„Paradies: Glaube“: Das Kreuz im sündigen Wien

07.01.2013 | 17:27 |  Von Markus Keuschnigg (Die Presse)

„Paradies: Glaube“, der zweite Teil von Ulrich Seidls Trilogie, kommt am Freitag in die Kinos. Es ist kein Film über Religion, es geht um den Menschen. Brillant: Ausnahmeschauspielerin Maria Hofstätter.

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Leben eine strenggläubige Christin und ein querschnittsgelähmter Mann in einem Wiener Vorort . . . Hört sich wie der Beginn eines Stammtischwitzes an, ist aber der neue Film von Ulrich Seidl. Lachen darf man trotzdem in „Paradies: Glaube“, dem zweiten Kapitel der „Paradies“-Trilogie: Vielleicht muss man das sogar, um den grimmigen Tonfall der Geschichte ertragen zu können. Dann fällt nicht mehr auf, wie weh all das tut, wie wahrhaftig all das ist.

Zuerst sprechen wie in jedem Seidl-Film die Körper: Wo Teresa, die Hauptfigur aus „Paradies: Liebe“ noch warm und weich wirkt, ist ihre Schwester in „Paradies: Glaube“ kalt und verknöchert. Anna Maria ist um die 50, trägt gern Blusen und knielange Röcke in gedeckten Farben, ihr Haar steckt sie zu einem Großmutterdutt hoch. Nichts soll davon ablenken, dass sie ihr Leben und Wirken einem einzigen Mann gewidmet hat: Jesus. Gleich in der ersten Sequenz kniet sie mitten im Seidl-Tableau und betet zu ihrem Erlöser: er möge die Menschen von ihrer Triebhaftigkeit befreien. Denn: „So viele Menschen sind von Sex besessen!“ Ihr Fleisch bebt, die Brüste kreisen, als die mehrschwänzige Ledergeißel immer wieder auf ihren Rücken knallt. Die Striemen leuchten rot und Anna Maria knöpft sich zu. Sie hat ihre Buße getan. Für heute.

Die österreichische Ausnahmeschauspielerin Maria Hofstätter lebt in dieser Figur: über monatelange Vorbereitung und Recherche nähert sich die Seidl-Erprobte an die strenge, spröde Anna Maria an, bis sie sich in ihr und mit ihr wohlfühlt. Auch deshalb wirkt sie wie organisch gewachsen, selbst in den knalligsten und konkretesten Momenten, etwa wenn sie den Jesus am Kreuz inbrünstig küsst und leckt, bevor sie ihn mit unter die Bettdecke nimmt. Die eigentliche Arbeit erwartet sie aber ohnehin fernab von ihrer in demütigen Braun- und Grautönen gehaltenen Mehrzimmerwohnung, nämlich im sündigen Wien: Wenn sie Zeit hat, missioniert Anna Maria in der Großstadt. Die Wandermuttergottes auf den Armen sucht sie Menschen in ihren Wohnungen heim, will sie davon überzeugen, von ihren Sünden abzulassen.

Das erlaubt Seidl und seiner Ko-Autorin Veronika Franz auch, ihren Film zu öffnen: Anna Maria redet auf Alkoholiker, Ausgestoßene und Ausländer gleichermaßen ein. Seidls Filme und die darin gezeigten Lebenswelten gelten nicht wenigen als hermetisch, vertragen sich untereinander aber bestens, wie „Paradies: Glaube“ beweist. Da landet die Wandermuttergottes in der von Müllwänden eingeengten Wohnung des selbst erklärten Privatgelehrten, Playboy und Roulettespezialisten (!) René Rupnik, den Seidl bereits in „Der Busenfreund“ porträtiert hat. Später wird Anna Maria versuchen, eine betrunkene Frau zu missionieren. Gespielt wird sie beeindruckend bedrohlich von der Lettin Natalija Baranova, der Hauptdarstellerin aus Seidls „Import/Export“. Insofern ist „Paradies: Glaube“ auch ein Schlendern, vielleicht besser: ein Marschieren, durch das Seidl-Land und seine Attraktionen. Vor einem breitet sich ein Kino-Kontinent aus, der nur so lange fremdartig wirkt, bis man ihn als das erkennt, was er ist: ein Teil von uns.

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Das moslemische Ehemann kehrt zurück

Die schwierigste Glaubensprüfung erwartet Anna Maria allerdings nicht in Wien – obwohl der beobachtete Gruppensex im Park durchaus ein Schock für sie ist –, sondern in den eigenen vier Wänden. Vor Jahren verlässt sie ihr Ehemann Nabil (eine Entdeckung: Nabil Saleh) nach einem schweren Unfall: Er ist querschnittsgelähmt, Anna Maria findet zu Gott. Jetzt hockt der Moslem plötzlich wieder auf ihrer Wohnzimmercouch und erwartet von seiner Frau die Einhaltung ihrer ehelichen Pflichten.

Weltbilder, moralische Vorstellungen und Körper prallen aufeinander, bis das Papstfoto von der Küchenwand fliegt. „Paradies: Glaube“ ist kein Film über Religion: es geht um den Menschen. Darum wie er liebt, woran er glaubt und worauf er hofft. Und Seidl weiß besser als jeder andere gegenwärtige Regisseur: Erst, wenn das Paradies, oder die Vorstellung davon, zerbricht, findet man Wahrhaftigkeit. Vor allem an gottverlassenen Orten. Und in gottverdammten Leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2013)

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32 Kommentare
 
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Versteh ich nicht

Will keine Popularität und dennoch gibt es ein Foto mit Seidl in der Presse.

Na gut, nur in der Presse.
Liest ja nicht die Masse.
Aber immer hin, es ist Popularität.

Der kleine Unterschied

Was wäre gewesen, hätte er nur die Rollen vertauscht, und der Moslem wäre so dargestellt worden, wie die Katholikin? Dann hätte es nämlich keine Auszeichnung für diesen Film gegeben, sondern Massenproteste wütender Moslems. Eine Klage wegen Herabwürdigung religiöser Lehren von den Grünen und von Islamverbänden. Eine Betroffenheitsrede des Bundespräsidenten, der erschüttert wäre wegen intoleranten Verhaltens, und vieles mehr.
Weil es aber nur ein Kruzifix ist (also eine Darstellung von Jesus, der als Gott verehrt wird und der sich für die Menschen hingibt), mit dem im Film mastrubiert wird, und nicht Mohammed, darum gibt es ein gratis Werbeinterview im ORF, und allerlei Auszeichnungen. Darüber hinaus gibt es von Armin Wolf so gut wie keine kritische Frage. Es hat diesen Film jeder lustig zu finden. Wer nicht lacht, gehört zu jenen Personen, die im Film gezeigt werden. So einfach ist die Welt für Armin Wolf und Ulrich Seidl.
Die Katholische Kirche zählt in Österreich immer noch 5,36 Millionen Mitglieder. So viele Menschen könnten sich eventuell religiös herabgewürdigt vorkommen, wenn Christus als Vibrator herhalten muss, doch für Armin Wolf ist das keine Frage wert, ob das nicht das Gleiche ist, was vor Jahren Susanne Winter (FPÖ) tat, als sie Mohammed mit einen Kinderschänder verglich, und wofür sie bis zum Hals verabscheut, und verurteilt wurde? 5,36 Millionen Menschen sind für den ORF keine relevante Zahl. Es ist egal ob sie beleidigt sind, oder sich auf den Schlips ge

Re: Der kleine Unterschied


Na, jetzt bremsen Sie sich aber bitte ein.

Wie glauben Sie, kommen sich 5,36 Mio. Kirchenmitglieder in Österr. vor, wenn sie vom Missbrauch von Minderjährigen in Ihrer hl. Kath. Kirchen hören müssen? Und das ist kein Film, sondern richtig grausame und nie wieder gut zu machende, tragische Realität. Hätte man sowas einem meiner Kinder angetan, ich wäre zum Mörder geworden.

Wenn die Amtskirchen endlich einmal selbst all der Scheinheiligkeit entsagen könnte, dürfte sie sich ein Urteil über andere erlauben.

Ich habe 8 Jahre lang eine Klosterschule besucht, und eine geniale, weltoffene, intellektuelle christl. Erziehung mit auf den Weg bekommen, und zwar jenseits jeder Scheinheiligkeit - so geht's nämlich auch.

PS: Der Film will Atmosphäre, Charaktäre, innere menschl. Welten vermitteln und Hofstätter ist eine geniale Besetzung dafür - gerade diese Identität ist viell. das Provozierende.


Re: Der kleine Unterschied

Ich bin Seidl Fan, aber in diesem Punkt muß ich Ihnen leider völlig zustimmen.

Re: Der kleine Unterschied

Die so offene, tolerante und freie Film- und Mediengesellschaft wird sich in einigen Jahren wundern, wie weit ihre Freiheiten noch gehen werden, wenn die so Tolerierten und Hofierten hier das Sagen haben.

Re: Der kleine Unterschied

Berechtigte Kritik am Islam ist ganz großes pfui.

Unberechtigte Kritik (also alles was linksgrüne Journalisten und andere Gutmenschen dafür halten) ist Herabwürdigung/Diskreminierung/Menschenrechtsverletzung pur und wird rechtlich verfolgt.

Da der Islam ja in diesen Kreisen mit Frieden übersetzt wird, gibt es logischerweise nur unberechtigte Kritik.

Also, ich kann nichts Schlechtes sagen über die Ulrich-Seidl-Filme,

ich hab mich dabei immer amüsiert.

Re: Also, ich kann nichts Schlechtes sagen über die Ulrich-Seidl-Filme,

Sie meinten wohl fadisiert - betulich aufgesetzter, dramaturgiefreier Kunstdünger.

(Drehbuch brauchen wir deshalb nicht, weil es Förderungen auch ohne Wissen um Dramaturgie und Drehbuch gibt - solange nur die Richtung stimmt).

Re: Also, ich kann nichts Schlechtes sagen über die Ulrich-Seidl-Filme,

interessanter kommentar. wie kommen sie darauf, dass sie etwas schelchtes hätten sagen sollen? wollen sie darüber reden? ;-)

österreichischer film

daß es es leute wie haneke und seidl gibt,oder auch spielmann mit seinem großartigen "revanche"ist großartig.unterhaltungsfilme gibts ja in massen.aber selbst wenn sie perfekt gemacht sind,wie "avatar"oder "herr der ringe"bleiben sie alle oberflächlich und berühren einen nicht,sie unterhalten bloß.wenn der film aus ist ist die sache gegessen wie das popcorn.
die filme von haneke und seidl sind weder pervers noch gewalttätig oder nihilistisch.
viele die hier kritisieren habe die filme meist gar nicht gesehen,weil ihnen ein ausschnitt im fernsehen schon "gereicht"hat.
ich kann nur allen empfehen an der kinokasse den inneren schweinehund zu überwinden und die unterhaltung gegen die kunst einzutauschen.sie unterhält sogar besser.


Re: österreichischer film

An der Kinokasse geschieht aber sehr wenig - trotz hohem, medialem Einsatz und Förderung durch die BoHo Kultur Dancers (c) Tom Wolfe.

"Stammtischwitz" scheint schon der richtige Bezug zu sein

Es mag solche Personen geben, aber dass der Film nicht auf die Religion abzielt, dieser Meinung des Kommentators kann man nach dem Interview Seidels zu diesem Film kaum nachvollziehen.

Wenn er selbst seine Einladung zur Biennale mit der Tatsache verknüpft, dass auch "Italien ein katholisches Land" ist, geht nicht nur der Betrachter dieser Verknüpfung mit Religion nach, sondern hat der Filmemacher selbst diese Intention gehabt. Vor allem, wenn er auf "eine Reaktion des Vatikans wartet" zeigt dies, wer mit diesem Film u.a. provoziert werden soll bzw. zu welchem Zweck der "Tabubruch" vollzogen wird.

Mit extremen Tabubrüchen mag man wenigstens aufgrund dessen der Aufmerksamkeit sicher sein, um so mehr, wenn man darauf spekuliert, dass einem der Vatikan die Freude einer Kritik macht.

lächerlich

Diese Links,Rechts Saga im Österreichischem Film ist echt lächerlich, vl. kann mir jemand hier mal einen Einblick in seine wirre Gedankenwelt geben:-) vielen dank , ich möchts verstehen wirklich

Re: lächerlich

Subventionen!! Und die Hofer Filmtage mit Diagonale
Anhang (inkl. Reisespesen durch den Steuerzahler).

Re: Re: lächerlich

in österreich wird jeder trachtenverein subventioniert,also warum nicht auch kunst die in der ganzen welt anerkennung findet.

Re: Re: Re: lächerlich

Alles Ok - nur aussprechen sollte man es. Das mit der Anerkennung ist allerdings so eine Sache - auch Jelinek hat den Nobelpreis bekommen - geht schon, solange alle im selben Biotop schwimmen. Für Insider sind aber oft die Kommentare hinter vorgehaltener Hand aufschlussreicher, als der Preis ;-0

"Keuschnig" lässt die Brüste kreisen!

Oder: Keinen Cent für die perverse linke österreichische Filmkultur!

Kino

Ich habe Blut geleckt und werde mir sowohl den ersten "Paradies"-Film, als auch den zweiten mit Frau Hofstätter ansehen.
Soweit ich informiert bin, spielt es im Gartenbau diese Woche beide Filme.

Schon jetzt allerdings halte ich diese Frau für eine besonders gute Schauspielerin.

Frage

warum muss der österreichische Film immer entweder pervers, verstörend oder extrem brutal sein?
man bekommt ja das Gefühl, alle Österreicher sind krank!

Re: Frage

welcher österreichische film ist pervers?
verstörend zu sein ist in derkunst kein makel.
und extreme brutalität können sie an jedem abend im satelliten-tv erleben.wahrscheinlich fällt ihnen das gar nichtmehr auf wieviele tote es da gibt.viele dieser filme werden sie sogar als unterhaltend und gut gemacht empfinden und als gar nicht pervers.

zählen sie einmal die toten im herrn der ringe.

Re: Frage

welcher österreichische film ist pervers?
verstörend zu sein ist in derkunst kein makel.
und extreme brutalität können sie an jedem abend im satelliten-tv erleben.wahrscheinlich fällt ihnen das gar nichtmehr auf wieviele tote es da gibt.viele dieser filme werden sie sogar als unterhaltend und gut gemacht empfinden und als gar nicht pervers.

zählen sie einmal die toten im herrn der ringe.

Re: Frage

ihre Kritik erinnert mich an die Aufstände die ein echter Wiener geht nicht unter bei erstaufführung hatte - aus dem selben Grund wie Seidels arbeiten -es ist alles so realistisch das es weh tut und eigentlich mag man es gar nicht sehen - schon seltsam das die international gefeierten Filmemacher aus Österreich daheim eher geächtet werden -Hauptsache man freut sich das Österreich schon wieder einen Oscar bekommen hat aber die Filme von dem Haneke kann man sich ja wirklich nicht anschauen- das ist schizophren und zutiefst österreichisch

Die Linke

beherrscht das gesamte staatliche finanzierte Kulturleben. Sie kann naturgemäß nur Abartiges herstellen.

Weils leichter ist.

Wer Filme fürs Publikum machen will, muß einerseits sein Handwerk beherrschen UND außerdem Gespür für seine zahlenden Kunden haben - oft benötigt man außerdem noch jede Menge Startkapital.

Für die Kritiker reicht ein handwerklich korrekter Film mit nihilistischer Botschaft - denn damit legt man sich der Kritiker philosophisch im Zweifel nicht an.

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Re: Frage

Wer den Betrieb kennt, weiß: Billig zu produzieren, zwar wenig Zuschauer an der Kasse, dafür aber Preise von den selbsternannten " Fachkritikern" und damit wieder ein weiteres Überleben mit der nächsten Förderung.

So etwas nennt man "vorauseilender Gehorsam".

Daher lebt der Österreichische Film in erster Linie vom sich selbst bedienenden Biotop - aber wie sagte schon der große Billy Wilder, als er gefragt wurde, worum es im Film Business gehe: " Its all about the next job"

Ps: Leid tut mir die großartige Schauspielerin nur, wenn sie auf "Ausnahmetalente" wie Herrn Palfrader treffen muss und sich dadurch längere Zeit in der talentfreien Zone aufzuhalten hat.

Re: Frage

man bekommt ja das Gefühl, alle Österreicher sind krank!

Sie sind es, jedenfalls in diesem Genre.

 
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