Film: Die Politik als Imagefabrik

06.02.2013 | 18:06 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Olivier Gourmet brilliert in „Der Aufsteiger“, Pierre Schoellers Porträt eines Ministers, ist ein unkonventioneller, packender Thriller. Ab Freitag im Kino.

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Seltsames geschieht im Ministerbüro: Zwischen Brokatvorhängen und Goldornamenten arrangiert eine Gruppe von Gestalten in Schwarz – sogar die Gesichter sind vollständig vermummt – das Interieur rund um den Schreibtisch neu. Aus ihrer rituell anmutenden Prozession löst sich eine nackte Frau und setzt sich aufreizend vor einen Alligator, der unerklärt in der Ecke lauert. Dann kriecht sie kurz entschlossen in dessen weit aufgerissenes Maul.

Und der Verkehrsminister fährt aus seinem Traum hoch. So beginnt „Der Aufsteiger“, ein packendes Politikerporträt des Franzosen Pierre Schoeller („Versailles“): Die Mischung aus Faszination und Verstörung, die mit dieser verblüffenden Eröffnung etabliert wird, legt eine albtraumhafte Atmosphäre über den Film, die zwei Stunden lang vertieft wird. Dabei geht es nachher hauptsächlich um den Alltag des Ministerdaseins: Aber Schoellers unkonventioneller Zugang macht daraus einen zutiefst beunruhigenden Politthriller – bezeichnenderweise wies er vor Drehbeginn seine Darsteller an, sie sollten spielen, als wäre es ein Mafiafilm.

Unter dem Gesichtspunkt könnte man sagen: Die Hauptfigur ist ein Außenseiter der Familie. Und ein Hoffnungsträger, weil sie nicht zum engsten Kreis der herrschenden Kaste gehört. Die braucht frisches Blut und willfährige Diener: „Er ist kein Thronfolger“, sagt der Präsident zufrieden über Verkehrsminister Bertrand Saint-Jean, dem der (wie stets) großartige Olivier Gourmet – Stammschauspieler der gefeierten Dardenne-Brüder, die hier koproduziert haben – die Züge eines Durchschnittsmenschen leiht.

Aber der Mensch tritt zurück hinter seiner Funktion im System: Kaum ist Bertrand aus seinem unheimlichen Traum erwacht, ereilt ihn mitten in der Nacht ein Anruf. Ein Busunglück mit toten Kindern, er soll hinfahren und souverän repräsentieren. Eiswürfel ins Gesicht, Strategiedebatten mit seiner Beraterin bei der Anfahrt. Deren wichtigste Weisung am Unfallort ist freilich, die Krawatte zu tauschen – gegen „das neueste Modell“. Am Rückweg muss sich der Minister übergeben: Doch was sich menschlich in ihm regt, unterdrückt er für die Karriere.

 

In den Hinterzimmern der Macht

„Politik ist eine Wunde, die nie verheilt“, sagt er später zu seinem engsten Mitarbeiter Gilles, einem Veteranen, den Glatzkopf Michel Blanc mit einer professionellen Aura ausstattet, die aus Dekaden in den Hinterzimmern der Macht kommt. Gilles steht für die alte Schule, ein Erbe der imperialen Geheimdiplomatie: Der Film kreist um seine Beziehung zu Bertrand, dem er eng verbunden ist und dessen Bereitschaft zum Opportunismus er doch widerstehen will. Auf dem Spiel steht die einzige Freundschaft, die der Minister kennt: „400 Kontakte“, sagt der mit Blick auf sein Handy, „aber kein einziger Freund darunter.“ Dass Bertrand gerade in seiner systembedingten Entfremdung nicht unsympathisch wirkt, trägt zur Verunsicherung bei: Einmal landet er im Wohnwagen seines Chauffeurs, der durch ein Solidaritätsprogramm aus der Arbeitslosigkeit geholt wurde. Dessen Haus ist unfertig: Bertrand betrinkt sich mit dessen Gattin und stellt sich sinnlos schaufelnd an den Zementmixer.

Aber alle Anliegen zählen letztlich nichts gegen Prozentpunkte für die Wiederwahl: Der wichtigste Handlungsstrang handelt von den Intrigen rund um die geplante Privatisierung der Bahnhöfe, gegen die Bertrand energisch kämpft – um sich dann doch kurzerhand der Doktrin seiner Partei zu beugen. Noch unheimlicher als im kürzlich erschienenen französischen Comic-Schlüsselroman „Quai d'Orsay – Hinter den Kulissen der Macht“ ist im „Aufsteiger“ ein beklemmendes Bild der gegenwärtigen Politik als reiner Imagefabrik zu sehen.

Regisseur Schoeller verzichtet dabei auf billigen Zynismus, vielmehr setzt er auf Irritation – in der Musik, in vielen unerwarteten Details (Gilles hört eine Malraux-Rede zum Lob der Résistance und singt geradezu mit) und im schwarzen Humor: „Ich bin der Minister, ich bin der Verkehr“, verkündet Bertrand, lässt sich über eine noch nicht in Betrieb genommenen Autobahn chauffieren und wird durch einen beeindruckend inszenierten Unfall aus der Bahn geworfen. Dann ist sein Aufstieg nicht mehr aufzuhalten: Im Moment seines größten Triumphs thront er mit seligem Blick auf einer Kloschüssel.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2013)

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