley), die alle Logik plattwalzt.

Hinter dem unsinnigen Spektakel ist die Mission des neuen „Red Dawn“ nur noch vage auszumachen: Statt des noblen Kriegerideals von Milius wird eine Tea-Party-Fantasie beschworen: Die Bewährungsprobe der Helden ist nun direkte Folge des Versagen einer schwachen US-Regierung. Die unglaubliche Hintergrundgeschichte des Films verrät ein Projekt mit noch schärferer Stoßrichtung: Denn eine entscheidende Änderung hatte man doch vorgenommen – als Invasoren hatte man eigentlich die Chinesen vorgesehen: Der Hauptgläubiger der USA hatte Truppen entsandt, um die Staatsschulden einzutreiben! Doch die 2010 fertiggestellte Produktion blieb wegen der Insolvenz des MGM-Studios im Regal – und wurde zum Politikum. Pekings Medien fuhren eine Kampagne: „Die USA wollen mit der Neuauflage eines Films aus dem Kalten Krieg China dämonisieren“, titelte die zweisprachige (englisch/chinesisch) „Global Times“.

Weil man es sich nicht mit dem größten asiatischen Absatzmarkt verscherzen wollte, schritt man zur digitalen Nachbearbeitung, und machte aus den chinesischen Besatzern Nordkoreaner! Die beste Szene des Films verdankt sich dieser Änderung: Statt der Texttafel des Originals gibt es jetzt eine clevere Montage aus Nachrichtenfetzen, die von der eskalierenden Wirtschaftskrise zum Aufstieg Nordkoreas führen, das daraufhin quasi im Alleingang als „Achse des Bösen“ fungiert. An Absurdität zwar kaum zu überbieten, aber im weiteren Dauerfeuer macht es so gut wie keinen Unterschied: Der Film könnte schlicht „Die gelbe Flut“ heißen.

Rote Raketen zerschmettern das Kapitol

Offenbar fühlte sich Nordkorea jedoch geehrt genug, um sein Scherflein zur Promotion des neuen „Red Dawn“ beizutragen: Knapp vor dem US-Kinostart im November annoncierte das Regime in Pjöngjang, es hätte Interkontinentalraketen, mit denen es das US-Festland treffen könnte. Das Propagandaposter dazu sah aus wie das Filmplakat eines Hollywood-Blockbusters: Eine Armada einschlagender roten Raketen lässt das Kapitol in Washington zerbersten.

Paranoia in zwei Akten
1984, als der konservative Hardliner Ronald Reagan US-Präsident war, kam die erste Auflage des Films, in dem die USA Opfer einer kommunistischen Invasion werden, gegen die sich nur wenige heldenhafte Guerillakämpfer stemmen.
2010, als die Anhänger der Tea Party Reagans Fantasien weit überboten, wurde das Remake gedreht. Die Invasoren kamen nun aus China (um die Staatsschulden einzutreiben). Dieser Plot kam in China so schlecht an, dass der fertige Film nachbehandelt und China durch Nordkorea ersetzt wurde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2012)

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4 Kommentare

Der Volksstimme-Artikel fuer heute

Ist das Ausgewogenheit? Oder Sentimentalitaet?

Geifernder BoBo Journalist bei der Arbeit

Jaja ganz furchtbarer Film - wie kann man nur zeigen das sich Leute gewaltsam gegen Kommunisten wären - wenn auch in einem fiktiven Szenario. Das sind schon Filme besser in dennen der kommunismuß gehuldigt wird wie zb Che. Alles böse was nicht dem Weltbild der Journaile entspricht.

Re: Geifernder BoBo Journalist bei der Arbeit

Gegen derartig dumme Postings sollte man sich auch "wären"... der Artikel hingegen ist in meinen Augen sehr ausgeglichen und fundiert! Tolle Kritik eines fragwürdigen Klassikers!

Re: Geifernder BoBo Journalist bei der Arbeit

Ich kann mich gar nicht entscheiden. Ist deine Meldung jetzt inhaltlich (Zufallsgriffe in den Schmutzkübel - "geifernd", "Bobo" und "Journaille") oder orthographisch (Stichwort "kommunismuß") schlechter?

Auf jeden Fall noch knapp vor Jahresende ein neuer heißer Kandidat für das Un-Posting des Jahres.

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