„Inside WikiLeaks“: Papierschnee von gestern

Der brave Film über die Online-Enthüllungsplattform erregte deren Gründer Julian Assange. Dabei wirkt er in Zeiten der NSA-Abhöraffäre eigentlich schon veraltet. Immerhin brilliert Daniel Brühl. Ab Freitag im Kino.

Keine adäquaten Bilder für das Internetzeitalter: Benedict Cumberbatch, Carice van Houten, Daniel Brühl und Moritz Bleibtreu als WikiLeaks-Team.
Schließen
Keine adäquaten Bilder für das Internetzeitalter: Benedict Cumberbatch, Carice van Houten, Daniel Brühl und Moritz Bleibtreu als WikiLeaks-Team.
Keine adäquaten Bilder für das Internetzeitalter: Benedict Cumberbatch, Carice van Houten, Daniel Brühl und Moritz Bleibtreu als WikiLeaks-Team. – (c) Constantin

Zumindest einen Menschen hat dieser Film sehr erregt. „Ein reaktionäres Schnarchfest, das nur von der US-Regierung geliebt werden kann“, beschwerte sich WikiLeaks-Gründer Julian Assange per E-Mail bei der „New York Times“ über „Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“.
Überraschend ist das nicht: Schließlich basiert der Film größtenteils auf dem Buch „Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ von Daniel Domscheidt-Berg, der sich nach zweieinhalb Jahren Arbeit für die Online-Enthüllungsplattform von Assange trennte und von diesem als Verräter angesehen wird. Selbst die Macher des Films haben Assanges Reaktion vorweggenommen: Der ihn darstellende Benedict Cumberbatch darf vor dem Abspann direkt in die Kamera Kommentare abgeben – und beschwert sich auch über den „Anti-WikiLeaks-Film“.

Cumberbatch hatte Assange zuvor um ein Treffen gebeten, was der in einem offenen Brief ablehnte: Denn damit „würde ich diesen erbärmlichen Film anerkennen und die talentierte, aber verdorbene Darbietung, die das Skript Ihnen auferlegen wird, gutheißen.“ Der Film werde negativ und einseitig, fügte der seit einem Jahr als politischer Asylant in der Londoner Botschaft Ecuadors lebende Assange hinzu: „Da werden verleumderische Geschichten wieder aufgewärmt, die schon lange als falsch entlarvt wurden.“

Rührend altmodische Bildmetaphern

Der Rest der Zuseher von „Inside WikiLeaks“ wird mit Assange weniger die Erregung über angebliche Verleumdung teilen, als sich achselzuckend der Frage anschließen, warum die Geschichten wieder aufgewärmt werden. Denn über drei Jahre nach der aufsehenerregenden WikiLeaks-Veröffentlichung von Geheimdokumenten über den Afghanistan-Krieg, über zweieinhalb Jahre nach dem Erscheinen von Domscheidt-Bergs Buch und über ein Jahr nach der Flucht Assanges in die Botschaft von Ecuador wirkt dieser brave, sichtlich um Ausgeglichenheit bemühte Film bereits überholt: Angesichts der aktuellen Abhöraffäre rund um die NSA fällt es schwer, sich über die WikiLeaks-Geschichte aufzuregen. Die zeitliche Verzögerung ist nicht das einzige Problem, aber typisch für das heutige Hollywood-System, dessen Projekte in langen Entwicklungsstadien aufgehalten werden. Kein Wunder, dass sich die Großproduktionen der Traumfabrik immer mehr ins Reich der Fantasy verabschieden.

Regisseur Bill Condon, ein Spezialist für Filmbiografien („Kinsey“), hat sich eben mit den letzten „Twilight“-Filmen durch dieses Fantasiereich bewegt: Es ist ebenso bezeichnend für ein Filmindustrie-Dilemma, dass es ihm und Drehbuchautor Josh Singer an jeglicher Fantasie mangelt, wie man das Internetzeitalter adäquat ins Kino übersetzen könnte.

Die zentrale Bildmetapher ist geradezu rührend altmodisch: Die virtuelle Netzwerkzusammenarbeit an WikiLeaks wird als großes Zeitungsbüro visualisiert, mit den Mitarbeitern als Avataren an Schreibtischen voller Rechner. Bis es Enthüllungen als Papierseiten vom Himmel regnet. Das wirkt wie Papierschnee von gestern. Überhaupt regiert nostalgische Wehmut: Schon der Vorspann ist eine News-Montage des 20. Jahrhunderts samt JFK-Ermordung und Berliner Mauerfall – bis zur letzten Printausgabe von „Newsweek“. Gemäß dem Originaltitel „The Fifth Estate“ beschwört man die Online-Enthüller als fünfte Gewalt, die hoffentlich das Kontrollerbe der Zeitungen übernehmen kann.

In zu vielen Details verzettelt

Sonst erinnert „Inside WikiLeaks“ bis in die Dynamik der Hauptfiguren (Assange: visionär, aber unheimlich, Domscheidt-Berg: vernünftig, also geplagt) an den Facebook-Film „The Social Network“, nur dass nicht größenwahnsinnig „Citizen Kane“ nachgeeifert wird, eher Politthrillern wie dem Watergate-Enthüllungsfilm „Die Unbestechlichen“.

Vom Kennenlernen über die ersten Enthüllungen bis zu den großen Coups wird dabei zu viel Psychodrama ausgewalzt, um die Spannungseinlagen wirksam werden zu lassen. Überhaupt verzettelt man sich in zu vielen Details. Damit gibt der von Condon sicher, aber eben sicher nicht visionär inszenierte Film einen brauchbaren Überblick, sein größter Erfolg ist allerdings schauspielerisch: weniger bei Cumberbatchs silbermähnigem Assange, den dieser Spezialist für Understatement etwas zu getrieben anlegen muss, als in der unterspielten Darbietung von Daniel Brühl als Domscheidt-Berg. Gleich nach seiner Rolle als Niki Lauda in „Rush“ zeigt er wieder Präzisionsarbeit auf höchstem internationalen Niveau.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2013)

Kommentar zu Artikel:

„Inside WikiLeaks“: Papierschnee von gestern

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen