„Mandela“: Mythos und Make-up

„Mandela: Der lange Weg zur Freiheit“ hetzt unter Repräsentationszwang durch ein Leben, und lebt selbst vor allem von Idris Elbas imposanter Darstellung. Im Kino.

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(c) Senator/ Keith Bernstein

In Zeitlupe laufen Kinder durch ein Weizenfeld. Die Sonne über Südafrika wirft verführerische Strahlen, Stammesgesänge untermalen das Klischeebild: Großes steht zweifellos bevor. In diesem Fall: ein traditioneller Xhosa-Initiationsritus. Nur ist der junge Nelson Mandela unter den Burschen, und so wie die ersten paar Minuten der Filmbiografie „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ dargebracht werden, könnte man schon meinen, es handle sich um Christi Geburt. An der prinzipiellen Haltung ändert sich in den folgenden zweieinhalb Stunden wenig, aber dafür umso mehr beim Tempo: Denn Zeitlupe kommt eindeutig nicht mehr infrage, wenn die Macher versuchen, ihre zur gehetzten Serie großer Szenen verdichtete Version der über 800 Seiten schweren Autobiografie Mandelas durchzupeitschen.

Kaum zwinkert man mit den Augen, ist Mandela schon ein stattlicher junger Mann, der als erfolgreicher Anwalt politisches Bewusstsein angesichts der empörenden Rassenpolitik seines Landes entwickelt und sich ab Mitte der 1940er im Afrikanischen Nationalkongress gegen die Apartheid engagiert – aber auch alslebenslustiger ladies man zahlreichen Schönheiten den Kopf verdreht. Da blitzt kurz eine Widersprüchlichkeit auf, in der man den Menschen Mandela spüren kann, bevor sich der Film wieder weihevoll, aber atemlos dem Mythos zuwendet.

 

In Mandelas Gefängniszelle gedreht

Dessen Kernstück ist in allen Filmversionen Mandelas 27-jähriger Gefängnisaufenthalt nach der Verurteilung 1964 wegen Sabotage und Verschwörung zum Umsturz. Hier ist er Zentrum des Mittelteils und wurde sogar am Originalschauplatz gedreht: Die fünf Quadratmeter kleine Zelle auf Robben Island, in der Mandela bis 1982 den Großteil der Haft absaß, wirkt im Film jedoch bezeichnenderweise wie ein dramatisch ausgeleuchtetes Studioset. Und viel Zeit bleibt auch nicht mehr für Mandelas virtuose Verhandlungskünste, als er nach der Freilassung 1990 seine Nation endgültig aus der Apartheid führt.

Dass dieser Schnelldurchlauf von Mandelas Leben nicht völlig konturlos gerät, verdankt sich einem Besetzungscoup: Idris Elba, durch die Serie „The Wire“ bekannt geworden und zuletzt etwa in „Pacific Rim“ zu sehen, teilt mit dem echten Mandela den hochgewachsenen Körperbau und trifft auch dessen Sprachduktus beeindruckend – ansonst hält sich die Ähnlichkeit aber in Grenzen. Doch bereits als junger Mandela (in späteren Jahren hat die Make-up-Abteilung viel zu tun) verströmt Elba ein Engagement, das den aktivistischen Geist von Mandela direkter kanalisiert als alle Darsteller vor ihm, darunter so achtbare Kandidaten wie Danny Glover (im TV-Film „Mandela“, 1987) und zuletzt Morgan Freeman in Clint Eastwoods Rugby-Historiendrama „Invictus“.

Was den Film rund um die Figur angeht, denkt man bei diesem wirklich sehr langen Weg in die Freiheit allerdings wehmütig an Eastwoods Leistung zurück: Er erzählte nur eine kleine Episode aus Mandelas Leben, die dennoch erfüllend repräsentativ schien. Hier kommen Regisseur Justin Chadwick (der sich etwa im Anna-Boleyn-Kostümdrama „Die Schwester der Königin“ nicht von historischen Fakten hemmen ließ) und Drehbuchautor William Nicholson (der bei „Gladiator“ dahingehend auch keine Skrupel hatte) vor lauter Repräsentationszwang kaum dazu, die Figuren mit Eigenleben jenseits ihrer historischen Funktion zu füllen.

Die Konstruktion folgt dabei dem Prinzip von Richard Attenboroughs hagiografischer „Gandhi“-Filmbiografie – eine Kaskade großer und tragischer Momente eines großen und tragischen Mannes –, aber ohne Attenboroughs ebenmäßige Komposition hält wenig das ehrfürchtige Flickwerk zusammen. So spielt Naomie Harris Mandelas zweite Ehefrau, Winnie, zwar eindrucksvoll, aber es scheint die Darstellung einer multipel gespaltenen Persönlichkeit, so schnell wandelt sie sich zwischen kurzen Seitenblicken, etwa auf ihre eigene Gefängnisstrafe oder ihre Radikalisierung, die zur Trennung führte.

 

Charakteristisch: der U2-Song am Ende

Auch Mandelas Manöver beim politischen Lavieren zwischen Nationalkongress und dem weißen Präsidenten de Klerk lassen das staatsmännische Geschick des Titelhelden mehr ahnen als nachvollziehen. Der Produzent Anant Singh hat zwar sichtlich keinen Aufwand gescheut und dieses Herzensprojekt insgesamt über fast genauso lange Zeit verfolgt wie Mandela in Haft war – doch gerecht geworden ist es (bis zum charakteristischen U2-Song am Schluss) höchstens dem Mythos, aber in seiner Schwarz-Weiß-Malerei-Oberflächlichkeit eben genau nicht dem Visionär Mandela, der hinter eine simple Trennung von Schwarz und Weiß blickte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2014)

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