„Paradies: Glaube“: Das Kreuz im sündigen Wien

„Paradies: Glaube“, der zweite Teil von Ulrich Seidls Trilogie, kommt am Freitag in die Kinos. Es ist kein Film über Religion, es geht um den Menschen. Brillant: Ausnahmeschauspielerin Maria Hofstätter.

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Maria Hofstätter – (c) Seidl Film Reiner Riedler (Reiner Riedler)

Leben eine strenggläubige Christin und ein querschnittsgelähmter Mann in einem Wiener Vorort . . . Hört sich wie der Beginn eines Stammtischwitzes an, ist aber der neue Film von Ulrich Seidl. Lachen darf man trotzdem in „Paradies: Glaube“, dem zweiten Kapitel der „Paradies“-Trilogie: Vielleicht muss man das sogar, um den grimmigen Tonfall der Geschichte ertragen zu können. Dann fällt nicht mehr auf, wie weh all das tut, wie wahrhaftig all das ist.

Zuerst sprechen wie in jedem Seidl-Film die Körper: Wo Teresa, die Hauptfigur aus „Paradies: Liebe“ noch warm und weich wirkt, ist ihre Schwester in „Paradies: Glaube“ kalt und verknöchert. Anna Maria ist um die 50, trägt gern Blusen und knielange Röcke in gedeckten Farben, ihr Haar steckt sie zu einem Großmutterdutt hoch. Nichts soll davon ablenken, dass sie ihr Leben und Wirken einem einzigen Mann gewidmet hat: Jesus. Gleich in der ersten Sequenz kniet sie mitten im Seidl-Tableau und betet zu ihrem Erlöser: er möge die Menschen von ihrer Triebhaftigkeit befreien. Denn: „So viele Menschen sind von Sex besessen!“ Ihr Fleisch bebt, die Brüste kreisen, als die mehrschwänzige Ledergeißel immer wieder auf ihren Rücken knallt. Die Striemen leuchten rot und Anna Maria knöpft sich zu. Sie hat ihre Buße getan. Für heute.

Die österreichische Ausnahmeschauspielerin Maria Hofstätter lebt in dieser Figur: über monatelange Vorbereitung und Recherche nähert sich die Seidl-Erprobte an die strenge, spröde Anna Maria an, bis sie sich in ihr und mit ihr wohlfühlt. Auch deshalb wirkt sie wie organisch gewachsen, selbst in den knalligsten und konkretesten Momenten, etwa wenn sie den Jesus am Kreuz inbrünstig küsst und leckt, bevor sie ihn mit unter die Bettdecke nimmt. Die eigentliche Arbeit erwartet sie aber ohnehin fernab von ihrer in demütigen Braun- und Grautönen gehaltenen Mehrzimmerwohnung, nämlich im sündigen Wien: Wenn sie Zeit hat, missioniert Anna Maria in der Großstadt. Die Wandermuttergottes auf den Armen sucht sie Menschen in ihren Wohnungen heim, will sie davon überzeugen, von ihren Sünden abzulassen.

Das erlaubt Seidl und seiner Ko-Autorin Veronika Franz auch, ihren Film zu öffnen: Anna Maria redet auf Alkoholiker, Ausgestoßene und Ausländer gleichermaßen ein. Seidls Filme und die darin gezeigten Lebenswelten gelten nicht wenigen als hermetisch, vertragen sich untereinander aber bestens, wie „Paradies: Glaube“ beweist. Da landet die Wandermuttergottes in der von Müllwänden eingeengten Wohnung des selbst erklärten Privatgelehrten, Playboy und Roulettespezialisten (!) René Rupnik, den Seidl bereits in „Der Busenfreund“ porträtiert hat. Später wird Anna Maria versuchen, eine betrunkene Frau zu missionieren. Gespielt wird sie beeindruckend bedrohlich von der Lettin Natalija Baranova, der Hauptdarstellerin aus Seidls „Import/Export“. Insofern ist „Paradies: Glaube“ auch ein Schlendern, vielleicht besser: ein Marschieren, durch das Seidl-Land und seine Attraktionen. Vor einem breitet sich ein Kino-Kontinent aus, der nur so lange fremdartig wirkt, bis man ihn als das erkennt, was er ist: ein Teil von uns.

Das moslemische Ehemann kehrt zurück

Die schwierigste Glaubensprüfung erwartet Anna Maria allerdings nicht in Wien – obwohl der beobachtete Gruppensex im Park durchaus ein Schock für sie ist –, sondern in den eigenen vier Wänden. Vor Jahren verlässt sie ihr Ehemann Nabil (eine Entdeckung: Nabil Saleh) nach einem schweren Unfall: Er ist querschnittsgelähmt, Anna Maria findet zu Gott. Jetzt hockt der Moslem plötzlich wieder auf ihrer Wohnzimmercouch und erwartet von seiner Frau die Einhaltung ihrer ehelichen Pflichten.

Weltbilder, moralische Vorstellungen und Körper prallen aufeinander, bis das Papstfoto von der Küchenwand fliegt. „Paradies: Glaube“ ist kein Film über Religion: es geht um den Menschen. Darum wie er liebt, woran er glaubt und worauf er hofft. Und Seidl weiß besser als jeder andere gegenwärtige Regisseur: Erst, wenn das Paradies, oder die Vorstellung davon, zerbricht, findet man Wahrhaftigkeit. Vor allem an gottverlassenen Orten. Und in gottverdammten Leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2013)

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