Wortspiele mit schmutzigen Hintergedanken hatte der Master of Suspense bekanntlich gern: „You may call me Hitch. Hold the Cock“, stellt er sich hier etwa Anthony Perkins vor. Ob wahr oder erfunden macht kaum einen Unterschied für „Hitchcock“, ein aktuelles Biopic, das sich auf Konzeption und Entstehung von Alfred Hitchcocks Welterfolg „Psycho“ konzentriert. Wie Anthony Hopkins dabei als Hitchcock-Darsteller redet, trifft den Ton ziemlich gut: Abgesehen davon, dass er zu schnell spricht (ein Zugeständnis an die viel beschworene fehlende Aufmerksamkeitsspanne des heutigen Publikums?), liefert Hopkins eine treffsichere Nachahmung von Hitchcocks unverwechselbarer Diktion ab. Ansonsten ist er spektakulär fehlbesetzt: Aber alle Make-up-Künstler dieser Welt wären damit überfordert, ihn Hitchcock zum Verwechseln ähnlich sehen zu lassen.
Heimliche Heldin: Hitchcocks Gattin
Trotz dieser ziemlich brechtischen Dauerirritation ist das Schauspiel die Stärke von „Hitchcock“: Die geheime Heldin ist Helen Mirren als Gattin Alma Reville, die sprichwörtliche starke Frau hinter dem erfolgreichen Mann. Als Darstellerinnen-Darstellerinnen dürfen Scarlett Johansson (als Duschszenen-Opfer Janet Leigh) und Jessica Biel (als Vera Miles) ein wenig Leben in das Klischee der kühlen Hitchcock-Blondine bringen. Toni Colette hat als patente Produktionsassistentin Peggy Robertson sogar ein bisschen mehr zu tun, die männlichen Darsteller ein bisschen weniger – selbst Michael Wincott als berüchtigter Mörder Ed Gein, der Hitchcock zwischendurch in Visionen erscheint: die Personifizierung der sprichwörtlichen dunklen Seite des Genies.
Bei all dem lässt sich schon ahnen: Inhaltlich gibt es eine oberflächliche „Reader's Digest“-Version des gängigen Hitchcock-Bilds, aufgezäumt an seinem berühmtesten Film, den er billig (und unter Eigenkapitaleinsatz) mit der Crew seiner TV-Serie „Alfred Hitchcock Presents“ machte: Der Erfolg von „Psycho“ gibt so der eigentlich ziemlich zweifelhaften These recht, dass es den Meisterregisseur brauchte, um das verpönte Horrorgenre populär zu machen.
Und bekannte Szenen aus „Psycho“ dienen als Leitfaden, um die auch ziemlich zweifelhafte Behauptung zu belegen, dass Hitchcocks Kunst auf banale Art das ausdrückte, was ihn als Menschen bewegte. So schaut Hopkins-Hitchcock durch ein geheimes Loch in der Wand seiner Schauspielerin beim Umkleiden zu wie Norman Bates seinem Opfer usw. Vor allem die Süffisanz der Dialoge gibt dem Film einen gewissen Unterhaltungswert, bevor er sich zunehmend zwischen vielen Ansätzen verzettelt – Szenen einer Ehe, psychologische Studie eines großen Filmemachers, glamouröser Schlüsselfilm über die Produktion eines Hollywood-Klassikers. Dass es mit der historischen Genauigkeit nicht immer weit her ist, zeigt sich bald, als Hitchcock mit einer Pointe ablehnt, „Das Tagebuch der Anne Frank“ zu inszenieren – zu einem Zeitpunkt, als diese Verfilmung (von George Stevens) schon seine Premiere hatte. Aber man wollte einen typischen Hitchcock-Sager drinhaben.
Genie aus der Schlüssellochperspektive
Das ist in einer Fiktion prinzipiell verschmerzbar, ärgerlich ist vielmehr, dass eine hervorragend recherchierte Sachbuchstudie (Stephen Rebellos „Alfred Hitchcock and the Making of Psycho“) als quietschvergnügter Spielfilmruin verheizt wird. „Hitchcock“ wendet sich eigentlich an Leute, die sich nicht für Hitchcock interessieren: Was man vom Hörensagen weiß, wird als „Filmbiografie“-Bestätigung serviert, zu der man wissend nicken darf. Zum Höhepunkt steht Hitchcock bei der Premiere draußen im Foyer und dirigiert buchstäblich die Zuschauerschreie im Saal, während die Duschszene läuft: So hat er sich schließlich selbst im berühmten Truffaut-Interviewbuch charakterisiert. Behindernd kommt hinzu, dass die Macher die Rechte an „Psycho“ nicht bekamen: Dessen Entstehung – der historisch interessanteste Teil – darf weder mit Ausschnitten noch Reinszenierungen illustriert werden, sondern wird immer wieder nur aus Schlüssellochperspektive angerissen.
Die ist irgendwie angemessen: Es ist keine Kunst, was Regisseur Sacha Gervasi als Kunstverständnis-Ersatz und Künstlerannäherung ausgibt, sondern ein typisches Exemplar dessen, was man Oscar bait nennt: wie zuletzt der Marilyn-Film mit Michelle Williams ein prestigeträchtiger Vorwand, um durch Ausschlachten einer Kino-Ikone bei den Oscars zu landen. Daran ist „Hitchcock“ allerdings gescheitert, was zumindest poetische Gerechtigkeit hat: Hitchcock hat schließlich auch nie einen Regie-Oscar gekriegt, nur einen nachträglichen Lebenswerk-Preis. Dieser Film ehrt ihn auch nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2013)
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