Tom Cruise: Zu bieder für Größenwahn

02.01.2013 | 18:40 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Der hünenhafte Held von Lee Childs Bestsellerkrimis kommt endlich ins Kino. Aber ausgerechnet als Starvehikel für den schmächtigen Cruise. Werner Herzog stiehlt als Schurke sowieso allen die Schau.

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Eine Spätzünder-Geschichte: 43 Jahre alt war der Brite Jim Grant, als er unter dem Pseudonym Lee Child seinen ersten Krimi über den ehemaligen US-Militärpolizisten Jack Reacher schrieb. Das war 1997. Inzwischen werden seine Reacher-Romane in 20 Sprachen übersetzt, über 40 Millionen Exemplare werden verkauft. Childs Reacher ist eine Marke: Jedes Jahr erscheint plangemäß ein Band, 2010 waren es sogar zwei. Das zügige Arbeitstempo ist der Autor aus seinem ersten Job gewohnt: 17 Jahre arbeitete er beim englischen Sender Granada TV, wo er laut Eigenaussage für „40.000 Stunden Qualitätsfernsehen“ verantwortlich war, darunter erfolgreiche Krimiserien wie „Für alle Fälle Fitz“ und „Prime Suspect“.

Das habe ihn auf spannende Unterhaltung programmiert, sagt Child. So begann er, nachdem ihn Granada 1995 feuerte, mit der Arbeit an einer eigenen Krimiserie: Binnen weniger Wochen schrieb er „Killing Floor“ (deutscher Titel: „Größenwahn“), um Jack Reacher zu etablieren. Ein Schlüssel zum Erfolg des fast zwei Meter großen Einzelgängers Reacher – er hat keine Bindungen, keinen Wohnsitz und nur die Reisezahnbürste im Gepäck – ist, dass er eine Idee von Freiheit verkörpert: ein ewiger Wanderer, der im Namen seiner Gerechtigkeit zu allem bereit ist. Dann tötet er, ohne mit der Wimper zu zucken. Er hätte erst geglaubt, Reacher sei zu barbarisch für weibliche Leser, sagt Child. Ein Irrtum: „Frauen sind die größten Fans.“

 

Ein überdimensionaler Actionfilm

Zu viel darf man über den mysteriösen Reacher aber nicht erfahren, das wäre das Ende der Serie, meint sein Schöpfer, der überhaupt ganz pragmatisch kalkuliert. Zum US-Bürger hat er Reacher gemacht, weil dort der Absatzmarkt größer ist, seinen knappen Stil hat Child nicht an anderer Literatur geschult, sondern an Sachbüchern und seinen TV-Büromemos. Sich selbst fordert er, indem er von Buch zu Buch das Genre wechselt – vom Politthriller zum psychologischen Kammerspiel. Ironischerweise wirkt jetzt Reachers Leinwanddebüt eher wie ein überdimensionaler Steven-Seagal-Actionfilm.

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Ausgerechnet der kleinwüchsige Star Tom Cruise hat sich die Rolle des Hünen Reacher gesichert, bei den Fans gab es einen Aufschrei, aber der Autor wiegelte ab: Besser 100 Prozent Reacher und 90 Prozent seiner Körpergröße als umgekehrt. Im Film gibt er Cruise mit einem Gastauftritt symbolisch den Segen: Child spielt den Polizisten, der Reacher die unverzichtbare Reisezahnbürste zurückgibt. Noch eine Spätzünder-Geschichte: 15 Jahre hat es bis zum Kinoeinstand gedauert, den neunten Reacher-Roman „One Shot“ von 2005 (auf Deutsch: „Sniper“) hat man ausgewählt, der Filmtitel ist schlicht „Jack Reacher“. Es soll eindeutig ein neues Kino-Franchise um Cruise werden – „Mission: Impossible“ ist nicht genug.

Regisseur Christopher McQuarrie ist als Ko-Drehbuchautor von Bryan Singer bekannt („The Usual Suspects“, „Valkyrie“), selbst inszenierte er mit „The Way of the Gun“ (2000) einen teils bemühten originellen Thriller, aus dem eine Autoverfolgungsjagd in Erinnerung blieb, weil sie im Schritttempo stattfand. In „Jack Reacher“ inszeniert McQuarrie so eine Jagd überzeugend rasant, die Action ist überhaupt angenehm übersichtlich. Das Problem des Films liegt woanders: Child legt den Schwerpunkt der Bücher auf die Hauptfigur, nicht auf die Handlung. Der Film dehnt seinen durchschaubaren Plot auf über zwei Stunden.

 

Als Einstieg gibt es ein Attentat auf offener Straße: Ein Scharfschütze streckt fünf Menschen nieder, ein anderer wird als Sündenbock angeklagt, er verlangt nach Jack Reacher. Der taucht angemessen geisterhaft auf und würzt sein stoisches Charisma mit starken Sprüchen und Schlagkraft. Cruise ist gar nicht so schlecht in einer Rolle, die vor 25 Jahren Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone gespielt hätte: ein akzeptables Starvehikel, nur wirkt die Hauptfigur weniger geheimnisvoll als klischeebewährt.

 

Der (Selbst-)Justiz wird Genüge getan

Bis eine von Reacher angetane Anwältin (hübsch und nutzlos: Rosamunde Pike) die Intrige durchschaut und der (Selbst-)Justiz Genüge getan wird, versüßen zwei Nebendarsteller die Wartezeit. Robert Duvall leistet als Schützenveteran komische Unterstützung, aber der wahre Clou ist die Besetzung des Regisseurs Werner Herzog als Schurke: mit bayerischem Akzent und bewährt unheilverkündendem Duktus spielt er einen Gulag-Überlebenden, der sich dort einst die Finger abgekaut hat. Von seinen Gefolgsleuten erwartet er dasselbe. Eine Figur wie aus einem Herzog-Film, gleichermaßen absurd und atemberaubend. Herzog begeistert – und erinnert dabei schmerzlich daran, was diesem bei aller Brutalität biederen „Jack Reacher“ fehlt: nicht die Größe (des Hauptdarstellers), sondern ein wenig Wahn.

Der Regisseur als Darsteller

Werner Herzog (*1942 in München) ist als eigenwilliger Regisseur weltbekannt, seit 40 Jahren tritt er gelegentlich als ebenso exzentrischer Darsteller in eigenen und fremden Filmen auf. Nun spielt er bei „Jack Reacher“ erstmals in einer Hollywood-Großproduktion: einen Schurken – auf Wunsch von Tom Cruise. [Paramount]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2013)

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8 Kommentare
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Die Menschen, die Menschen

Ich finde es tatsächlich immer unglaublich zu sehen, wenn jemand über Tom Cruise, den Schauspieler schreibt oder jemand über Tom Cruise, den Scientologen.
Tolle Kritik, sachlich, objektiv. Wohingegen andere gleich Scientology miteinbringen und sich über Tom Cruise auslassen. Der Unterschied ist so eindeutig und ich weiß auch, was mir persönlich besser gefällt ;)
Und man merkt es auch bei den Kommentaren: wenn Scientology Euch so ein Dorn im Auge ist, informiert Euch darüber!

Für Tom Cruise eine Nummer zu "groß"

Habe alle Jack Reacher Romane gelesen und sorry ... aber Tom Cruise ist eine (optische) Fehlbesetzung. Natürlich ist er nicht "kleinwüchsig", aber die Romanfigur ist ein Hüne und das wird auch bei vielen Szenen in den Büchern herausgestrichen. (An den Autor des Artikels: Sylvester Stallone wäre aufgrund seiner Körpergröße ebenso die falsche Besetzung ... )

Frage mich, wie die das schaffen, Tom Cruise größer wirken zu lassen. Um es mit den Worten eines Kommentars in einem englischsprachigen Blog zu sagen: "How did they do it? Did they shoot the movie in Legoland?"

Was Tom Cruise an Zentimetern fehlt, hat er an Jahren aber zuviel. Jack Reacher ist (je nach Roman) zwischen Anfang und Mitte Dreißig. Tom Cruise ist inzwischen 50!

Mit Jack Reacher, der Ein-Mann-Armee ohne festen Wohnsitz, hat Lee Child einen neuen interessanten Charakter erschaffen. Für Tom Cruise ist diese Rolle einfach eine Nummer zu "groß"!

der character cruise

ist die antithese zur figur jack reacher! wenn man bedenkt, dass es bereits mehr als 10 bücher gibt und die filmindustrie auch keine angst mehr vor 7 folgen eines themas hat - verschwendetes geld!

Wer Cruise finanziell zur Seite steht, unterstützt auch Scientology


www.destruktive-gruppen-erkennen.com

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Re: Wer Cruise finanziell zur Seite steht, unterstützt auch Scientology

Das zeigt mal wieder, wie wenig ihr Anonymous Leute denkt. Das ist unglaublich!
Hier schreibst Du, Du schaust Dir den Film nicht an - natürlich meinst Du damit das Kino, weil Du so konsiquent dann doch nicht bist; aber kino.to etc. sind okay, ja? - und dann denkst Du nicht daran, dass noch hundert andere Leute, die keine Scientologen sind, auf die Einnahmen angewiesen sind. Menschen mit größeren und kleineren Geldbeuteln, aber alle haben sie gute Arbeit geleistet, deren wohlverdientes Geld Du ihne streitigmachen willst in Deinem fanatischen Wahn.
DU solltest Dich besser über Scientology informieren, auch über das diskriminierende Verhalten der Deutschen vor ein paar Jahrzehnten. Aber an erster Stelle solltest DU anfangen ZU DENKEN!

8 1

Bücher

Das einzige was ich sehe, wenn ich Tom anschaue, ist einen mickrigen Sientologen, und in den Büchern ist Jack genau das Gegenteil...

Tom Cruise hat eine Körpergröße, die

im unteren Bereich des Durchschnitts liegt (bin selbst nur 1,75 groß)- aber "kleinwüchsig" ist er noch lange nicht ! Kleinwüchsig trifft z.B. auf den großen Peter Dinklage zu, aber nicht hier.

Ein Reacher ist der Scientology-Freak nie und nimmer.

Was aber egal ist, denn Filme mit dem sehe ich mir schon aus Prinzip nicht an.

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