„Seelen“: Auch Aliens wollen küssen

Die Verfilmung des Science-Fiction-Buchs von „Twilight“-Autorin Stephenie Meyer bleibt brav und seelenlos – trotz groschenromantischer Ambitionen. Ab Freitag.

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Diane Kruger und Saoirse Ronan – (c) Concorde

Endlich Frieden auf Erden! Zu Anfang des Films „Seelen“ (im Original: „The Host“) versichert eine Erzählerstimme, dass es keinen Hunger mehr gibt, keine Gewalt. Selbst die Umwelt ist geheilt. Der Haken: Es gibt auch fast keine Menschen mehr. Intergalaktische Reisende, „Seelen“ genannt, haben die Weltherrschaft übernommen, indem sie menschliche Körper als Wirte benutzen. Die letzten Menschen werden von sogenannten „Suchern“ der Aliens aufgespürt (man erkennt sie dabei auf einen Blick – denn wen die Seelen übernommen haben, dessen Iris leuchtet silbrig-blau).

Das Blatt wendet sich, als die Sucher die 19-jährige Melanie (Saoirse Ronan) entdecken: Sonst wird das menschliche Ich des Wirtskörpers bald nach dem Einsetzen des Aliens ausgelöscht, doch Melanie leistet Widerstand. Zwei Seelen schlagen fürderhin in ihrer Brust, was zu schizophrenen Exzessen und ausgiebigen Selbstgesprächen führt: Die Außerirdische in ihr – sie heißt eigentlich Wanderer, kriegt aber bald den Spitznamen Wanda – wird von Melanies menschlichen Gefühlen und Erinnerungen überwältigt. „Ich kann nicht!“, ruft also Wanda, als Melanie vom Balkon springen will, um zum Geheimversteck der überlebenden Menschheit zu fliehen. „Ein Glück, dass ich es kann“, antwortet Melanie – und schleudert sich vom Balkon. Woraufhin eine Verfolgungsjagd beginnt, bei der die außerirdischen Friedensbringer keineswegs vor roher Gewalt zurückschrecken. Aber Logik ist ohnehin nicht die Stärke des Films.

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Teenager-Liebeswirren wie in „Twilight“

Dessen Daseinsberechtigung speist sich aus der Romanvorlage: US-Erfolgsautorin Stephenie Meyer hat das Buch zwischen Teilen ihrer „Twilight“-Bestsellerserie 2008 veröffentlicht. Ein Science-Fiction-Ausflug, der sich auch gut verkaufte, wiewohl nicht in den Dimensionen ihrer Vampir-Romanze. Die Verfilmung schien unvermeidlich, beim US-Start Ende März enttäuschte sie aber finanziell: 27 Millionen Dollar (bei 40 Mio. Produktionskosten), ein Bruchteil der Einspielergebnisse jedes „Twilight“-Films.

Dabei wird dieselbe typische Meyer-Mischung aus Genre-Klischees und Teenager-Liebeswirren samt einer üppigen Dosis ihrer mormonischen Familienwerte in haltloser (groschen-)romantischer Übersteigerung geboten: Im Zeitalter der umfassenden Ironie ist es genau die naive Leidenschaft von Meyers konservativen Fantasien, die den Reiz für Leser aller Altersgruppen ausmacht. In „Seelen“ grenzt die angemessen ernste filmische Umsetzung – jedenfalls für Uneingeweihte – jedoch häufig ans unfreiwillig Komische.

Die Sublimierung von Sex führt zu ausufernden Auseinandersetzungen um Küsse, als sich die zwei Seelen in Melanies Körper nach der Ankunft bei den menschlichen Rebellen in verschiedene Burschen verlieben. Die interne Konfusion wird in ebensolchen Zwiegesprächen verarbeitet: „Du bist wütend, wenn ich einen Mann küsse, den du liebst – und wenn ich einen küsse, den du nicht liebst“, klagt Wanda. Vor ihrem Liebsten keucht sie später mit viktorianischer Zurückhaltung: „Küss mich, als ob du dafür eine Ohrfeige möchtest.“ Zwischen den Leidenschaftskundgebungen attackieren regelmäßig die Sucher, Spannung – oder Tiefgang – will sich dennoch nicht einstellen.

Andrew Niccol hat als Drehbuchautor („Die Truman Show“) und Regisseur („Gattaca“) ein Faible für künstliche Zukunftswelten. Hier inszeniert er hauptsächlich den Kontrast zwischen der sterilen Welt der Aliens und einem Americana-Idyll: Im Innern eines Berges wogen die Weizenfelder der an Amish erinnernden letzten Menschen. Doch beides wirkt letztlich gleich künstlich: So wird die Idee des paranoiden Science-Fiction-Klassikers „Invasion of the Body Snatchers“ zum Schmachtfetzen aufgebläht und seine Anti-Konformitäts-Botschaft irritierend auf den Kopf gestellt. Denn ob Menschen oder Außerirdische – in „Seelen“ wirken alle schön brav seelenlos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2013)

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