„Body Complete“: Knochensuche in Bosnien

16.01.2013 | 18:11 |  ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

Die ambitionierte Produktion behandelt die Folgen des Bosnien-Krieges. Dennoch bleibt die Geschichte rund um die Suche nach einer vermissten jungen Frau steif und konstruiert. Ab Freitag im Kino.

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Eines vorweg – bevor wir zum „Aber“ kommen: „Body Complete“ ist kein typischer Privatfernsehfilm. Es fehlt an Klamauk, blanker Haut und Sozialpornografie. Stattdessen wird eine Geschichte mit wahrem und ernstem Hintergrund erzählt. Die Wiener Journalistin Nicole fliegt 2004 nach Sarajewo, um nach einer vermissten jungen Österreicherin mit bosnischen Wurzeln zu suchen. Mit dem demütigen Übersetzer Branko und dem zuerst mürrischen, dann aber treuherzigen Kameramann Murat begibt sie sich in ein kleines Dorf in der Republik Srpska.

Sie hat Fragen, die sie „besser nicht stellen sollte“, wie ihr der brave Branko vorwirft. Doch Journalisten stellen Fragen, auch wenn das dem fiesen Bürgermeister des Ortes und seinem brutalen Vasallen Slobodan nicht gefällt. Nicole besucht ein Team forensischer Anthropologen, das die Massengräber aus der Zeit der ethnischen Säuberungen während des Bosnien-Krieges (1992 bis 1995) aushebt und die Knochen analysiert. Erst wenn ein Leichnam gänzlich rekonstruiert und damit ein „Body Complete“ ist, können die Angehörigen ihn begraben.

Echte Forensiker der International Commission on Missing Persons (ICMP), die seit 1996 mehr als 16.000 Leichen in Bosnien und Herzegowina identifiziert haben, brachten Regisseur Lukas Sturm („Demokratie – Die Show“, „Tatort“ „Scheitern, scheitern, besser scheitern“) auf die Idee zu diesem Kinofilm, den der Privatsender Puls4 finanziert hat. Ein Dokumentarfilm über die Arbeit des ICMP ist in Planung.

Die Spannung – um nun zum „Aber“ zu kommen – will sich nicht so recht entwickeln. Das liegt vor allem an Hauptdarstellerin Asli Bayram, die die Rolle der Nicole seltsam eindimensional anlegt. Obwohl Nicole in den 1990er-Jahren für einen TV-Sender aus dem Kriegsgebiet berichtet und offenbar ein Kind mit ihrem Kameramann bekommen hat, wirken ihre Betroffenheit und die journalistische Neugier aufgesetzt. Unrealistisch bleibt, wieso sie erst auf dieser Reise vom Tod ihres damaligen Liebhabers erfährt.

Auch sonst lassen die einzelnen Rollen keinen Platz für Schattierungen: Die Menschen sind entweder Opfer, wie die Frauen, die ihre Männer, Söhne und Brüder bei den ethnischen Säuberungen verloren haben, oder brutale Täter, die die Massentötungen leugnen und Frechheiten sagen wie: „Schlechte Menschen gibt es überall auf der Welt.“ Erst das abrupte Ende versöhnt etwas, weil es ganz ohne Happy End und Herzschmerz auskommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2013)

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