„Kon-Tiki“: Thor Heyerdahls Wagnis im Kino

02.04.2013 | 18:31 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Der teuerste norwegische Spielfilm setzt die weltberühmte Floßexpedition von Thor Heyerdahl als altmodisches – und vor allem großteils analoges – Abenteuerkino um. Mit schöpferischen Freiheiten.

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Subtil ist der Anfang nicht: „Tu's nicht!“, rufen die Freunde, aber der fünfjährige Thor Heyerdahl ignoriert alle Warnungen, springt unbeirrt auf eine Eisscholle – und landet prompt im kalten Wasser. Zwar kommt der kleine Thor knapp mit dem Leben davon, aber wer glaubt, dieses traumatische Kindheitserlebnis würde ein Umdenken einläuten, irrt: 28 Jahre später wird er mit ähnlicher Entschiedenheit zu einer lebensgefährlichen Expedition aufbrechen, um seine angefeindete Theorie zu beweisen.

Der Rest ist Geschichte: Mit dem archaischen Balsaholz-Floß Kon-Tiki stach Heyerdahl 1947 mit fünf Begleitern von Peru aus Richtung Polynesien in See, um zu zeigen, dass die Besiedelung der ozeanischen Inseln von Lateinamerika aus erfolgt war und nicht von Asien. 101 Tage brauchte das Sextett, um fast 7000 Kilometer auf dem freien Ozean zurückzulegen: Der Erfolg machte Heyerdahl weltberühmt, sein Sachbuch „Kon-Tiki“ (1948) wurde zum Weltbestseller, sein gleichnamiger Dokumentarfilm über die Reise von 1950 – die Crew hatte eine 16-mm-Kamera mit an Bord – gewann zwei Jahre später den Oscar als beste Dokumentation.

Weitere 60 Jahre später kommt das Abenteuer zu hoher See wieder auf die Leinwand, nun als Spielfilm: „Kon-Tiki“ ist mit einem Budget von gut zwölf Millionen Euro die teuerste norwegische Produktion, mit der Regie betraut wurden die erfolgreichen Werbefilmer Joachim Rønning und Espen Sandberg, die bei „Bandidas“ (2006) Star-Schauspielerinnen wie Salma Hayek und Penelope Cruz inszenierten und mit dem Weltkriegsdrama „Max Manus“ (2009) in der Heimat reüssierten. Mit „Kon-Tiki“ schafften sie heuer die Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film, wurden aber von Michael Hanekes „Amour“ geschlagen.

Ein großer populärer Abenteuerfilm war also jedenfalls angestrebt, sicher durchaus im Sinne des 2002 im Alter von 87 Jahren verstorbenen Heyerdahl, der stets an der Popularisierung seiner Thesen interessiert war. (Das Osloer Kon-Tiki-Museum widmete der Produktion und Entwicklung des neuen Films sogar eine Extra-Ausstellung.)

 

Haie fressen das Schiffsmaskottchen

Tatsächlich hat das Resultat – ein seit 1996 verfolgtes Traumprojekt von Produzent Jeremy Thomas („Der letzte Kaiser“) – die Anmutung eines altmodischen und ein wenig zu sehr von der eigenen Bedeutung überzeugten Hollywood-Prestigeprojekts. So wirkt nicht nur das Einbrechen im Eis in der Eröffnungsszene etwas bemüht psychologisch bedeutungsschwer, seinem realen Gewicht zum Trotz: Deswegen hatte Heyerdahl nämlich Angst, schwimmen zu lernen – ein Trauma, das er erst mit 22 Jahren überwand.

Überhaupt muss man die ersten 40 Minuten des Films mit langwieriger Vorgeschichte samt Szenen von Heyerdahls Ehe auf der südpazifischen Insel Fatu Hiva eher aussitzen, die folgenden zwei Filmdrittel auf dem Floß sind aber solide gemachtes Abenteuerkino. Dass man dafür mit den Fakten etwas frei umgeht, versteht sich von selbst.

So wird das Schiffsmaskottchen – ein zugeflogener Papagei – hier Opfer einer plötzlichen Haifischattacke: In der originalen „Kon-Tiki“-Doku erzählt Heyerdahl (dessen nordischer Akzent dem Geschehen schönes Seefahrer-Flair gibt) dagegen, dass der Vogel offenbar einfach von einem Sturm weggerissen wurde. Weil der Kampf – nicht nur mit Raubfischen, sondern vor allem mit den Elementen – im Vordergrund des Spielfilms steht, sind die Begleiter Heyerdahls etwas austauschbar: Dessen Darsteller Pål Sverre Hagen vermittelt dafür erfolgreich das Gefühl, der Forscher hätte nicht einmal stillsitzen können, so besessen war er von seinen Zielen. Hingegen muss das deutsche Mannschaftsmitglied Hermann Watzinger als Nervenbündel fungieren, was in der nordischen Besatzungsharmonie des Original-Dokuments keineswegs so wirkt (Watzingers Erben haben sich bereits beschwert).

Auch andere Zuspitzungen wie die Sorge, ob die Seile halten, entbehren jeder Grundlage (Heyerdahl erklärt in seinem Dokumentarfilm sogar, dass das Gegenteil der Fall war: Sie schnitten sich ins weiche Balsaholz und waren geschützt.) Mit seinem großteils analogen Aufwand hat der neue „Kon-Tiki“-Film aber dennoch eine historische Bedeutung jenseits davon, Heyerdahls Wagnis als schöne – manchmal ein bisschen zu schöne – Fiktion in Erinnerung zu rufen. Inzwischen ist mit Ang Lees (bei uns schon vorher gelaufenem, aber eigentlich später erschienenem) „Life of Pi“ die Ozean-Odyssee zum bloßen Digitaltrip geworden.

Zur Person und Expedition

Thor Heyerdahl (1914–2002) wirkte als Forscher auf vielen Gebieten. Besonders die polynesische Kultur interessierte ihn. Zum Beweis seiner Theorie, dass die Besiedelung Polynesiens von Südamerika aus erfolgt sei, unternahm er die „Kon-Tiki“-Expedition – und bilanzierte, er habe jedenfalls gezeigt, es sei „möglich gewesen“. Mittlerweile wird das Gegenteil vermutet: Polynesier kamen auf dem Seeweg nach Südamerika. Der Erfolg seiner Expedition machte Heyerdahl berühmt, es folgten ähnliche Reisen, etwa mit ägyptisch-phönizischen Papyrusbooten („Ra I“, „Ra II“) 1969/70 von Marokko nach Amerika.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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