Tom Cruise: Zu bieder für Größenwahn

Der hünenhafte Held von Lee Childs Bestsellerkrimis kommt endlich ins Kino. Aber ausgerechnet als Starvehikel für den schmächtigen Cruise. Werner Herzog stiehlt als Schurke sowieso allen die Schau.

„Jack Reacher“
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„Jack Reacher“
„Jack Reacher“ – Paramount

Eine Spätzünder-Geschichte: 43 Jahre alt war der Brite Jim Grant, als er unter dem Pseudonym Lee Child seinen ersten Krimi über den ehemaligen US-Militärpolizisten Jack Reacher schrieb. Das war 1997. Inzwischen werden seine Reacher-Romane in 20 Sprachen übersetzt, über 40 Millionen Exemplare werden verkauft. Childs Reacher ist eine Marke: Jedes Jahr erscheint plangemäß ein Band, 2010 waren es sogar zwei. Das zügige Arbeitstempo ist der Autor aus seinem ersten Job gewohnt: 17 Jahre arbeitete er beim englischen Sender Granada TV, wo er laut Eigenaussage für „40.000 Stunden Qualitätsfernsehen“ verantwortlich war, darunter erfolgreiche Krimiserien wie „Für alle Fälle Fitz“ und „Prime Suspect“.

Das habe ihn auf spannende Unterhaltung programmiert, sagt Child. So begann er, nachdem ihn Granada 1995 feuerte, mit der Arbeit an einer eigenen Krimiserie: Binnen weniger Wochen schrieb er „Killing Floor“ (deutscher Titel: „Größenwahn“), um Jack Reacher zu etablieren. Ein Schlüssel zum Erfolg des fast zwei Meter großen Einzelgängers Reacher – er hat keine Bindungen, keinen Wohnsitz und nur die Reisezahnbürste im Gepäck – ist, dass er eine Idee von Freiheit verkörpert: ein ewiger Wanderer, der im Namen seiner Gerechtigkeit zu allem bereit ist. Dann tötet er, ohne mit der Wimper zu zucken. Er hätte erst geglaubt, Reacher sei zu barbarisch für weibliche Leser, sagt Child. Ein Irrtum: „Frauen sind die größten Fans.“

 

Ein überdimensionaler Actionfilm

Zu viel darf man über den mysteriösen Reacher aber nicht erfahren, das wäre das Ende der Serie, meint sein Schöpfer, der überhaupt ganz pragmatisch kalkuliert. Zum US-Bürger hat er Reacher gemacht, weil dort der Absatzmarkt größer ist, seinen knappen Stil hat Child nicht an anderer Literatur geschult, sondern an Sachbüchern und seinen TV-Büromemos. Sich selbst fordert er, indem er von Buch zu Buch das Genre wechselt – vom Politthriller zum psychologischen Kammerspiel. Ironischerweise wirkt jetzt Reachers Leinwanddebüt eher wie ein überdimensionaler Steven-Seagal-Actionfilm.

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Ausgerechnet der kleinwüchsige Star Tom Cruise hat sich die Rolle des Hünen Reacher gesichert, bei den Fans gab es einen Aufschrei, aber der Autor wiegelte ab: Besser 100 Prozent Reacher und 90 Prozent seiner Körpergröße als umgekehrt. Im Film gibt er Cruise mit einem Gastauftritt symbolisch den Segen: Child spielt den Polizisten, der Reacher die unverzichtbare Reisezahnbürste zurückgibt. Noch eine Spätzünder-Geschichte: 15 Jahre hat es bis zum Kinoeinstand gedauert, den neunten Reacher-Roman „One Shot“ von 2005 (auf Deutsch: „Sniper“) hat man ausgewählt, der Filmtitel ist schlicht „Jack Reacher“. Es soll eindeutig ein neues Kino-Franchise um Cruise werden – „Mission: Impossible“ ist nicht genug.

Regisseur Christopher McQuarrie ist als Ko-Drehbuchautor von Bryan Singer bekannt („The Usual Suspects“, „Valkyrie“), selbst inszenierte er mit „The Way of the Gun“ (2000) einen teils bemühten originellen Thriller, aus dem eine Autoverfolgungsjagd in Erinnerung blieb, weil sie im Schritttempo stattfand. In „Jack Reacher“ inszeniert McQuarrie so eine Jagd überzeugend rasant, die Action ist überhaupt angenehm übersichtlich. Das Problem des Films liegt woanders: Child legt den Schwerpunkt der Bücher auf die Hauptfigur, nicht auf die Handlung. Der Film dehnt seinen durchschaubaren Plot auf über zwei Stunden.

 

Als Einstieg gibt es ein Attentat auf offener Straße: Ein Scharfschütze streckt fünf Menschen nieder, ein anderer wird als Sündenbock angeklagt, er verlangt nach Jack Reacher. Der taucht angemessen geisterhaft auf und würzt sein stoisches Charisma mit starken Sprüchen und Schlagkraft. Cruise ist gar nicht so schlecht in einer Rolle, die vor 25 Jahren Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone gespielt hätte: ein akzeptables Starvehikel, nur wirkt die Hauptfigur weniger geheimnisvoll als klischeebewährt.

 

Der (Selbst-)Justiz wird Genüge getan

Bis eine von Reacher angetane Anwältin (hübsch und nutzlos: Rosamunde Pike) die Intrige durchschaut und der (Selbst-)Justiz Genüge getan wird, versüßen zwei Nebendarsteller die Wartezeit. Robert Duvall leistet als Schützenveteran komische Unterstützung, aber der wahre Clou ist die Besetzung des Regisseurs Werner Herzog als Schurke: mit bayerischem Akzent und bewährt unheilverkündendem Duktus spielt er einen Gulag-Überlebenden, der sich dort einst die Finger abgekaut hat. Von seinen Gefolgsleuten erwartet er dasselbe. Eine Figur wie aus einem Herzog-Film, gleichermaßen absurd und atemberaubend. Herzog begeistert – und erinnert dabei schmerzlich daran, was diesem bei aller Brutalität biederen „Jack Reacher“ fehlt: nicht die Größe (des Hauptdarstellers), sondern ein wenig Wahn.

Der Regisseur als Darsteller

Werner Herzog (*1942 in München) ist als eigenwilliger Regisseur weltbekannt, seit 40 Jahren tritt er gelegentlich als ebenso exzentrischer Darsteller in eigenen und fremden Filmen auf. Nun spielt er bei „Jack Reacher“ erstmals in einer Hollywood-Großproduktion: einen Schurken – auf Wunsch von Tom Cruise. [Paramount]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2013)

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